Die Pläne für einen riesigen Freizeitsee zwischen Herrenhausen, Garbsen und Seelze werden in der Stadt heftig diskutiert. Die zukünftigen Seebewohner zwischen Erstaunen, Skepsis und Verwunderung.
See im Garten
Manchmal hilft es, wenn man die Dinge plastisch macht. Also steigt Brigitte Stanke kurz von ihrem Klapprad, guckt auf die Skizze in der Zeitung, dann auf die Kühe, die lustlos auf ihrer Weide an der Kleingartenkolonie Leineblick lümmeln. Frau Stanke schüttelt den Kopf. Zeitung. Kühe. Zeitung. Kühe. „Und da soll ein See hin?“ Frau Stanke schaut ihren Mann an, als könnte der sich einen Reim auf die Sache machen. Der Fotograf nickt, die Kühe zucken mit den Ohren, es muss ein Fliegenschwarm unterwegs sein auf der Weide. Frau Stanke sammelt sich kurz. „Aber es ist doch so schön grün hier.“ Na ja, sagt der Fotograf, wer weiß, so ein See würde ja vielleicht die Lebensqualität erhöhen. „Och Gott“, sagt Frau Stanke.
Die Idee, zwischen Garbsen, Seelze, Stöcken und Herrenhausen eine ausgewachsene Seenplatte zu installieren, mit Häfen und Inselchen und Marinas und teuren, neuen Siedlungen, hat etwas Surreales für Brigitte Stanke, und nicht nur für sie. Noch liegen die Wiesen im satten Grün vor den Menschen im Norden Hannovers, noch können sie am Wochenende die Radwege bevölkern, die, wie ein Laubenpieper in der Kleingartenkolonie Leineblick spitz anmerkt, „grade erst neu gemacht“ worden sind – was immer man unter „gerade erst“ versteht. Man könnte die Pläne zur Kenntnis nehmen, sich ein bisschen amüsieren, und sie dann ins Altpapier legen. Wenn nicht schon so auffallend viele Menschen sich auffallend eingehend damit beschäftigt hätten.
In der Kleingartenkolonie Leineblick gleich an der B 6 guckt Helmut Hoheisel auf den Plan in der Zeitung und zuckt mit den Schultern. Seit 20 Jahren hat er seinen Garten hier, und man könnte meinen, er mache sich Sorgen um seinen Fortbestand. Aber irgendwie ist Helmut Hoheisel die Freude an seinem Garten in letzter Zeit vergangen, und wenn nicht die Erinnerung an seine verstorbene Frau wäre, wer weiß, ob er die Parzelle nicht schon längst verkauft hätte. Für ihn, so scheint es, ist die Zeit hinweggegangen über den „Leineblick“.
Helmut Hoheisel schaut auf das schmiedeeiserne Gartentor, das ihm die Lehrlinge bei der Conti einst zum Geschenk gemacht haben, auf sein Rosenbeet, in dem sich die Blüten ein bisschen quälen müssen in diesem Jahr. „Früher war es hier schöner“, sagt der 77-Jährige, und er denkt dabei an die Nachbarn von dereinst und natürlich an seine Frau. „Also sollen sie doch hier einen See hinmachen. Wir saufen hier sowieso dauernd ab, wenn Hochwasser ist.“ In seinem Häuschen kann Helmut Hoheisel anhand der alten Kommode zeigen, wie hoch das Wasser beim letzten Mal gestanden hat. Noch immer kündet eine helle Kante an dem alten Möbel davon, und eine tiefe Furche, die sich beim Gedanken an das vermaledeite Hochwasser in Hoheisels Gesicht gräbt.
Guckt man auf die Karte in der Zeitung, hat man schnell heraus, dass sie im alten Dorf in Garbsen-Havelse bald eine Strandpromenade hätten, würde Hannovers Seenlandschaft Wirklichkeit. Doris Peters hätte dann in ihrem alten Bauernhaus plötzlich Seeblick. Wie sie das findet? „Eine Frechheit“, sagt Peters, und Golden-Retriever-Welpe Bogart schaut verstört auf Frauchens sich verhärtende Züge.
Nichts gegen Marinas und Segelboote, aber Doris Peters macht sich ganz andere Gedanken darüber, was die Pläne in der Schublade des Architekten Peter Grobe für sie bedeuten könnten. Da sind zum einen die Bauarbeiten. Ohnehin ist vor ihrer Haustür ein Neubaugebiet geplant, dort, wo jetzt noch Unkraut über den Resten eines alten Bauernhauses wuchert. „Wenn die jetzt hinterm Haus anfangen zu baggern, dann nehmen sie uns in die Zange“, sagt Doris Peters. Zum zweiten denkt die Havelserin an das Hochwasser, mit dem zu leben sie gelernt hat in all den Jahren, die sie im alten Dorf wohnt. Schon jetzt müssen sie Sandsäcke stapeln und hin und wieder den Keller ausschöpfen, wenn die Leine wieder über die Ufer tritt. Einen Wall aufschütten darf sie nicht, weil ihre Wiesen im Naturschutz- und Überschwemmungsgebiet liegen. Und jetzt soll das alles einfach so ausgebaggert werden dürfen? Es ist schon frappierend, wie schnell sich Maßstäbe so verschieben.
Bogart räkelt sich im Gras. Drüben, hinterm Zaun, sieht man Radfahrer durch die Wiesen Richtung Marienwerder fahren. Der Sommer hat noch einmal vorbeigeschaut im alten Dorf, in dem bisher niemand eine Strandpromenade vermisst hat. Doris Peters wohnt hier schon ihr Leben lang, sie kennt die Nachbarn, und sie schüttelt den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute hier von der Sache begeistert wären.“ Was sie sich vorstellen kann, ist, dass sie alle zum Verkauf von Land gezwungen werden. „Und das kostet dann ‘nen Appel und ein Ei.“
Ein Appel und ein Ei ist besser als nichts, findet Heidemarie Hartmann drüben in der Kleingartenkolonie Leineblick. Die Kolonie bliebe zwar nach den bisherigen Planungen von einer Überschwemmung verschont, aber man weiß ja nie. „Wenn das hier ein See wird, kann ich meine Parzelle wenigstens noch gut verkaufen“, sagt sie. Das hätte sie sicher nicht gesagt in Zeiten, als ihr Mann hier noch Vorsitzender war. Aber ihr Mann lebt nicht mehr, und was soll das alles also?
In Havelses altem Dorf steht eine ältere Dame in geblümter Kittelschürze in ihrem Vorgarten, ihr Blick fährt zuckend über die Zeitungsseite. Ach, wie soll sie das schon finden? Ein Hirngespinst wird das sein, wahrscheinlich. Und selbst wenn nicht. „Ich“, sagt sie, „werde das alles nicht mehr erleben. So oder so.“
Segler: "Tolles Projekt"
„Für Hannover wäre solch eine große Freizeit-Wasserfläche ein Fortschritt“, sagt Friedrich Göing. Der passionierte Wassersportler ist Vorsitzender des Segelvereins Mardorf am Steinhuder Meer. Dort gibt es schon lange heftige Debatten um den Naturschutz, das Winterfahrverbot und die Verschlammung. „Teilweise haben Sie doch nur noch 50 bis 60 Zentimeter Wassertiefe“, sagt Göing. Das hannoversche See-Projekt könne zwar niemals ein echter Ersatz für das Steinhuder Meer sein – „für eine Regattastrecke brauchen Sie vier Kilometer Breite“ –, es sei aber „eine sinnvolle Ergänzung“ für das Wassersportangebot im Raum Hannover.
Ähnlich äußert sich Volker Radtke, Vorsitzender des 380 Mitglieder starken Hannoverschen Yacht-Clubs (HYC), der sowohl am Maschsee als auch in Steinhude eine Dependance hat. „Ich kenne die Pläne, das könnte ein tolles Projekt werden“, sagt Radtke. Für den Segelsport selbst sei die Attraktivität zwar möglicherweise nicht so hoch: „Da sind Brücken zwischen den Seen, das können Sie für Segler vergessen.“
Für Paddler, Kanuten und andere Wassersportler aber seien die Pläne „ein hochattraktives Konzept“, sagt Radtke, der auch Vorsitzender des niedersächsischen Seglerverbands ist: „Ich freue mich immer über neue Sportgebiete, und Hannover ist ohnehin schon gut ausgestattet.“ Göing, im Hauptberuf Unternehmer und Eigentümer der gleichnamigen Bäckereikette, macht keinen Hehl daraus, dass er „skeptisch wegen der Finanzierung“ ist. Andererseits sagt er: „Wenn die Menschheit niemals Visionen entwickelt und umgesetzt hätte, dann würden wir heute noch auf Holzrädern durch die Gegend fahren.“
Andrea Antrecht, die in der Herschelstraße das Fachgeschäft Camping Schrader betreibt und deren Familie auch das Segelgeschäft in Mardorf gehört, findet es „fast schon schade, dass es noch so lange dauern könnte, bis die Pläne umgesetzt werden“. Sie hat aus der Zeitung von dem Projekt erfahren und findet es „toll für die gesamte Region“. Und dann sinniert die Geschäftsfrau: „Wenn der neue Leine-See bei Herrenhausen heute schon nutzbar wäre, dann könnte man direkt darüber nachdenken, dort ein weiteres Geschäft für Wassersportbedarf zu eröffnen.“
Felix Harbart und Conrad von Meding
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