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„Den Menschen eine Stimme geben“

Flüchtlingshilfe „Den Menschen eine Stimme geben“

Vor 24 Jahren floh Shakila Nawazy aus Afghanistan nach Hannover. Als Krisenberaterin hilft sie jetzt selbst Flüchtlingen und Migranten im Unternehmerinnen-Zentrum in Linden – und möchte den Menschen eine Stimme geben. 

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„Jeder offizielle Brief kann Herzklopfen auslösen“: Shakila Nawazy ist Krisenberaterin für Flüchtlinge und Migranten. Foto: Wallmüller

Quelle: Michael Wallmueller

Hannover. Wer diesen Raum betritt, spürt sofort: Hier bemüht man sich, damit Besucher sich wohlfühlen. In der Ecke von Shakila Nawazys Beratungsraum gibt es ein großes, helles Sofa, dekoriert mit bunten Kissen und Tüll. Auf dem runden Beistelltisch stehen Kaltgetränke, eine Thermoskanne mit heißem Wasser, eine Kiste mit Teebeuteln und eine Schale mit Süßigkeiten. Wenn man in das weiche Sofa gesunken ist und ein Glas Tee vor sich hat, fühlt man sich gut aufgehoben bei Nawazy, die als Krisenberaterin für Flüchtlinge und Migranten im Unternehmerinnen-Zentrum an der Hohen Straße in Linden arbeitet.

Die lebhafte Frau möchte das geben, was Behörden und offizielle Anlaufstellen bei allem gutem Willen meist nicht schaffen: „Ich will individuelle Hilfe leisten.“ Migranten stehen meist vor ähnlichen Problemen: Sie sprechen kein Deutsch, haben keine Arbeitsmöglichkeiten, ihr Aufenthaltsstatus ist unsicher. „Die Menschen haben Angst“, sagt Shakila Nawazy - vor dem Unbekannten, um die Angehörigen, die sie in den Heimatländern zurücklassen mussten, vor den Behörden. „Jeder offizielle Brief kann Herzklopfen auslösen, und die ständige Angst macht Menschen krank.“

50 Euro für eine Beratungsstunde 

Shakila Nawazy kennt all das aus eigenem Erleben. 1991 ist sie mit ihrer Familie aus dem afghanischen Kabul nach Hannover geflohen. Hier hat sie an der Volkshochschule Deutsch gelernt, Abitur gemacht und später Sozialpädagogik studiert. Nach mehreren Berufsjahren im Flüchtlingsbüro Kargah auf dem Faust-Gelände hat sie sich selbstständig gemacht. 50 Euro kostet eine Beratungsstunde bei ihr, und zu tun hat sie reichlich. Auf dem großen Sofa hört sie von harten Schicksalen, äußeren und inneren Verletzungen, Sorge vor Abschiebung, aber auch davon, dass nach der Flucht viele Ehen auseinandergehen, wenn traditionelle Familienstrukturen sich auflösen.

Wenn die Sozialpädagogin darüber spricht, spürt man ihr Mitgefühl. Doch sie ist auch unerschütterlich optimistisch: „Manchmal reicht schon ein Gespräch, um Menschen etwas aufzubauen. Man muss ihnen die Hand reichen, ihnen auf den Weg helfen.“ Das geht vom Übersetzen der Behördenpost bis zu beinahe persönlichen Gesprächen, die die Familientherapeutin führt. Das Wichtigste sei, die Ressourcen eines jeden Menschen zu erkennen und dann zu überlegen, wie man diese einsetzen könne. Die Worte Flüchtling oder Fremder vermeidet Shakila Nawazy. Die meisten Migranten empfänden diese Begriffe als erniedrigend, sagt sie. Es seien ja Menschen, die ihr da im Büro in Linden gegenübersäßen, „und von jedem, der hier gesessen hat, habe ich etwas gelernt“. Sie wünscht sich, dass diese Menschen in Deutschland gehört werden, dass man ihnen mit Empathie begegnet - so viele derzeit auch ankommen. „Ich möchte diesen Menschen eine Stimme geben.“

Brücke zwischen den Ländern 

Sie selbst fand ihre ersten Jahre in Deutschland zwar hart, geholfen habe ihr jedoch, dass sie „sehr, sehr neugierig“ sei. Ständig habe sie sich gefragt: „Was denken diese Menschen? Wie tickt dieses Land?“ Das hat sie mittlerweile begriffen, und wenn man die Sozialpädagogin fragt, was sie an Deutschland schätzt, sprudelt es aus ihr heraus: „Freiheit, individuelle Freiheit, Ordnung, Sicherheit.“ Freiheit nimmt sie sich auch bei Fragen nach ihrem Privatleben - die Freiheit zu schweigen: Solche Fragen möchte sie nicht beantworten, sagt sie lächelnd, aber bestimmt, ebenso wenig wie die Frage nach ihrem Alter.

Über ihre Arbeit und ihr Verhältnis zu Deutschland hingegen spricht die Frau in der engen Jeans und dem knallroten Pullover gern und temperamentvoll. Hannover sei ihre zweite Heimat geworden, sagt sie. Dennoch schlage ihr Herz für Afghanistan, zweimal war sie allein im vergangenen Jahr in ihrer alten Heimat. Die Krisenberaterin sieht sich als „Brücke zwischen den beiden Ländern“. Zu ihren Klienten zählen zahlreiche Afghanen. Möglicherweise werden sie besonders von Nawazys Visitenkarte angesprochen: Die schwarz-rot-grüne Verzierung erinnert stark an die schwarz-rot-grüne afghanische Flagge.

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