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Wann ist man zu alt zum Arbeiten?

Jobverlust im Alter Wann ist man zu alt zum Arbeiten?

Die Wirtschaft brummt; wer Arbeit sucht, findet sie. Tatsächlich? Wer mit Mitte 50 seinen Job verliert, muss den sozialen Abstieg fürchten. Eine Umschulung kann der Ausweg sein – doch die kostet Geld. Zwei Erfahrungsberichte.

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„Vielleicht joggt der Personalchef ja auch gerne“: Robert Fahrendorf (Bild oben) soll bei Bewerbungen auch seine Hobbys angeben. Vielleicht bringe es ja etwas. Michael Schwerdtfeger (links) hat Glück gehabt: Nach einer Fortbildung hat er einen neuen Job, der ihm Spaß macht.Fotos: Wiechers, privat

Hannover. Es war ein langsames Sterben. Als Benatzky, ein angesehenes hannoversches Familienunternehmen, die angeschlagene mittelständische Druckerei Münstermann übernahm, glaubten viele an eine neue Zukunft. 2016, fünf Jahre später, kann man im Insolvenzbericht nachlesen, dass die Hoffnung auf schwarze Zahlen von Anbeginn ein Irrtum war. Die Abschlussbilanz: 4,9 Millionen Euro Schulden und kein Geld für einen Sozialplan. 59 Mitarbeiter und ein Auszubildender stehen auf der Straße. Einer von ihnen ist Robert Fahrendorf (Name geändert). Mit 57 Jahren muss er plötzlich fürchten, zum Sozialfall zu werden. Die Druckereibranche steckt in der Krise. Den Beruf Druckformhersteller, den er mit 22 Jahren nach dem Abitur und der Bundeswehrzeit gelernt hat, samt Meisterbrief, gibt es nicht mehr; jahrzehntelang hat er eigenverantwortlich im Vertrieb der Druckerei gearbeitet und sich im neuen Beruf bewährt. Er war nie arbeitslos, kaum einen Tag krank.

Und nun? Anfangs, erzählt er, habe er noch darauf vertraut, dass jeder eine Chance habe. Wer hört schon genauer hin, wenn die Arbeitsagentur warnt, dass zwar das Risiko für Mittfünfziger deutlich gesunken sei, arbeitslos zu werden? „Aber wer einmal draußen ist, kommt viel zu selten wieder rein“, sagt er.

Hat er dafür Beiträge gezahlt?

1237 Euro Arbeitslosengeld stehen Robert Fahrendorf zu. 18 Monate lang. Dafür hat er mehr als 30 Jahre lang Beiträge gezahlt. Die Uhr läuft.

Die Arbeitsagentur schickt ihn als Erstes zu einem Bewerbungskurs, in dem ihm geraten wird, sich nicht mit einem Strandfoto um einen Job zu bemühen. Bei einem Seminar für ältere Arbeitslose wird er ermuntert, über seine Stärken und Schwächen nachzudenken. Am Ende gibt’s noch den Tipp, auch Hobbys wie Laufen im Bewerbungsschreiben zu erwähnen. Vielleicht habe man ja Glück und die Anfrage gerate in die Hände eines Personalchefs, der auch gern joggt.

Dutzende Bewerbungen auf Dutzende Stellenausschreibungen hat Robert Fahrendorf in den ersten Monaten geschrieben. Mit und ohne Hobbys, und immer mit dem Zusatz, dass ein kostenloses Praktikum möglich ist. Ein einziges Mal wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Dort wird ihm zwar eine Einstellung in Aussicht gestellt, aber als er am vereinbarten Tag anruft, ist die Chefin im Skiurlaub. E-Mails bleiben unbeantwortet. Später heißt es lapidar: kein Bedarf mehr.

Ist Leiharbeit für einen Monatslohn von 1200 Euro die Lösung? Anfang Januar sitzt er auf Vermittlung der Agentur mit weiteren elf Arbeitslosen bei einem Zeitarbeitsunternehmen, das im Auftrag der Deutschen Bahn für die Dauer von vier Monaten Callcenter-Mitarbeiter sucht. Der Stundenlohn beträgt 11 Euro, Schichtdienst von 6 bis 23 Uhr. Drei der Bewerber werden wieder weggeschickt, darunter der älteste, Robert Fahrendorf. Das kratze am Selbstwertgefühl, sagt er. Man fühle sich aussortiert und überflüssig.

Seine Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur rät zu Geduld; eine Umschulung lehnt sie ab. Nach zehn Monaten wird sein Wunsch, sich zum Finanz- und Lohnbuchhalter zu qualifizieren, plötzlich doch genehmigt. Die Agentur übernimmt die Kosten von rund 10.000 Euro für den siebenmonatigen Kurs bei einem privaten Weiterbildungsinstitut. Sein Ticket für den Wiedereinstieg?

Die Umschulung als Rettung

Bei Michael Schwerdtfeger hat’s geklappt. Es war kurz vor seinem 54. Geburtstag, als die FDP hochkant aus dem Bundestag flog und er als Leiter eines Abgeordnetenbüros plötzlich in der Arbeitslosigkeit landete. Mit 58 Jahren hat er nun endlich wieder eine feste Anstellung. Seit Dezember ist er in der Lindener Internetfirma Abakus als Suchmaschinen-Optimierer, kurz SEO, beschäftigt.

Seine Rettung war eine Umschulung zum Marketing-Kaufmann. Zwei Jahre lang saß er jede Woche ein bis zwei Tage lang in der Berufsschule neben 19- und 20-Jährigen. Die restliche Woche arbeitete er bei einem Reiseunternehmen und kümmerte sich um dessen Internetauftritt, für 500 Euro Gehalt zusätzlich zum Arbeitslosengeld. „Ich war der Älteste im jungen Team von Polar-Kreuzfahrten. Aber es passte.“ In seinem Abschlusszeugnis steht die Note 1,2 und ein besonderes Lob für sein „Sozialverhalten“.

Die Umschulung war seine Idee – auch, nachdem er erlebt hatte, dass seine berufliche Laufbahn nichts zählte, weder die Zeit als Geschäftsführer einer eigenen Videothekenkette noch als FDP-Sprecher. „Wenig Papiere in der Akte, nur reichlich Wissen und Lebenserfahrung. Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann“, sagt er. Vorstellungsgespräche? Fehlanzeige.

Mögen Chefs keine Widerworte?

Michael Schwerdtfeger sieht man sein Alter nicht an. Doch was nutzt es, sich fit zu fühlen, wenn man noch nicht einmal die Chance zum Gespräch bekommt? Ein ehemaliger Personalchef hat ihm einmal erzählt, dass oft junge Personalerinnen die älteren Bewerber nach einer internen Vorgabe vorab aussortieren. „Wer durchs Raster fällt, ist gleich raus.“ Michael Schwerdtfeger ist überzeugt, dass es noch einen weiteren Grund für die Vorbehalte gegen Ältere gibt. „Viele Chefs wollen niemanden einstellen, den sie nicht mehr formen können oder der auch mal Widerworte hat.“ Die SPD, vorneweg ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz, will Arbeitslosen nun mit einem Angebot entgegenkommen, um ihre Chancen zu verbessern: Verlängerung des Arbeitslosengelds gegen Fortbildung. Ein sinnvoller Plan? Wenn man Michael Schwerdtfeger zuhört, dann ja. Die CDU hält dagegen nichts davon.

Mit 57 wieder zur Schule

Robert Fahrendorf geht nun sieben Monate lang wieder zur Schule und hofft im Herbst, mit dem Abschluss endlich einen Job zu finden. Ansonsten müsste er erst einmal vom Ersparten leben, das als Altersvorsorge gedacht war. Danach droht Hartz IV. Von seinem alten Arbeitgeber stehen ihm zwar noch 19?000 Euro brutto für nicht gezahlte Gehälter und Überweisungen an den Pensionsfonds zu. Aber das Insolvenzgericht hat bereits klargestellt, dass er wohl nicht mit Geld rechnen kann. Michael Schwerdtfeger dagegen hat sich kürzlich bei der Arbeitsagentur mit einem Brief für die Unterstützung bedankt. Sein Sachbearbeiter Udo Jahnel hätte die Umschulung, die etwa 40.000 Euro kostete, und die längere Arbeitslosengeldzahlung einfach ablehnen können. Er hat es nicht getan.

Michael Schwerdtfeger hat Glück gehabt und bei der Firma Abakus tolle Chefs gefunden. In neun Jahren könnte der neue SEO schon wieder in Rente gehen – aber er kann sich gut vorstellen, mit 67 Jahren einfach weiter zu arbeiten. Einfach, weil der Job Spaß macht.

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