Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Selfie am Kröpcke verrät syrischen Schleuser

Tatverdächtiger vor Gericht Selfie am Kröpcke verrät syrischen Schleuser

Ein Selfie vor Weihnachtspyramide führte Polizei auf seine Spur - jetzt muss sich ein mutmaßlicher Schleuser aus Syrien vor Gericht verantworten. Er soll Teil eines größeren Schleuserrings gewesen sein, den Polizisten Anfang des Jahres in In- und Ausland zerschlugen.

Voriger Artikel
Wie geht es mit dem Steintorplatz nun weiter?
Nächster Artikel
Lesung über Agatha Christie im Theater am Aegi

Mohamad A. – hier mit Dolmetscher und Verteidiger – droht eine mehrjährige Haftstrafe. Doch die wesentlichen Vorwürfe der Anklage bestreitet der 34-Jährige.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Mehr als zwei Dutzend Tatverdächtige wurden im Januar in der Türkei dazu fünf in Deutschland festgenommen - in Berlin, Lübeck, Regensburg und Hannover. Am Dienstag wurde am hiesigen Landgericht der Prozess gegen den 34-jährigen Mohamad A. fortgesetzt, der des banden- und gewerbsmäßigen Einschleusens von Ausländern angeklagt ist; er war im früheren Deutschen Pavillon festgenommen worden. Eine intensive Befragung vonseiten der 19. Großen Strafkammer förderte erneut etliche Widersprüche in den Aussagen des Syrers zutage. Auch sagten zwei Männer aus, die 2014 unter katastrophalen Bedingungen in abgetakelten Frachtschiffen nach Italien geschleust wurden.

Zu Hunderten eingepfercht in führerlosen Frachtschiffen auf hoher See entgingen syrische Flüchtlinge nur knapp einer Katastrophe. Einer der mutmaßlichen Schleuser, die die „Blue Sky M“ und die „Ezadeen“ per Autopilot auf eine Odyssee schickten, steht jetzt vor Gericht.

Zur Bildergalerie

An den aufwendigen Ermittlungen waren deutsche, türkische und italienische Beamte beteiligt, Dänemark, Schweden und Rumänien leisteten Rechtshilfe. Monatelang wurde das Schleusernetzwerk observiert, die Überwachung von Telefonaten sowie des Facebook- und WhatsApp-Nachrichtenaustauschs spielte eine wesentliche Rolle. Die Verteidigungsstrategie von Mohamad A., die er am Dienstag konsequent beibehielt, ist relativ simpel. Für jede Nachricht, die über sein Telefon lief und ihn belastet, zeichnet jemand anders verantwortlich. Mal war ihm sein Handy entwendet worden, mal hatte er es verliehen. Hier und da ließ den Syrer zudem sein Erinnerungsvermögen im Stich, auch präsentierte er sich als technischer Analphabet, der nur die einfachsten Funktionen seines Mobiltelefons kennt.

Er habe nur ein Facebook-Profil, behauptete A. - doch die Polizei entdeckte unter Mithilfe des US-Konzerns einen zweiten Account. „Chef, brauchst Du Mitarbeiter?“ lautete eine Nachricht, die im März 2015 auf A.s Mobiltelefon einging. „Ich möchte noch von dieser Saison profitieren, und dann reise ich aus“, vermeldete sein Handy im Mai 2015. Doch der 34-Jährige will weder Empfänger noch Sender dieser Nachrichten gewesen sein. Im Januar 2015 wird A. aus Italien ein Gruppenbild von Flüchtlingen geschickt, die als Passagiere auf den überfüllten Seelenverkäufern „Blue Sky M“ und „Ezadeen“ unterwegs waren - nach Ansicht der Ermittler der Nachweis, dass sie ihr Ziel erreicht hatten und den Schleusern ihr treuhänderisch einbehaltener Gewinn ausgezahlt werden darf.

Im Zuge der Vernehmung des Angeklagten und der Zeugen verdichtete sich der Eindruck, dass A. als Anwerber und Vermittler eine Masche pflegte: Er stellte sich - wohl als vertrauensbildende Maßnahme - selbst als potenzieller Flüchtling dar, der die gefahrvolle Reise nach Europa aber leider nicht antreten könne. Als A. dann doch über die Balkanroute einreiste, führte die Ermittler ein Selfie auf seine Spur. Das hatte er Ende November 2015 - kurz nach seiner Ankunft in Hannover - via Facebook versandt: Es zeigt den Syrer, wie er vor der Weihnachtspyramide am Kröpcke posiert.

Horrorfahrt kostet Flüchtling 5000 Dollar

Kutaiba A. war einer der 796 Flüchtlinge, die zwischen Weihnachten und Silvester 2014 von der Türkei nach Italien „verschifft“ wurden – die zusammengepfercht auf dem rostigen Frachter „Blue Sky M“ hockten und um ihr Leben bangten. Gestern war der 31-Jährige einer der Zeugen, die im Landgerichtsprozess gegen Mohamad A. über ihre Schleusung berichteten; auch erzählte er der HAZ von seiner aktuellen Situation in Deutschland.
Im syrischen Homs führt Kutaiba A. einen Elektroladen, bis eine Rakete sein Hab und Gut wie auch all seine Zukunftsträume vernichtet. Im November 2014 flieht A. über Istanbul in die türkische Großstadt Mersin. Dort hat er Kontakt zum Angeklagten, trifft ihn mehrmals in einem Schleusercafé. Eine maßgebliche Rolle habe dieser aber nicht gespielt, sagt er vor Gericht – bei der polizeilichen Vernehmung hatte er seinen Landsmann noch als entscheidenden Vermittler bezeichnet. Auf jeden Fall wird dem Flüchtling der Frachter „wie eine Jacht“ beschrieben, warm, komfortabel, mit gutem Essen an Bord. Tatsächlich ist alles nur „schrecklich“. A. bekommt in sieben Tagen eine Scheibe Toastbrot und eine Portion Oliven gereicht, ernährt sich hauptsächlich von Datteln, die er selbst mitgebracht hat. Es ist unglaublich eng auf dem Kahn, es gibt nur eine Toilette, bald sind Laderaum und Gänge mit Exkrementen verschmutzt, und es ist furchtbar kalt. 5000 Dollar kostet ihn die Horrorfahrt, die mithilfe der Küstenwache in einem süditalienischen Hafenort endet.
Über Mailand, Nizza und Paris gelangt Kutaiba A. schließlich nach Deutschland. Inzwischen ist er als Asylbewerber anerkannt, lebt mit Frau und zwei Kindern in einer Wohnung in Dortmund, und die Kinder besuchen sogar schon Schule und Kita. Den Deutsch-Sprachtest Stufe B 1 hat A. jüngst bestanden, möchte liebend gern wieder ein Geschäft aufmachen. „Ich schäme mich, vom deutschen Staat Geld anzunehmen“, sagt der 34-Jährige. Doch bis zu einer geregelten Arbeit ist es noch ein weiter Weg.     

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Briefwechsel zwischen Hannovers Grundschulen und der Queen

Queen Elizabeth ist eine treue Seele. Seit Jahren schon schreibt die britische Monarchin brav Antwortkarten an hannoversche Schulklassen, die ihr zum Geburtstag gratulieren. Oder: Lässt schreiben. Aber immerhin.