Hannover. Es soll die Ansiedlung des Jahrzehnts für Hannover werden: Bis zu 2500 Arbeitsplätze in Spitzenzeiten verspricht der Investor. Jetzt aber regt sich doch unerwartet heftiger Widerstand aus der Bevölkerung. Die Siedlergemeinschaft Seelhorst, ein 550 Mitglieder starker Verein, macht mobil gegen das 110.000 Quadratmeter große, 14 Meter hohe Logistikzentrum, das auf den Messeparkplätzen rund 300 Meter von den Wohnhäusern entfernt errichtet werden soll. Die Gemeinschaft fürchtet Lärm und Gestank von den täglich etwa 400 Lastwagen und 800 Mitarbeiterfahrzeugen, die laut Planung der Stadt rund um die Uhr erwartet werden. Die Anwohner zweifeln an dem Arbeitsplatzversprechen – und sie werfen der Politik vor, das Thema wegen der Kommunalwahl absichtlich unter der Decke gehalten zu haben.
„Wir wollen nicht nach dem Sankt-Florians-Prinzip gegen die Ansiedlung sein, nur weil sie vor unserer Tür erfolgen soll“, sagt Frank Podschadly, „aber wir werden nicht akzeptieren, dass diese Halle so nah an der Wohnbebauung entsteht.“ Er ist Vorsitzender des Siedlervereins, dem fast alle Haushalte in dem Wohngebiet zwischen Wülferoder Weg und Wülfeler Straße angehören. Das Quartier ist 1932 als Wohngebiet für 220 Familien gegründet worden und ab 1994 stark gewachsen. Der Zusammenhalt ist stark: Grill- und Straßenfeste werden gemeinsam gefeiert, man leiht sich Gartengeräte aus und hilft sich auch sonst unter den Mitgliedern der Siedlergemeinschaft.
Am Donnerstagabend hat sich Podschadly in der Einwohnerfragestunde des Bezirksrats Döhren-Wülfel an die Kommunalpolitiker gewandt. „Ich appelliere an Sie: Wenden Sie sich gegen das Vorhaben“, sagte er. Es sei absehbar, dass sich der Verkehr während der Messezeiten und bei anderen Problemen auf dem Schnellweg durch das Wohngebiet quälen werde. „Die Belastung, die ohnehin hoch ist, wird durch diese Ansiedlung noch stärker“, sagt auch Vorstandsmitglied Ernst Menke. Die Siedler fordern, dass die Ansiedlung auf Gewerbegebiete an den Autobahnen verlegt wird, wo es keine Anwohner gibt. „Warum geht man nicht nach Sehnde-Höver?“, fragt Podschadly – und gibt sich gleich selbst die Antwort: „Hannover will die Ansiedlung in den Stadtgrenzen, um selbst zu kassieren.“
Er sprach in öffentlicher Sitzung davon, dass es sich bei dem ansiedlungswilligen Unternehmen um die Firma Amazon handele, die derzeit regionale Vertriebszentren aufbaut. Aus der Stadtverwaltung gibt es derzeit keinerlei Kommentar. Sie rät von öffentlichen Spekulationen ab, weil das Unternehmen derzeit keine Öffentlichkeit wolle und Hannover noch im Wettbewerb mit anderen Standorten stehe.
Podschadly und seine Mitstreiter dagegen wollen noch viel mehr Öffentlichkeit. „Wenn die wirklich im Frühjahr mit dem Bau beginnen wollen, dann muss das Thema doch schon lange unter dem Deckel gehalten worden sein“, vermutet er. „Ich frage mich, warum es nicht vor der Kommunalwahl öffentlich gemacht wurde – über das Thema hätten wir gerne mit den Politikern diskutiert.“
Der Vorstand der Siedlergemeinschaft habe sich mit dem Thema intensiv beschäftigt, sagt Podschadly. In den nächsten Tagen erscheine der Rundbrief, der die Mitglieder informiere. Ob es zu spektakulären Aktionen wie bei der Boehringer-Ansiedlung kommen wird, zum Beispiel Demonstrationen oder Grundstücksbesetzungen, das weiß Podschadly noch nicht. In jedem Fall hält er eine stadtteilübergreifende Bürgerinitiative mit Anwohnern aus Mittelfeld, Bemerode, Kronsberg und anderen betroffenen Quartieren für denkbar: „Wir werden uns dieses Projekt nicht bieten lassen.“
Sondersitzung am kommenden Mittwoch
In einer Sondersitzung am kommenden Mittwoch ab 14 Uhr werden sich zahlreiche Fachausschüsse und die zuständigen Bezirksräte erstmals mit der geplanten Großansiedlung beschäftigen. Die Stadt muss – anders als konkurrierende Standorte – zunächst den Bebauungs- und den Flächennutzungsplan ändern und ist daher gezwungen, die Ansiedlung öffentlich zu machen. Die Stadtspitze hätte trotz aller Beteuerungen, die Öffentlichkeit bei Baufragen intensiv einzubeziehen, das Thema lieber verschwiegen, weil sie meint, dass eine zu frühe Nennung des Firmennamens Nachteile bei der Standortauswahl bedeuten könne. Ähnliche Argumente hatte es gegeben, als die HAZ vor Jahren erstmals über die geplante Ansiedlung von Ikea und Boehringer berichtet hatte. In beiden Fällen waren die Bedenken unbegründet – auch wenn im Fall Boehringer derzeit noch eine Anliegerinitiative auf dem Klageweg gegen die Eröffnung des Impfforschungszentrums vorgeht. Aus der Kommunalpolitik kam Donnerstagabend erstmals Kritik an der Verschwiegenheit. CDU-Politikerin Gabriele Jakob sagte im Bezirksrat, sie glaube nicht, dass ihre Fraktion den Plänen derart kurzfristig zustimmen könne. Sie wolle sich zunächst mit Fachleuten und Bürgern darüber beraten. Bei den Spitzen der Ratsfraktionen hingegen war, wie berichtet, das Ansiedlungsverfahren bisher positiv aufgenommen worden.
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