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Bis zur Blindenfußball-Bundesliga ist es weit

Training Bis zur Blindenfußball-Bundesliga ist es weit

Mehr als ein Hobby: Seit einem halben Jahr können Blinde in Hannover Fußball spielen. Seit Mai trainieren die Blindenfußballer von Hannover 96 jeden Mittwochabend in der Sporthalle des Landesbildungszentrums für Blinde in Kleefeld.

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„Hier ist das Tor! 20 Meter, hier, hier!“: Trainer Maurizio Valgolio (l.) leistet Pionierarbeit in Hannover.

Quelle: Kurz

Hannover. Voy! Voy!“, schallt es durch die Sporthalle. „Ich komme“ heißt das auf Spanisch, der kurze Zuruf wird als Warnsignal gebraucht, um Zusammenstöße zu vermeiden. Drei junge Männer in Sportkluft und mit blickdichten Augenbinden rennen über den Platz.

Richard Emling und Tilman Graef führen den Ball in Richtung Tor, Mateusz Murek ist der Verteidiger. Er jagt dem mit Rasseln gefütterten Ball hinterher. Alle spielen Blindenfußball in Hannover. Sie verlassen sich auf ihr Gehör, Kommunikation ist deshalb wichtig. „Hier ist das Tor! 20 Meter, hier, hier!“, ruft Trainer Maurizio Valgolio den Angreifern von der Torlinie aus zu. Emling holt aus, zieht ab und das runde Leder landet geräuschvoll im Netz. Graef klatscht begeistert, auch Valgolio ruft dem Torschützen ein anerkennendes „Sauber!“ zu.

Erster Standort landesweit

Seit Mai trainieren die Blindenfußballer von Hannover 96 jeden Mittwochabend in der Sporthalle des Landesbildungszentrums für Blinde in Kleefeld. Sieben aktive Spieler hat Valgolio an guten Tagen zur Verfügung. In Kooperation mit dem Behinderten-Sportverband Niedersachsen (BSN) stellte der Zweitligist das Angebot für Sehbehinderte auf die Beine. Ein Schritt, der Valgolio freut: „Es war unser Ziel, in Niedersachsen Blindenfußball anzubieten, das ist uns jetzt in Hannover gelungen.“

Als erster Standort landesweit bietet Hannover Blinden und Sehbehinderten die Möglichkeit, dem beliebtesten Sport der Welt nachzugehen. Zwar wurde zuvor schon eine Spielgemeinschaft zwischen Hannover und Braunschweig angeboten, die löste sich aber nach kurzer Zeit auf. Valgolio und seine Schützlinge sind daher sozusagen Pioniere auf dem Gebiet.

Der drahtige Sportmanagement-Absolvent ist der Projektkoordinator Fußball beim BSN und mit Feuereifer bei der Sache. Klar und deutlich tönt seine Stimme durch die Halle, mit kurzen Befehlen hilft er den Spielern bei der Orientierung. „Keine Angst haben, geht zum Ball hin!“, motiviert er seine Schützlinge.

Bundesliga ist noch weit weg

Normalerweise wird beim Blindenfußball vier gegen vier gespielt, die Regeln gleichen im Grunde denen der Hallenfußballvariante Futsal. Nur die Torhüter können sehen, alle Feldspieler müssen eine Augenbinde tragen, um Unterschiede im Sehvermögen auszugleichen. Von einer Teilnahme an der Blindenfußball-Bundesliga sind die Hannoveraner noch weit entfernt, wie Verteidiger Richard Emling erklärt: „Wir müssen uns erst als Team konsolidieren, uns fehlt noch einiges. Kommunikation und Ballführung müssen noch verbessert werden. Und auch personell sind wir noch nicht ausreichend gut besetzt.“

Emling ist einer von zwei vollblinden Akteuren der Mannschaft. Von Geburt an kann er nichts sehen. Allen anderen sind noch wenige Prozent ihrer Sehstärke geblieben.

Gut für’s Körpergefühl

Der 29-jährige Medizinprodukteberater, der auch Judo macht, erklärt den Reiz des Blindenfußballs: „Ich wollte etwas für meine Kondition tun, beim Judo steht und liegt man viel. Blindenfußball ist beweglicher und laufintensiver.“ Deshalb findet sein Coach Valgolio den Sport auch besonders hilfreich für Sehbehinderte. „Der Fußball hilft den Jungs auch im Alltag. Sie bekommen mehr Körperspannung und verinnerlichen Bewegungsabläufe, dadurch wird man automatisch mutiger und selbstbewusster“, betont der 29-jährige die Bedeutung des Sports für Blinde, „und keine andere Sportart ist dafür so geeignet wie Fußball.“

Noch ist der Blindenfußball in Deutschland eine kleine Nummer. Die Strukturen sind noch weitestgehend unprofessionell. Da der Blindenfußball im Deutschen Behindertensportbund (DBS) integriert ist und nicht im Dachverband DFB, fällt die Förderung vergleichsweise gering aus. Valgolio hofft, dass sich das ändert und dass zudem die Bedenken gegenüber dem hier erst zehn Jahre jungen Sport kleiner werden. „Viele sagen, dass sei doch viel zu gefährlich für Blinde, die verletzen sich dabei nur. Das ist aber völliger Quatsch“, meint Valgolio. Emling sieht das ähnlich: „Das Schöne am Blindenfußball ist gerade, dass man die Körperlichkeit richtig spürt und an seine Grenzen geht.“ Auch wenn er mit einem verschmitzten Grinsen gesteht: „Meine Freundin wünscht mir vor jedem Training Glück, dass ich heile wieder nach Hause komme.“

Von Tobias Kurz

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