Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Seit 40 Jahren Bildung mit Handicap

Berufsbildungswerk im Annastift Seit 40 Jahren Bildung mit Handicap

Vor 40 Jahren nahm das Berufsbildungswerk im Annastift seine Arbeit auf. Das Ziel war es, damals wie heute, junge Leute mit Handicap in den Job zu bringen. Unter dem Motto "Je mehr Alltag, desto besser" werden rund 300 Auszubildende ausgebildet.

Voriger Artikel
Mann in Herrenhäuser Hotel wurde totgeschlagen
Nächster Artikel
Streit um Schlichtung bei der Üstra

Erfolgreicher Absolvent: 1992 machte Stefan Achterberg seine Prüfung – und fing drei Tage später bei Ikea an. Dort arbeitet er noch heute, jetzt in der Logistik.

Quelle: Körner

Hannover. Im Juni steht Nils Schefczyks Prüfungstermin vor der Industrie- und Handelskammer (IHK) an: Dann will der 23-Jährige den theoretischen und praktischen Test als Elektronikfachkraft absolvieren. Sein Ausbilder hat ihm an diesem Vormittag schon mal einige Probeaufgaben hingelegt, damit er üben kann. Schefczyk ist gehörlos geboren. Im Alter von eineinhalb Jahren wurde dem Seelzer ein Cochlear-Implantat eingesetzt. Dank dieser Innenohrprothese kann er hören, ist jedoch gehandicapt. Vor drei Jahren hat er seine Ausbildung im Berufsbildungswerk (BBW) im Annastift begonnen. In diesem Sommer feiert die Einrichtung 40-jähriges Bestehen. Unter dem Titel „Fachkräfte für die Wirtschaft ausbilden“ findet dort morgen eine Tagung statt. Einer der Gastredner wird Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sein.

Endspurt vor der Prüfung zur Elektronikfachkraft: Nils Schefczyk.

Quelle:

Als das BBW 1976 an der Wülfeler Straße in Mittelfeld entstand, fielen die Reaktionen gemischt aus. Die HAZ schrieb damals wohlwollend von dem „Kraftakt“, solch eine Bildungsanstalt aufzubauen, die „Behinderten zu Arbeit“ verhilft. Eberhard Engel-Ruhnke, stellvertretender Bereichsleiter des Ausbildungswerks, sagt: „Dass die Einrichtung vor den Toren der Stadt entstand, wurde auch kritisiert.“ Man deutete den Standort als Beleg dafür, dass die Ausbildung Behinderter vom Alltagsleben abgekoppelt war, dass man Gehandicapte an den Rand drängte.

Im Grundsatz ging und geht es darum, Menschen zu qualifizieren und in Arbeit zu bringen. In 40 Berufen bildet man aus, vom Fahrradmonteur bis zum Einzelhandelskaufmann, von der Beiköchin bis zum Gartenbauwerker. Alle Abschlüsse werden vor den Kammern gemacht, etwa der IHK, der Handwerks- und der Landwirtschaftskammer. Die Auszubildenden – darunter Rollstuhlfahrer ebenso wie kognitiv Gehandicapte oder Menschen mit psychischen Problemen – haben nicht nur Fachausbilder, sondern bekommen weitreichende zusätzliche Unterstützung.

Die Situation am BBW hat sich in den vergangenen Jahren verändert:Die grüne Wiese von einst ist in großen Teilen bebaut, das Annastift steht nicht mehr allein auf weiter Flur. Womöglich noch wichtiger ist, dass auch das Werk sich verändert hat.

"Je mehr reale Arbeitswelt, desto besser“

Engel-Ruhnke, der seit 1979 dort tätig ist, sagt: „Wir sind bestrebt, möglichst real und nah an den Betrieben auszubilden. Je mehr reale Arbeitswelt, desto besser.“ Also keine Tätigkeit in Werkstätten, wo Behinderte meist eng begleitet werden. Für solch ein Modell spricht allerdings auch einiges, meint Vera Neugebauer, Geschäftsführerin der Hannoverschen Werkstätten. Man sollte den „Werkstattweg“, der für manche Behinderte der richtige Weg sei, als Alternative sehen und weniger als Gegenentwurf, sagte sie vor Kurzem auf einer Tagung über „Inklusion auf dem Arbeitsmarkt“.

Die Leitlinie beim BBW jedenfalls lautet: Je mehr Alltag, desto besser. Vor 40 Jahren waren nahezu alle der Auszubildenden im dazugehörigen Internat untergebracht. Heute wohnt dort nur noch rund die Hälfte der 300 Auszubildenden und der 100 Jugendlichen, die berufsvorbereitende Maßnahmen durchlaufen. Die anderen leben in Wohngruppen oder in ihrer Familie.

Noch wichtiger als in der Anfangsphase ist dem Bildungswerk, die Absolventen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. „Wir werden an Zahlen gemessen“, sagt BBW-Leiter Peter Elson. Ein Jahr nach Ausbildungsende hätten 45 Prozent der Absolventen einen regulären Arbeitsplatz, zehn Jahre danach seien es 75 Prozent.

Ausbildungsplätze sind rar

Viele Unternehmen schrecken davor zurück, Behinderte anzustellen. Etwa aus Sorge, dass die Arbeitnehmer oft ausfallen oder besondere Betreuung brauchen könnten. Grundsätzlich sind Firmen von 20 Mitarbeitern an aufwärts verpflichtet, 5 Prozent ihrer Stellen mit Behinderten zu besetzen. Viele Unternehmen leisten allerdings lieber eine Ausgleichszahlung. Öffentliche Verwaltungen hingegen erfüllen ihre Quote: Bei der Stadt Hannover arbeiten derzeit nach Angaben von Sprecherin Konstanze Kalmus 8,42 Prozent Behinderte. Laut der jüngsten verfügbaren Zahl von Ende 2013 haben in der Stadt 48 000 Menschen einen Schwerbehindertenausweis. Davon ist rund die Hälfte älter als 65 Jahre.
Die Arbeitsbedingungen im hannoverschen Rathaus seien gut, lobt Ergin Agirman. Der 25-jährige Rollstuhlfahrer steht kurz vor seiner Abschlussprüfung zum Bürokaufmann. Während seiner Ausbildung hat er mehrere dreimonatige Praktika gemacht, unter anderem im Rathaus. Inhaltliche Schwierigkeiten habe er dort nicht gehabt, sagt Agirman: „Die Qualität unserer Ausbildung ist hoch.“

Dass die jungen Leute seit einigen Jahren auch in Unternehmen und Einrichtungen außerhalb arbeiten, ist Bestandteil der „verzahnten Ausbildung“. Die einen lernten den Arbeitsalltag kennen, die anderen erführen, wie fundiert im BBW ausgebildet werde, betont Peter Elson. Ikea, Real, das Copthorne Hotel oder Lüderitz Metallbau gehören zu den Partnern des Berufsbildungswerks.

Eine Erfolgsgeschichte

Stefan Achterberg, Jahrgang 1971, arbeitet seit 1992 bei Ikea in Burgwedel – drei Tage zuvor hatte er am BBW seinen Abschluss als Bürokaufmann gemacht. Seit neun Jahren ist er in der Logistik beschäftigt. „Mir macht das großen Spaß“, sagt er fröhlich. Der gebürtige Bremerhavener hatte zu Beginn seiner Ausbildung leichte Probleme mit der Wirbelsäule, ansonsten keine Einschränkungen. Er galt als sogenannter Rehabilitand, den das Arbeitsamt, wie es damals hieß, vermittelte. Auch heute, sagt BBW-Leiter Elson, seien rund ein Drittel der Teilnehmer Rehabilitanden, also Leute, die nach einem Unfall oder einer Erkrankung nur zeitweilig gehandicapt sind.

Erfolgsgeschichten wie die von Stefan Achterberg würde man am Annastift wohl gern noch mehr erleben. Möglicherweise kommt in den nächsten Jahren Bewegung in das Unterfangen, junge Leute in den Arbeitsmarkt zu bringen. Peter Elson kann sich vorstellen, dass der Bedarf an seinen Absolventen größer wird. Kleinere und mittlere Betriebe hätten zunehmend Probleme, Auszubildende zu finden. Vielleicht griffen sie vermehrt auf BBWler zurück.
Nils Schefczyk hat schon einen Job als Elektronikfachkraft sicher. Ergin Agirman, der seine Ausbildung im Juni beendet, sucht noch.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Die Mega 90er-Party in der TUI-Arena

Fun Factory, Captain Hollywood Projekt oder Culture Beat: Bei der Mega 90er-Party haben die Musikgrößen der Neunziger in der TUI-Arena die gute alte Zeit wieder aufleben lassen. Und das Publikum feierte ungenierte zu den Beats seiner Jugend.