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40 Jahre Drunter und Drüber

Üstra 40 Jahre Drunter und Drüber

Seit dem September 1975 fahren U-Bahnen durch Hannover: Das „Jahrhundertereignis“ Tunnelbau soll die Stadt für Autos zur Stadt für Menschen machen. Zehn Jahre nach dem ersten „Rammschlag“ am Waterlooplatz lief unter dem Hauptbahnhof der erste, Stadtbahnwagen mit der Typenbezeichnung TW 6001 in die U-Bahn-Station ein.

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Im September 1975 hält die erste Stadtbahn der Linie 12 am Hauptbahnhof.

Quelle: Viola Hauschild

Hannover. Alles wird besser. Komfortabler. Und vor allem schneller. Eine Verheißung soll eingelöst werden im Herbst 1975, weil eine frühere Verheißung sich als falsches Versprechen erwiesen hat. Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs sollte Hannover als Stadt des Autoverkehrs wiedergeboren werden. Doch viel zu viele Autos folgen dem Ruf. Sie verstopfen vor allem die Innenstadt. Nichts geht mehr. Dann aber fährt die erste U-Bahn durch den Untergrund, zunächst die Linie 12 vom Hauptbahnhof vier Stationen bis zum Waterlooplatz. Ein Wendepunkt auf dem Weg von der auto- zur „menschenfreundlichen Stadt“, so heißt es. Und Hannover feiert sich dafür. Sicher auch, weil der Bau der großen U-Bahn-Baustellen - Aegi, Kröpcke, Raschplatz - die Innenstadt teils zum Sandkasten kolossalen Ausmaßes gemacht hat und nun endlich ein Ende von Buddelei, Lärm und Schmutz absehbar ist.

In den Sechzigerjahren konnte die Fahrt mit der Straßenbahn durch Hannover eine Tortur sein. Von Bothfeld bis Oberricklingen brauchten die gelben Wagen manchmal 98 Minuten, ergab 1967 eine Verkehrszählung der Üstra. Am Kröpcke sorgte das Durcheinander von Zügen, Autos und Einkäufern für ständiges Chaos. Mit der Eröffnung der U-Bahn begann am 26. September 1975 in Hannover diese neue Epoche. Um 12.48 Uhr war es endlich so weit. Zehn Jahre nach dem ersten „Rammschlag“ am Waterlooplatz lief unter dem Hauptbahnhof der erste, brandneue Stadtbahnwagen mit der Typenbezeichnung TW 6001 in die U-Bahn-Station ein. „Ein Tag, so wunderschön wie heute“, intonierte die Kapelle der Feuerwehr.

Seit dem September 1975 fahren U-Bahnen durch Hannover: Das „Jahrhundertereignis“ Tunnelbau soll die Stadt für Autos zur Stadt für Menschen machen.

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Erbsensuppe und Bier am Kröpcke

Im Führerstand der im Volksmund bald Lindwurm genannten grünen Bahn (Farbton: „Opel Signalgrün L 308“) saß der junge Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Gleich an der nächsten Haltestelle am Kröpcke wurde den Fahrgästen Erbsensuppe und Bier serviert. In der Station Markthalle lief Jazzmusik. Kioskbetreiber verteilten Blumen. Schlechte Laune verbreitete einzig der Landtag, dessen damaliger Präsident Heinz Müller in einem beleidigten Brief beklagte, dass er und seine Abgeordneten nicht eingeladen worden seien, obwohl sie doch den Bau „finanziell förderten“ - nun ja, streng genommen war es ja nicht ihr eigenes Geld, sondern das aus den Steuern der Bürger.

Der eigentlich vertrauliche Brief über die protokollarische Panne der Stadt wurde - sicher kein Zufall - kurz darauf den Zeitungen zugespielt. Überhaupt bestimmte der große Moment schon Monate im Voraus die Titelseiten. Jedes Detail, jede Panne und überhaupt alles, was mit der U-Bahn zu tun hatte, interessierte die Hannoveraner. Die Riesenbuddelei war schließlich so eine Art Operation am kollektiven offenen Herzen der Menschen und ihrer Stadt, nach der diese neu geboren werden sollte.

Scheitern der autogerechten Stadt

Das Scheitern der autogerechten Stadt hatte sich bereits Ende der Fünfzigerjahre abzuzeichnen begonnen - auch die Straßenbahnen standen im Stau. Zwischen 1960 und 1969 verlor die Üstra 36 Prozent ihrer Fahrgäste. Am 23. Juni 1965 beschloss der Rat daher einstimmig den Bau einer ­U-Bahn. Ursprünglich sollte es ein eigenes Netz geben. Erst später und vor allem aus Kostengründen wurde entschieden, Oben und Unten über Rampen zu verbinden. In der Innenstadt entstanden im Zuge dieses Wandels etwa zeitgleich die Passarelle und das Kröpcke-Center sowie der ZOB am Raschplatz. Der Hauptbahnhof wurde geräumiger und bekam zwei neue Gleise. In der List organisierten Geschäftsleute die Umwandlung der Celler Straße zur fußgängerfreundlichen und vor allem nicht mehr isolierten Lister Meile. Auch der später erfolgte Umbau der Georgstraße zu einer der größten Fußgängerzonen Deutschlands ist eine Folge dieses Wandels. Noch Mitte der Siebziger wollten Geschäftsleute die Georgstraße in einen „Autoboulevard“ verwandeln. Umweltschützer und Bürgerinitiativen verhinderten das - der neue Zeitgeist zeigte Wirkung.

Oberstadtdirektor Martin Neuffer gab bei seiner Verabschiedung 1974 zu Protokoll, dass unter den europäischen Großstädten Hannover als eine der wenigen die Chance habe, sich zur „menschengerechten Stadt“ zu entwickeln. „Es gibt nicht allzu viele Städte in der Welt, die eine U-Bahn besitzen. Es sind reiche, selbstbewusste Städte, deren Namen einen guten Klang haben“, sagte Neuffer.

Erste Fahrten kostenlos

Hannover freundete sich mit der neuen Untergrundbewegung schnell an. Sicher auch, weil an den ersten drei Tagen Ende September 1975 die Fahrten noch kostenlos waren. Eine Wiedergutmachung für die Jahre des Baulärms. Den achtjährigen Schüler Stefan Dölle hatten die Beobachtungen an den bis zu 25 Meter tiefen Riesendauerbaustellen derart beeindruckt, dass er 1967 dem Oberbürgermeister seine Bewunderung in einem Brief mitteilte. Acht Jahre später durfte der nun Jugendliche auf Schmalstiegs persönliche Einladung an der Jungfernfahrt teilnehmen - quasi als stellvertretende Wiedergutmachung für alle Hannoveraner. Von der Dimension der Bauarbeiten zeigte sich auch ein Redakteur der HAZ beeindruckt. Er beschrieb die Kröpcke-Baustelle noch 1977 als großen Betondom, dessen Säulen ganz unten in 20 Metern Tiefe unterm Straßenpflaster aufsetzen. „Bauscheinwerfer erhellen Ausschnitte und werfen tiefe Schatten, Zurufe von Handwerkern hallen von den Wänden wieder, schwer auszumachen ist, woher das plötzliche Rattern eines Presslufthammers oder das mahlende Geräusch eines Betonmischers kommt“, schilderte er seine Eindrücke. Die Schildvortriebmaschine, mit deren Hilfe die Tunnel ins Erdreich getrieben wurden, beschreibt er anlässlich einer weiteren Feier zum Durchbruch der zweiten Tunnelröhre am Weiße-Kreuz-Platz nicht weniger episch.

 „In einem tiefen Loch an der äußersten Ecke des Weißekreuzplatzes entblößte strahlend ein gewaltiger Maulwurf seine metallischen Zähne; ein 220 Tonnen schwerer Koloss von sechseinhalb Metern Durchmesser und sieben Metern Länge“, schrieb er. Als besondere Attraktion gab es damals „Tunnelluft“ in versiegelten Reagenzgläsern zu kaufen. 2 Mark kostete das. Es gab auch Tunnelerde. Kleine hellgraue Klumpen, von den Anbietern augenzwinkernd auf ein Alter von 30 Milliarden Jahren geschätzt (die Erde ist tatsächlich rund 4,6 Milliarden Jahre alt).

Stadtbahn in Zahlen

125 Millionen Fahrgäste beförderten die Bahnen 2014. Täglich fahren etwa 540 000 Menschen mit der Stadtbahn.
63 870 Schwarzfahrer wurden letztes Jahr erwischt. Sie zahlten zusammen 1,22 Millionen Euro Bußgeld.
290 Stadtbahnwagen befahren rund 253 Kilometer Gleisstrecke auf zwölf reguläre Linien mit 198 Haltestellen.
60 Minuten dauert die längste Fahrt mit der Bahn von Langenhagen nach Sarstedt (Linie 1).
Knapp 2000 Mitarbeiter arbeiten für die Üstra.
30 Streckeneröffnungen wurden seit 1975 gefeiert.
50 Pfennig kostete ein Einzelfahrschein 1969. Heute kostet ein 1-Zonen-Einzelticket 2,60 Euro.mm

Von Mario Moers

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