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Aus der Stadt Sexueller Missbrauch durch Priester erschüttert Hannover
Hannover Aus der Stadt Sexueller Missbrauch durch Priester erschüttert Hannover
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21:49 07.02.2010
Von Simon Benne
„Nur die Wahrheit wird euch frei machen“: Pfarrer Hans-Joachim Osseforth plädiert in Mühlenberg für einen offenen Umfang mit den Missbräuchen. Quelle: Christian Burkert

Der offiziöse Verlautbarungsjargon ist nichts für ihn. Er will keine genormte Sprache verwenden, keine austauschbaren Worthülsen. Nein, er sei weder „empört“ noch „erschüttert“, sagt Pfarrer Hans-Joachim Osseforth, als er dort im Altarraum steht. „Ich bin seit 38 Jahren Priester und habe in viele menschliche Abgründe geschaut, auch in meine eigenen“, sagt er. „Aber was geschehen ist, ist schlimm.“ Im Kirchenzentrum Mühlenberg halten manche den Atem an, als er über das spricht, worüber manche nicht gerne sprechen.

Mehr als 300 Menschen sind zur Sonntagsmesse gekommen, selbst Stehplätze sind rar. Heute ist alles anders als sonst. Heute beten sie unter den Augen mehrerer Kamerateams und Journalisten. Denn in der vergangenen Woche sind massive Vorwürfe gegen Pater Peter R. lautgeworden. Der Jesuit soll am Berliner Canisius-Kolleg über Jahre hinweg Schüler sexuell missbraucht haben – und von 1999 bis 2003 arbeitete er auch hier, in der Mühlenberger St.-Maximilian-Kolbe-Gemeinde. Neben dem Pater Bernhard E., der jetzt gestanden hat, sich Anfang der siebziger Jahre sexueller Übergriffe schuldig gemacht zu haben, ist Peter R. der zweite mutmaßliche Kinderschänder, der in der Stadt als Priester tätig war.

Das Evangelium dieses Sonntags wirkt, als wäre es eigens für diesen Tag gemacht. Petrus, nach katholischer Lesart eine Art Gründervater der Kirche, fällt darin zerknirscht vor Jesus auf die Knie: „Herr, geh weg von mir, ich bin ein Sünder.“ Heute ist ein Tag der Selbstanklage. In den Kirchen wird ein Brief des Hildesheimer Bischofs Norbert Trelle verlesen. Er bekennt darin Scham und Betroffenheit. Er versichert, alles an eine Aufklärung der Taten zu setzen. Er bietet möglichen Opfern Hilfe an und bittet sie, sich zu melden.

Auch Propst Martin Tenge findet bemerkenswert selbstkritische Worte an diesem Sonntag: „Die ganze Institution hat Schuld, weil sie für eine Mentalität ,bitte nicht darüber reden‘ gesorgt hat“, sagt er im Gottesdienst in St. Clemens. Er selbst kenne nicht wenige Priester, die Täter seien, und er kenne auch Opfer persönlich: „Wir sind in einer Lage, in der wir uns schämen müssen als Kirche“, sagt der langjährige Jugendseelsorger. „Ich finde es richtig, wenn die Opfer ihren Zorn auf die Kirche rauslassen – sie haben recht.“ Auch wenn ein öffentliches Schuldeingeständnis der Kirche peinlich sei: „Es ist dran, es ist notwendig.“

Lange war es üblich, Priester einfach zu versetzen, wenn sexuelle Übergriffe ruchbar wurden. Davon berichtet auch Pfarrer Osseforth im Gottesdienst: Als er damals in Hildesheim angefragt habe, warum denn Peter R. in seine Gemeinde nach Mühlenberg geschickt werde, habe man von Unregelmäßigkeiten bei der Finanzverwaltung gesprochen. „Also habe ich zugesehen, dass er nicht mit Geld und Verwaltungsdingen in Berührung kam.“ Von den Missbrauchsvorwürfen habe er erst vergangene Woche erfahren – nicht durch die Kirchenleitung, sondern als Journalisten bei ihm anriefen.

Am Sonntag hat bei einem Gottesdienst in der St.-Maximilian-Kolbe-Kirche in Hannover Pfarrer Hans-Joachim Osseforth seine Gemeinde dazu aufrufen, bislang möglicherweise verschwiegene Missbrauchsfälle mitzuteilen.

Nach der Messe, als die Gläubigen noch beim „Kirchenkaffee“ beisammensitzen, gibt es für viele nur ein Thema. Küster, Kommunionhelfer und Katecheten sind verunsichert, es brodelt in der Gemeinde. Da sind die Peinlichkeit, das Entsetzen – und die Wut: „Schlimm, dass der damalige Bischof Josef Homeyer unserem Pfarrer nichts gesagt hat – so konnte ein Kinderschänder bei uns Jugendfreizeiten leiten“, schimpft eine Frau, und viele nicken heftig. „Und nie hat man dem Pater etwas angemerkt“, sagt eine andere.

Es ist auch die Zeit der dunklen Spekulationen: Hat Pater R. sich nicht immer wieder Geld geliehen? War er immer so verschlossen, weil er Angst vor Entdeckung hatte? Und warum sind in der Vergangenheit nie auch nur Gerüchte über ihn aufgekommen – wer gehört da noch zu denjenigen, die etwas vertuschen? Es ist schwer zu sagen, ob manche Sache erst jetzt im richtigen Licht erscheint – oder ob das große Hineingeheimnissen seine eigene Wirklichkeit schafft.

Auch die Grenze zwischen Sensibilität und unbegründeter Verdächtigung ist nicht leicht zu ziehen. „Ich gehe schon lange nicht mehr in die Sakristei, wenn sich dort nur ein einzelner Messdiener aufhält, und den Kaplänen schärfe ich ein, dann die Tür offen zu lassen“, sagt Pfarrer Osseforth. „Damit niemandem etwas nachgesagt werden kann.“ So gedeiht im Klima des Misstrauen eine Renaissance des Anstandsdamenwesens.

Wenn es um Kindesmissbrauch geht, gilt in der Öffentlichkeit keine Unschuldsvermutung. Dann sind Behauptungen Anklagen, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen sind, und Gerüchte sind wie Urteile. Pfarrer Osseforth berichtet, wie kürzlich aufgeregte Kommunionkinder zu ihm angelaufen kamen: Eine Toilette lief über, und spontan lief er ins Mädchenklo, um eine Papierrolle aus der verstopften Schüssel zu fischen. Im Nachhinein bereute er das: „Wenn danach jemand erzählt hätte, ich würde mich auf dem Mädchenklo rumtreiben, hätte ich hier meine Koffer packen können“, sagt er. „Ich bin mir zu schade, mich mit Gerüchten herumzuschlagen.“

Manchmal, berichtet der Pfarrer, übernachteten Kinder in der Kirche, und wenn eines dann nachts Angst bekomme und zu einem Betreuer auf die Luftmatratze flüchte, sei das mittlerweile ein Problem. Die besondere Nähe zu den Menschen war immer das wichtigste Kapital der Kirche. Jetzt erweist sie sich zugleich als ihr verwundbarster Punkt. „Nun werden wohl alle Priester verdächtigt – als ob es Missbrauch nicht auch in Schulen, Kindergärten oder Sportvereinen gäbe“, sagt eine 18-Jährige, die früher selbst Messdienerin beim verdächtigen Peter R. war.

Inzwischen kursiert die Geschichte von dem Jugendlichen, der unter vier Augen mit einem Pfarrer sprechen wollte und diesem dann drohte: „Wenn Sie mir kein Geld geben, sage ich, Sie haben mich angefasst.“ Die Anekdote ist unverbürgt, doch sie sagt viel aus über die Stimmung, die in manchen Gemeinden herrscht. Eine Art Richtschnur dafür, wie man jetzt weiterkommt, findet Pfarrer Osseforth in der Bibel. Am Ende seiner Predigt zitiert er den Apostel Paulus: „Nur die Wahrheit wird euch frei machen.“

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