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Diese Videos sollen Handy-Unfälle verhindern

Kampagne der Polizei Hannover Diese Videos sollen Handy-Unfälle verhindern

Die Polizei Hannover hat am Dienstag eine Filmserie von echten Unfällen, echten Opfern und Angehörigen vorgestellt. Sie soll Elftklässler und Berufsschüler zu mehr Vorsicht erziehen.

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Tödlicher Unfall 2012 in Laatzen: Auch dieser Fall kommt im Film vor.

Quelle: Polizei Hannover

Hannover. Als das Licht angeht im Saal vier des Astor Kinos mit seinen schönen Bücherregalen an den Wänden herrschte lange Schweigen. Die geladenen Zuschauer haben am diesem Dienstagvormittag gerade einen kurzen Film gesehen, in dem ein junger Mann von dem Unfall berichtete, bei dem sein Vater ums Leben gekommen ist. Er selbst saß am Steuer des Wagens, als ihm zwischen Burgdorf und Immensen ein anderes Auto entgegenkam - auf seiner Fahrbahn, für einen Moment abgelenkt durch den Blick aufs Smartphone. Es gab keine Chance zum Ausweichen. Und doch rief der an dem Crash schuldlose junge Mann am Unfallort mehrfach: „Ich habe meinen Vater umgebracht“. Zeugen und Helfer, die in dem Film ebenfalls zu Wort kommen, berichten, wie sich ihnen diese Worte für immer ins Gedächtnis eingebrannt haben.

Hannovers Polizeipräsident Volker Kluwe ist die Stille nach der Vorführung des Films nicht fremd. „Diese Reaktion hat bis jetzt immer eingesetzt, wenn wir den Film intern gezeigt haben“, sagt er. Der Beitrag ist Teil einer neuen Präventionskampagne, mit der die Behörde radikal andere Wege einschlägt, um die Zahl der schweren Verkehrsunfälle zu senken, die geschehen, weil die Fahrer abgelenkt sind. Insgesamt fünf kurze Filme von jeweils etwa zehn Minuten Länge haben Polizeibeamte in den vergangenen Monaten gedreht, zusammengeschnitten und mit Musik unterlegt.

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Handys, Kopfhörer und Co.: Mit verstörenden Filmen will die Polizei Hannover junge Menschen vor Ablenkungen im Straßenverkehr warnen. Eine gute Idee?

Jedes Video behandelt realen Unfall

Das Besondere an den Streifen ist ihre Authentizität. Jeder Film behandelt einen realen Unfall aus dem Zuständigkeitsbereich der hannoverschen Polizeidirektion. Jedes Video zeigt Originalszenen von den Einsatzstellen. Es gibt keine Schauspieler. In jedem Video kommen Angehörige, Einsatzkräfte, Ersthelfer, Zeugen und Opfer zu Wort, geben die Geschehnisse in ihren eigenen Worten wieder. So berichtet der junge Mann, der seinen Vater verloren hat und der bei dem Zusammenprall selbst schwerste Verletzungen davon getragen hat, im weiteren Verlauf des Films auch von seinem Krankenhausaufenthalt. „Fünf Tage Intensivstation, tausend Schläuche überall, ich sah aus, wie ein Kilo Mett.“ In einem anderen Video berichtet eine Üstra-Fahrerin über ihre Erfahrungen mit Fußgängern, die den Blick immer nur auf ihre Smartphones gerichtet haben. „Es ist so krass mit diesen scheiß Handys - eine Unaufmerksamkeit und eine Rücksichtslosigkeit, ganz nach dem Motto: ,Hier komme ich, und der Rest ist mir egal‘“, sagt sie. „Unfälle geschehen nicht, sie werden verursacht, deswegen wollten wir die Kampagne so realistisch wie möglich machen“, sagt Projektleiterin Carmen Buse.

Projekt wird nächstes Schuljahr beginnen

Die Behörde hatte keine Schwierigkeiten, die Betroffenen zu einer Beteiligung an den Präventionsfilmen zu bewegen. „Wir haben viele positive Rückmeldungen auf unsere Anfragen erhalten und hatten am Ende so viel Material, dass wir gar nicht alles verwenden konnten“, sagt der Beamte Frank Wittke. Er hat alle fünf Filme innerhalb eines halben Jahres gemeinsam mit einem Kollegen gedreht. Alles Wissenswerte über eine Kurzfilmproduktion haben sich die beiden privat angeeignet. Den Filmen sieht man das nicht an. Sie kommen höchst professionell und genau durchdacht daher.

Die neue Kampagne richtet sich an Schülerinnen und Schüler der elften Klassen an Gymnasien sowie an weiterführenden und berufsbildenden Schulen. Allerdings sollen sie sich die Filme nicht einfach im Internet ansehen. Die Polizeidirektion plant, mit den Filmen und einigen der Darsteller an die Schulen zu kommen. „Es wird dann eine 75- bis 90-minütige Bühnenpräsentation der Videos geben. Die Veranstaltung wird moderiert und bietet im Anschluss ausreichend Zeit für Diskussionen“, sagt Carmen Buse. Beginn des Projekts wird im Schuljahr 2017/2018 sein. Der Startschuss fällt während der Ideen-Expo im kommenden Jahr. Begonnen hat bereits ein anderes Projekt, das im Zusammenhang mit der neuen Präventionskampagne steht. Die Polizei lädt Schülerinnen und Schüler ein, Plakate oder eigene Filme zum Thema Ablenkung im Straßenverkehr zu erstellen. Die besten drei Beiträge erhalten Preisgelder zwischen 2500 und 1000 Euro. Anmeldeschluss ist der 31.Dezember. Die Beiträge müssen bis zum 16. März 2017 bei der Polizei eingegangen sein.

Um diese Unfälle geht es in der Serie

Stadtbahnunfall Stöcken: Der erste der insgesamt fünf Filmbeiträge der neuen Kampagne erzählt von einem Stadtbahnunfall im August 2014 am Stöckener Markt. Eine 25-Jährige war damals von einer Stadtbahn erfasst und getötet worden. Die späteren Ermittlungen ergaben, dass die junge Frau Kopfhörer getragen und über ihr Smartphone Musik gehört hatte. In dem Film kommen Augenzeugen, Üstra-Fahrerin Bettina S. und eine Seelsorgerin zu Wort, die den Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod der 25-Jährigen überbringen musste. Sie berichtet, dass ihr dieser Fall besonders nahegegangen sei. „Die Schwester des Opfers war kurz zuvor an der Unfallstelle vorbeigekommen. Weil man ihr aber berichtet hatte, bei dem Opfer handele es sich um eine ältere Frau, hatte sie sich nichts weiter dabei gedacht“, sagt die Seelsorgerin.

Verkehrsunfall Laatzen: In Film zwei lassen Zeugen und Einsatzkräfte den Zusammenprall zweier Autos im Dezember 2012 auf der Erich-Panitz-Straße Revue passieren. Ein 20-Jähriger war mit einem Audi aus ungeklärter Ursache nach links in den Gegenverkehr geraten – wahrscheinlich abgelenkt, wodurch, ist unklar. Dort stieß sein Fahrzeug frontal mit dem entgegenkommenden Mercedes eines 59-Jährigen zusammen. Dieser wurde bei dem Unfall so schwer verletzt, dass er noch am Unfallort starb. Ein Helfer der Feuerwehr berichtet, dass sie sich damals entschieden hatten, den Toten zunächst im Wrack zu lassen, um sich um die übrigen Verletzten kümmern zu können, sodass die Einsatzkräfte in unmittelbarer Nähe des Leichnams arbeiten mussten.

Verkehrsunfall Burgdorf: Ein Familienausflug in den Heidepark nahm  im August 2010 auf der Straße zwischen Burgdorf und Immensen ein jähes Ende. Davon berichtet der dritte Film des Polizei-Projekts. Ein 49-jähriger Familienvater war mit seinem damals 19-jährigen Sohn, dessen damaliger Freundin und einem weiteren Bekannten auf dem Weg nach Soltau. In einer langgezogenen Kurve kam dem Wagen der Ausflügler plötzlich ein Opel entgegen – dessen Fahrer abgelenkt war, womöglich durchs Handy, wie die Polizei vermutet. Die Fahrzeuge stießen frontal zusammen. Der 49-Jährige erlitt dabei tödliche Verletzungen. Im Film kommt neben dem Sohn auch die Ehefrau des Getöteten zu Wort. „Der Unfallverursacher wird den Rest seines Lebens mit seiner Schuld klarkommen müssen - das ist Strafe genug.“

Dramatische Zahlen

Die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten jungen Erwachsenen im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Hannover ist im Jahr 2015 um 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Die Zahl der schwerverletzten jungen Erwachsenen sank glücklicherweise im gleichen Zeitraum von 74 auf 62. Genaue Daten, wie viele Unfälle auf die Ablenkung am Steuer durch Smartphones oder andere Geräte, zurückzuführen sind, hat die Behörde allerdings nicht. Denn Beamten ist es nicht erlaubt, nach jedem schweren Verkehrsunfall routinemäßig und ohne begründeten Verdacht auf dem Mobiltelefon eines mutmaßlichen Unfallverursachers nachzusehen, ob er unmittelbar vor dem Aufprall telefoniert oder eine Kurznachricht geschrieben hat. „Das ist nur dann möglich, wenn wir konkrete Hinweise darauf haben, beispielsweise durch Zeugen“, sagt Behördensprecher Mirco Nowak. Dennoch deuten die steigenden Zahlen bei den Unfällen mit zu geringem Abstand sowie die stetig wachsenden Daten im Bereich der sogenannten „Sonstigen Ursachen“ auf eine Zunahme der Unfälle durch Ablenkung hin. Ein weiteres Indiz ist die stetig steigende Zahl der Smartphone-Nutzer. „Das Gerät ist ständiger Begleiter gerade junge Menschen, die häufig die Gefahren im Straßenverkehr unterschätzen“, sagt Polizeipräsident Kluwe.

Tobias Morchner

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