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Aus der Stadt Sieh mich an! – Kunst mit Kopftuch
Hannover Aus der Stadt Sieh mich an! – Kunst mit Kopftuch
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18:20 20.11.2012
„Ich konzentriere mich ganz auf die ästhetische Dimension“, erzählt Fotograf Christoph Ehleben, der kopftuchtragende Muslima in Szene gesetzt hat. Quelle: Christoph Ehleben
Hannover

Serife Özbek-Sagır mag sich mit Kopftuch. Ja, sie findet sich damit sogar „sehr hübsch“. Doch das allein ist nicht der Grund dafür, dass sie ein Kopftuch trägt. Einem religiösen Gebot folgen und dabei auch ästhetische Akzente setzen: Für die junge Muslima ist das kein Widerspruch. Gerade mal elf Jahre alt war Serife, als sie erstmals ein Tuch um ihren Kopf band. „Ich ging damals regelmäßig zum Religionsunterricht in die Moschee und erfuhr, dass muslimische Mädchen und Frauen ihr Haar bedecken sollten“, berichtet die Tochter türkischer Einwanderer. Als fromme Muslima wollte auch sie sich verhüllen. Inzwischen ist Serife 27 Jahre alt und hat sich so sehr an das Kopftuch gewöhnt, dass es „ein Teil“ von ihr geworden ist.

Eingeschränkt fühlt sich Serife, wie sie sagt, mit verhülltem Haupt keineswegs. Die junge Frau erzählt davon, dass sie Tennis spielt und auch sonst „alles machen kann“, was ihr wichtig ist und wozu sie Lust hat. Serife ist eine selbstbewusste Muslima, die in Hannover geboren und aufgewachsen ist und die Urlaub im europäischen Ausland macht. Sie arbeitet stundenweise als pharmazeutisch-technische Assistentin in einer Apotheke und studiert parallel dazu Pharmazie.

Die Kunden reagieren unterschiedlich auf Serife: Viele sind freundlich zu ihr, manche lassen sie aber auch spüren, dass ihnen eine Kopftuchträgerin nicht genehm ist. Sie habe es sich angewöhnt, kritische Kommentare zu überhören und verächtliche Blicke zu ignorieren, sagt Serife. Mit dem weit verbreiteten negativen Image von Kopftuch tragenden Frauen möchte sie sich nicht abfinden. Wie auch viele andere junge Muslimas, die ihr Haar verhüllen, ist sie die Debatten um das Kopftuch leid. Eigentlich mag Serife auch gar nicht mehr auf die Frage antworten, ob sie sich wirklich freiwillig verhülle.

Serife ist die Debatte um das Kopftuch leid

Als ihre Schwägerin sie fragte, ob sie nicht bei einem Fotoshooting für eine Ausstellung mitmachen wolle, sagte Serife spontan zu. „CultureCommunication“ heißt das Projekt, das der Fotograf Christoph Ehleben und seine Partnerin Julia Kokke initiiert haben. Serife gefiel das Anliegen des Künstlerpaares, sich dem kontrovers diskutierten Stück Stoff ästhetisch zu nähern. Der hannoversche Fotograf, dessen jüngste Ausstellung „True Love“ in der hannoverschen Galerie im Keller dem VW-Käfer gewidmet war, richtet nunmehr seine Kamera auf verhüllte Frauen. Seine „Modelle“ müssen nicht stillhalten, sie dürfen, ja sollen sich bewegen und sich kreativ einbringen – „in High Fashion, in Alltagsgarderobe oder auch in Berufskleidung“. Nicht der Fotograf bestimmt also die Pose, sondern die Frauen präsentieren sich vor der Kamera so, wie sie sich selbst wahrnehmen und auch von anderen wahrgenommen werden möchten.

Fürs „Warming-up“ wiederum sorgt Julia Kokke. Sie schafft mit Tee, Gebäck und Gesprächen eine entspannte Atmosphäre im Studio. Denn es soll vom Anfang bis zum Ende, vom Sich-Herrichten bis zum Shooting, allen beteiligten Freude bereiten. Keine schwermütigen Gespräche über die Unterdrückung von Frauen im Islam und die Frage, ob sie als Kopftuchträgerinnen integriert sind, sondern ein Kunstprojekt, das die Möglichkeit gibt, ihr Lebensgefühl auszudrücken. „Wir sind keine armen bemitleidenswerten Wesen“, sagt Serife stellvertrend für all die, die bei CultureCommunication mitmachen.

„Poetische Annäherung an ein ideologisch überfrachtetes Thema“

Christoph Ehleben beschreibt seine Arbeit als „poetische Annäherung an ein ideologisch überfrachtetes Thema“. Als Künstler richte er den Blick vom Allgemeinen auf das Besondere – auf das Individuum. „Ich konzentriere mich ganz auf die ästhetische Dimension.“ Und deswegen belichtet er für die geplante Ausstellung die Fotos in Schwarz-Weiß. „Farben lenken ab und verfälschen“, sagt der 49-Jährige. Kopftuchträgerinnen ins rechte Bild rücken: Das ist der Wunsch des Fotografen und auch das seiner Modelle, wobei den Frauen vor allem die Korrektur des negativen Images am Herzen liegt. „Wir wollen zeigen, dass wir selbstbewusst und lebenslustig sind“, so beschreibt Serife das Motiv der Modelle.

„Wir sind nicht eines Morgens aufgewacht und haben uns vorgenommen, ein Integrationsprojekt ins Leben zu rufen“, stellt Julia Kokke klar.  Auf die Idee für CultureCommunication seien sie gekommen, nachdem sie ein verschwommenes Foto ihrer Freundin Ayse Sagır gesehen hatten. Ein Foto, auf dem sie ist ihr Haar mit einem rosafarbenen Tuch bedeckt. „So hatten wir Ayse noch nie gesehen.  Wir waren fasziniert von ihrer Anmutung, einer Schönheit, die uns ansprach“, erzählt Julia Kokke.

Ayse Sagır kennen sie nur mit langen schwarzen Haaren. Denn die Tochter türkischer Eltern hat schon vor einigen Jahren das Kopftuch abgelegt, „weil es sich so ergeben hat“. Jetzt trägt sie es nur noch in der Moschee oder bei religiösen Zeremonien. Die 36-Jährige hat aber sehr viele Freundinnen, die ein Kopftuch tragen und weiß um deren Probleme in der hiesigen Gesellschaft – etwa, dass Kopftuchträgerinnen weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, auch wenn das kaum offen ausgesprochen wird. Dass man sich als Arbeitgeber reichlich Ärger einhandeln kann, wenn man den Grund der Absage nennt, musste ein Arzt erfahren. Er hatte die Bewerbung einer Praxishilfe abgelehnt, weil sie ein Kopftuch trug. Daraufhin klagte die junge Frau wegen Diskriminierung und bekam Recht.

Die positiven Reaktionen überwiegen

Für das Kunstprojekt hat Ayse Sagır  Frauen aus ihrem Umfeld direkt angesprochen und dafür auch in ihrem Programm beim lokalen Bürgerradiosender LeineHertz geworben. Und sie hat manch Interessierte zu Christoph Ehlebens Studio nach Herrenhausen begleitet. Anfangs hatte das Künstlerpaar keine konkrete Vorstellung davon, wie sich ihr Projekt entwickelt und ob sich Kopftuchträgerinnen überhaupt fotografieren lassen. Mit Kritik bombardiert wurde das Künstlerduo von einigen erzkonservativen Muslimas, die den beiden vorwarfen, dass sie mit der Zurschaustellung von Kopftuchfrauen das herrschende „Klischee“ bestärkten. Doch die positiven Reaktionen überwiegen, und keine zwei Monate nach dem ersten Shooting sind es die Modelle selbst, die Werbung machen für CultureCommunication – über Mund-zu-Mund-Propaganda und über Soziale Netzwerke.

Julia Kokke und Christoph Ehleben beschreiben ihr Projekt als ein „sinnliches Experiment“ und betonen, dass sie offen für Anregungen der Teilnehmerinnen sind. Eine davon kam von der Juristin Selma Öztürk: Sie möchte auch mit ihrer Mutter fotografiert werden. „Die Frauen der ersten Generation sind unsere ,Trümmerfrauen‘, sie haben hier viel eingesteckt, und hatten nicht die Sprache, sich zur Wehr zu setzen“, sagt die 33-jährige Tochter türkischer Arbeitsmigranten.

Seine Bilder möchte Ehleben nicht als Dokumentation „irgendwelcher Statements“ verstanden wissen. „Fotografie ist Kunst“, sagt Ehleben, „ein Foto wiederum ein Kommunikationsmedium.“ Über eben dieses Medium haben er und seine Partnerin „sehr interessante, spannende Menschen kennengelernt“.

Bei den Gesprächen haben sie festgestellt, „dass uns sehr viel verbindet, aber auch, wie erschreckend wenig wir voneinander wissen.“ Daher wünschen sie sich, dass CultureCommunication Stoff für gute Gespräche bietet wird – nicht aber Zündstoff für hitzige Diskussionen um das Stück Stoff und den Islam.

von Canan Topçu

Bustier und Kopftuch

Eine Frau, modisch gekleidet mit eng anliegender Bekleidung oder gar Bustier und Kopftuch: „So zeigen sich viele junge Muslimas in Deutschland und irritieren damit manchen Nicht-Moslem.“

Schließlich lautet die gängige Erklärung für das Tragen eines Kopftuches im islamischen Kontext doch: Der Koran schreibt es vor, und es dient dazu, die weiblichen Reize zu verhüllen. Wie also lässt sich das Tuch auf dem Kopf mit der körperbetonten Garderobe in Einklang bringen?
Gerade einmal drei Stellen gibt es im Koran, die sich auf die Bekleidung von Frauen beziehen. Drei Passagen, die von islamischen Rechtsschulen unterschiedlich interpretiert und mit entsprechenden Vorschriften verknüpft werden. Die Bandbreite reicht von „Es gibt keinen Verhüllungszwang“ bis hin zur Vollverschleierung mit Sehschlitz. In extremer Variante fordert diesen der Wahabismus in Saudi-Arabien: schwarzer Tüll zum Verhindern von Blickkontakt.

Ist das Kopftuch ein Symbol der Religiosität, Zeichen von Unterdrückung oder Ausdruck neuer Identitäten? Die verschiedenen Stufen der Bedeckung markieren „den Willen der Trägerin, sich unterschiedlich stark den Regeln der Geschlechtertrennung zu unterwerfen“, so erklärt es die Wissenschaftlerin Yasemin Karakasoglu. Wenn das Kopftuch der Musliminnen in „westlich feministischen Kreisen ausschließlich als Zeichen der Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes gedeutet wird“, dann könnten auch Deutungsmuster hineinspielen, „die ihre Herkunft in christlichen Traditionen haben“. Die Bremer Professorin mit dem Forschungsschwerpunkt Interkulturalität stellt einen Bezug zum Neuen Testament her: Paulus fordere die Frau, deren Haupt der Mann sei, auf, ihren Kopf zu bedecken. Auf die Unterordnung der Frau nach der Ehe weise die noch immer verwendete Redewendung „unter die Haube kommen“ hin. Der Schleier hatte historisch jedoch nicht immer die Funktion, die Minderwertigkeit der Frau zu kennzeichnen. Grundsätzlich sei es notwendig, die Bedeutung des Kopftuchtragens im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten: „In der Diaspora kann es identitätsstiftende, kulturelle Bezüge betonende Funktionen übernehmen. In islamischen Ländern tritt stärker die politische Position in den Vordergrund.“

Frauen tragen also nicht alle aus dem gleichen Grund ein Kopftuch. Während sich die einen aufgrund ihrer Sozialisation nackt fühlen, wenn ihr Haar nicht verhüllt ist, sind andere der Ansicht, damit ihrer religiösen Pflicht nachzukommen. Es gibt aber auch die, die damit ihr Selbstbewusstsein demonstrieren – in einer Gesellschaft, in dem der religiöse Sinn von Verhüllung hinterfragt oder als Unterwerfung gegen männliche Dominanz abgelehnt wird.
Es kann aber auch, wie bei jungen Muslimas mit Kopftuch und Bustier, Ausdruck einer Identität jenseits dieser Zuschreibungen sein.

von Canan Topçu

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