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Hier wohnen Senioren und Studenten zusammen

Wohnpartnerschaften "Wohnen für Hilfe" Hier wohnen Senioren und Studenten zusammen

Stadt und Studentenwerk vermitteln Wohnpartnerschaften zwischen Senioren und Studierenden. Viele junge Leute wollen beim Projekt „Wohnen für Hilfe“ mitmachen. Doch die Zahl der Älteren, die ihre Wohnung im Austausch gegen Unterstützung im Haushalt kostenlos teilen, ist zu gering. Noch.

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Student Xiao aus China wohnt bei Pensionärin Ingrid Borchardt.

Quelle: Villegas

Hannover. Monika Frels ist gern in Gesellschaft. Sie reibt regelmäßig Sport, reist viel und ist mit ihren 75 Jahren erfrischend jung geblieben. Auf den ersten Blick könnte man die braungebrannte Brünette im hellgrünen Jogginganzug glatt für eine Mittfünfzigerin halten. Carmen Giesemann ist knapp 40 Jahre jünger, derzeit nicht besonders sonnenverwöhnt und vor vier Monaten bei Monika Frels in Wettbergen eingezogen. Beide kannten sich vorher nicht. Mittlerweile duzen sie sich - wobei Carmen Giesemann gesteht, dass ihr das „Du“ noch ein wenig schwer fällt. Die 36-jährige Studentin der Sozialwissenschaften ist gerade im Prüfungsstress und schaut eher scheu in die Kamera des Journalisten. Aber auch sie ist von dem „Projekt“ hundertprozentig überzeugt. Und von dem Nutzen.

Das Projekt nennt sich „Wohnen für Hilfe“. Der Kommunale Seniorenservice und das Studentenwerk sind zwar nicht die Erfinder des bundesweiten Modells, sondern eigentlich eher Nachahmer, aber gemeinsam versuchen sie seit drei Jahren, die Wohnpartnerschaften auf Erfolgskurs zu bringen. Zehn gibt es derzeit in Hannover, ein ziemlich bescheidenes Ergebnis im Vergleich mit Städten wie Freiburg, wo jedes Jahr 80 bis 100 Bündnisse geschlossen werden. Allerdings hat man sich dort entschieden, nicht nur Ältere, sondern auch Familien und Behinderte zu ermuntern, Studierende vorübergehend als Helfer aufzunehmen. Hannover setzt dagegen ausschließlich auf das Prinzip „generationenverbindend“, wie es formell heißt; Alt und Jung sollen sich näherkommen.

Pro Quadratmeter eine Stunde Hilfe

So wie Monika Frels und Carmen Giesemann. Seit ihr Mann vor vier Jahren gestorben ist, lebt Frels in ihrem Haus allein. Ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer im Erdgeschoss stand bis vor Kurzem leer, nun wohnt Carmen Giesemann dort. Gleich nebenan hat die Studentin ein eigenes Bad. Die Küche im Erdgeschoss benutzen beide. Noch kocht jede für sich, noch gab es keinen gemeinsamen Fernsehabend. „Jeder macht sein eigenes Ding“, sagt die Hauseigentümerin, „aber ausgeschlossen ist nichts.“ Alles, auch das Zusammenleben, braucht Zeit.

Für das Zimmer zahlt Carmen Giesemann nichts, einzig die anteiligen Nebenkosten werden ihr in Rechnung gestellt. Statt Geld wird etwas anderes erwartet. Die Regeln des Projekts lauten, dass pro Quadratmeter dem Wohnungsgeber monatlich eine Stunde Hilfe zusteht. In einem mehrseitigen Vertrag können beide Seiten festhalten, welche Leistungen erwünscht sind. Die Stadt empfiehlt diese schriftliche Vereinbarung - um möglichen Konflikten vorzubeugen.

Frels suchte vor allem eine Betreuerin für Niki. Niki ist ein vier Jahre alter ­Kater, der gern durch die Nachbargärten zieht und gerade bei einer kleinen Schlägerei den Kürzeren gezogen hat. Die Seniorin fühlt sich besser, wenn sie weiß, dass Niki versorgt ist, während sie auf Reisen ist. Und das kommt häufiger vor. Kürzlich war sie mit einer Freundin zum Wellnessurlaub in Marienbad, zuvor hat sie sich eine Woche lang Wien angeschaut. Demnächst geht es mit dem Bridgeclub nach Bulgarien. „Es beruhigt zu wissen, dass sich jemand um Haus und Kater kümmert, wenn ich weg bin“, sagt die ehemalige Buchhalterin. Aber auch wenn sie nicht verreist, genießt sie das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Viele in ihrem Bekanntenkreis können das nicht verstehen. „Wie kannst du einen Fremden aufnehmen?“, heiße es dann oft stirnrunzelnd. „Aber gleichzeitig beklagen sie sich, dass sie sich einsam fühlen.“

"Die meisten kommen nur zum Schlafen"

Giesemann, die als Justizangestellte gearbeitet hat, bevor sie das Abitur nachholte und ein Studium begann, hatte zuvor ein Zimmer im Studentenwohnheim. Acht Quadratmeter mit Waschnische für etwa 200 Euro, Tür an Tür mit Kommilitonen, die sie selten sah. „Es fehlte mir der persönliche Kontakt“, sagt sie. „Es war furchtbar anonym. Die meisten kommen nur zum Schlafen ins Wohnheim.“ Für eine Studenten-WG fühlt sie sich zu alt. Aber sind ihr ältere Menschen nicht noch fremder? Giesemann stutzt. „Warum? Wie kommen Sie darauf?“ Probleme? „Nö, es passt.“

Damit es passt, bemüht sich der Kommunale Seniorenservice wie bei einer guten Partnervermittlung, vorab mit Fragebögen die Interessen der alten und jungen Bewerber zu klären und nach Übereinstimmungen zu suchen. „Matching“ nennen sie das. Projektleiterin Martina Herr ist überzeugt, dass nicht jeder fürs Zusammenleben mit Studenten geeignet ist. „Ich will es mal plüschig sagen: Wir suchen Senioren, die jung im Herzen geblieben sind“, sagt sie. „Grantler, die nur eine gute Tat tun wollen, kommen nicht infrage.“ Bei den Studenten sei wichtig, dass sie bereits Erfahrungen im Umgang mit älteren Menschen haben. Klar ist auch, dass nicht jede Wohnung geeignet ist. Zwar muss es nicht die 450 Quadratmeter große Villa sein, für die aktuell ein Witwer einen Untermieter sucht, aber ein separates Zimmer und eine separate Dusche sind zwingend.

Darüberhinaus gibt es immer wieder Extrawünsche bei der Partnerwahl. Wenn eine sehbehinderte 80-Jährige eine Studentin sucht, die sie regelmäßig zum Arzt fährt und ihren weißen Pudel ausführt, wäre eine junge Frau ohne Führerschein und mit Hundeallergie eine Fehlbesetzung. Wenn das Herz einer 88-Jährigen nach wie vor an ihrem Garten hängt, in dem sie ein Leben lang Gemüse angebaut und geerntet hat, sind „Untermieter“ mit wenig Verständnis fürs Gärtnern nicht so willkommen.

Allerdings ist nicht auszuschließen, dass die neuen Partner voneinander lernen, wie in jeder guten Beziehung; egal ob mit 20 oder mit 80 Jahren.

Viele Ältere sind skeptisch

Ins Haus von Ingrid Borchardt, der Gartenliebhaberin, zog vor gut einem Jahr ein Elektrotechnik-Student ein, in dessen Heimatland China Privatgärten verboten sind. Mittlerweile mäht Xiao mit Begeisterung den Rasen und kocht ab und an für die Hausherrin chinesisch; bei der einen oder anderen Familienfeier ist er mit dabei. „Es kommt jemand, und es geht jemand“, sagt Borchardt, „das ist schön.“

In einem anderen Fall ließ sich eine ältere Frau dazu überreden, einen syrischen Studenten aufzunehmen, obwohl sie keinen Ausländer im Haus haben wollte. Als sich ihr junger Helfer kürzlich wieder aus Hannover verabschiedete, nahm sie seinen syrischen Freund als Nachfolger auf - weil es so gut geklappt hat. Es sind kleine Erfolge. Damit es mehr werden, ist Überzeugungsarbeit nötig. Viele Ältere seien skeptisch, fürchten nächtliche Parties oder Unordnung im Haus. „Das Meiste kann man aber vorab klären, auch Besuchsregeln“, sagt Herr. Sollte es tatsächlich zu Konflikten kommen, versucht der Seniorenservice zu schlichten; beim Studentenwerk ist ein Notzimmer reserviert, falls das Schlichten scheitert. Und wie überzeugt man? Herr stand schon oft auf Wochenmärkten und verteilte Prospekte, um zu werben. Ihr Lieblingsargument: „Das Projekt bietet Senioren die große Chance, eine gute Lebensqualität zu erhalten.“ Oft reichten schon kleine Dinge wie das Auswechseln einer Deckenlampe oder Hilfe beim Internetbesuch, um glücklich zu sein.

Monika Frels hat die erste Bewerberin abgelehnt, die ihr vom Seniorenservice vorgestellt wurde. Die chinesische Studentin sprach ihr zu leise und konnte nur wenig Deutsch. „Es soll ja nicht anstrengend sein“, sagt sie, und es klingt wie eine Lebensphilosophie. Die Entscheidung für Carmen Giesemann hat sie nicht bereut. Bereits eine Woche nach ihrem Einzug ist sie verreist - mit einem guten Gefühl. Es sei eine Illusion zu glauben, Alt und Jung hätten die gleichen Interessen, sagt sie. Aber Vertrauen sei möglich - und gegenseitiger Respekt.

Dienstleistungen werden vorab festgelegt

Ob in Würzburg, Göttingen, Freiburg oder Hannover – mittlerweile gibt es das Projekt „Wohnen für Hilfe“ in 35 Städten. Die Idee, die die Gründer bewegte, ist eigentlich ganz einfach: Studenten haben häufig Schwierigkeiten, preiswerten Wohnraum zu finden; viele Ältere leben allein in einer großen Wohnung und brauchen ein wenig Unterstützung im Alltag, sei es im Garten, beim Einkauf, im Haushalt, beim Spazierengehen mit dem Hund oder bei der Bedienung technischer Geräte. Was spricht also dagegen, Alt und Jung zusammenzubringen, damit sie sich gegenseitig helfen? Die Lösung heißt: Wohnpartnerschaft.

Studenten zahlen keine Miete, sondern nur die Nebenkosten wie Gas, Wasser und Strom. Im Gegenzug helfen sie dem Wohnungsanbieter im Alltag. In vielen Fällen wird vorab eine Liste der erwünschten Dienstleistungen vereinbart. Für die meisten Programme gilt die Faustregel: Pro Quadratmeter Wohnraum hat der „Untermieter“ eine Stunde Hilfe im Monat zu leisten. Auch in Ländern wie Frankreich, USA oder Spanien wird das Modell praktiziert. Ab und an sind es nicht nur Senioren, sondern auch Familien oder Behinderte, die Partnerschaften mit Studenten anbieten.

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