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Wenn Kinder einen Anwalt brauchen

So arbeiten Verfahrensbeistände Wenn Kinder einen Anwalt brauchen

Im manchmal jahrelangen Kampf um Sorge- und Umgangsrecht sind oft Kinder die Leidtragenden. Bei Scheidungsverfahren oder Streitigkeiten mit Problemfamilien können Verfahrensbeistände ihnen unter die Arme greifen, und das ist oft bitter nötig. Keine einfache Arbeit. So läuft der anspruchsvolle Job.

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Wenn der Streit um das Kind eskaliert, „dann möchte man die Eltern schon mal gerne schütteln“, sagt Familienrechts-Anwältin Catrin Sabo. 

Quelle: Silvia Marks/dpa

Hannover. Wenn Eltern sich trennen, folgt oft ein jahrelanger Kampf um Sorge- und Umgangsrecht. Doch häufig, sagt Familienrechts-Anwältin Catrin Sabo, gehe es gar nicht um das Kindeswohl, sondern um eine Demütigung des nunmehr verhassten Partners oder um finanzielle Interessen der Erwachsenen: „Und dann möchte man die Eltern schon mal gerne schütteln.“

Mutter und Vater werden von ihren Anwälten vertreten - doch wer macht sich bei familiengerichtlichen Auseinandersetzungen für die Kinder stark? Seit 1998 gibt es Verfahrenspfleger, 2008 wurde im Familienverfahrensgesetz die Funktion des Verfahrensbeistands festgeschrieben. „Doch eigentlich ist das kein schöner Name“, sagt Reinhard Prenzlow, Vorstandsvorsitzender des Berufsverbands der Verfahrensbeistände. „In Österreich spricht man von Kinderbeistand, das trifft es besser.“

Viele Kinder brauchen Beistand

Beistand brauchen viele Kinder und Jugendliche in Verfahren um Scheidungen und schwierige Familienverhältnisse. Da ist der Säugling, den die drogensüchtige Mutter vernachlässigt. Die Achtjährige, der der Ziehvater beim Kuscheln zu nahe kommt. Oder der 16-Jährige, dem die Mutter partout den Kontakt mit ihrem früheren Ehemann verbieten will.

„Eine der wichtigsten Aufgaben eines Verfahrensbeistands ist es, überhaupt erst einmal herauszubekommen, wo denn die Probleme und Interessen des Kindes liegen“, sagt Prenzlow. Und das braucht Zeit und Einfühlungsvermögen. „Selbst Kinder, die misshandelt werden, versuchen, ihre Eltern häufig so lange zu schützen wie möglich“, sagt Catrin Sabo. Die fünffache Mutter arbeitet seit 2008 als Verfahrensbeistand und weiß, wovon sie spricht.

Oft ist es Glückssache, ob ein Kind oder Jugendlicher in einem Familienrechtsstreit einen Verfahrensbeistand zur Seite gestellt bekommt. Die Entscheidung trifft ein Familienrichter, einen einklagbaren Anspruch auf diese Form der Unterstützung hat ein Kind nicht. Es sind überwiegend Juristen, die als Beistände tätig sind, seltener Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter. „Und es arbeiten mehr Frauen als Männer in diesem Bereich“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Sabine Marx, die oft als Sachverständige in familiengerichtlichen Verfahren zum Einsatz kommt. „Dabei ist es für manche Kinder besonders wichtig, auch einmal mit positiven Männerbildern konfrontiert zu werden.“

350 Euro pro Verfahren

Wenn sich in Scheidung befindliche oder in schwierigen sozialen Verhältnissen lebende Eltern nicht in die Karten schauen lassen wollen und auch dem Jugendamt vertiefte Einblicke verwehren, ist der Verfahrensbeistand gefragt. „Ich kenne Fälle, wo erst aufgrund langanhaltender Bemühungen solcher Beistände Missbrauchsfälle im familiären Umfeld aufgedeckt wurden“, erzählt Psychotherapeutin Sabine Marx. Verständnis für die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, Durchsetzungsvermögen gegenüber Eltern und Anwälten sowie fundierte Kenntnisse in Familienrecht, Entwicklungspsychologie und Gesprächsführung sind wichtige Elemente, um das Beste für die jungen Schützlinge zu erreichen.

Reich werde man mit dieser Tätigkeit nicht, sagt der Verbandsvorsitzende Prenzlow. 350 Euro Vergütung gibt es, wenn sich der Unterstützer ausschließlich mit dem Kind beschäftigt, 550 Euro sind es, wenn er auch mit Eltern und anderen Bezugspersonen reden soll. „Dabei war ich im Extremfall an Verfahren beteiligt, die zweieinhalb Jahre dauerten“, berichtet der gelernte Gymnasiallehrer und dreifache Vater, der schon an mehr als 2000 Fällen mitgewirkt hat. „Zum Glück wird der Großteil der Familienrechtsstreitigkeiten aber inzwischen mit einer einvernehmlichen Einigung beendet“, erläutert er, „nicht mehr per Gerichtsbeschluss.“

„Heftige Emotionen“

Gelegentlich werden Verfahrensbeistände mit Familienverhältnissen konfrontiert, die sie schaudern lassen. „Ein Vater hat mir mal ins Gesicht gesagt, er werde so lange Kinder zeugen, bis sie ihm das Jugendamt nicht mehr wegnimmt“, erinnert sich Catrin Sabo. Gelegentlich werden die Helfer von Eltern sogar persönlich angegangen oder gar bedroht, insbesondere dann, wenn den Eltern aufgrund einer Gefährdungslage der Entzug ihrer Kinder droht: „Da sind dann heftige Emotionen im Spiel“, sagt Sabo.

Doch es gibt auch Erfolgserlebnisse. In einem Verfahren sei es gelungen, erzählt die Anwältin, vier von acht Kindern in einem Heim unterzubringen, fernab von einer vermüllten Wohnung mit 15 Katzen und fünf Hunden. „Und als mich dann ein Neunjähriger anrief, ein ganz pfiffiger Junge, und mir erzählte, wie glücklich er über das eigene Bett und die eigene Zahnbürste im Heim sei, hat mich das schon sehr gefreut.“

Ein anspruchsvoller Job

Verfahrensbeistand ist kein Beruf, Verfahrensbeistand kann im Prinzip jeder werden. Das führt dazu, dass Kinder und Jugendliche nicht immer in angemessenem Maß unterstützt werden, im schlimmsten Fall ihren Interessensvertreter im Laufe eines streitigen Verfahrens nicht einmal zu Gesicht bekommen. So kennt die Psychotherapeutin Sabine Marx die Geschichte eines 13-jährigen Mädchens, das im Zuge eines viele Jahre währenden Umgangsrechtsverfahrens von fünf Verfahrensbeiständen begleitet wurde – bis sie auf einen Unterstützer traf, der darauf beharrte, die Erziehungsfähigkeit des Vaters gutachterlich überprüfen zu lassen. Erst dann kam heraus, dass der Mann psychisch auffällig war – woraufhin ihm der Kontakt mit dem Mädchen verboten wurde. Der Berufsverband der Verfahrensbeistände weiß um die Komplexität der Aufgaben und die Verantwortung der Helfer. „Darum wollen wir den Gesetzgeber schon lange dazu bewegen, Mindestqualifikationen festzuschreiben“, sagt der Verbandsvorsitzende Reinhard Prenzlow. Eine abgeschlossene Ausbildung als Jurist, Psychologe, Pädagoge oder Sozialarbeiter gehöre ebenso dazu wie eine qualifizierte Fortbildung und die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses. Schließlich müsse ein Verfahrensbeistand über jeden Verdacht erhaben sein, so Prenzlow, sich aus unehrenhaften Gründen mit Kindern beschäftigen zu wollen. 

152 Stunden für das Kindeswohl

Eine qualifizierte Weiterbildung für Verfahrensbeistände in Norddeutschland: Die hat das Bildungswerk der Gewerkschaft Verdi im Vorjahr erstmals angeboten, am 12. Mai 2017 beginnt der zweite Durchgang. Er umfasst zehn Doppeltermine (jeweils freitags und sonnabends) von 152 Stunden Dauer und endet im Januar 2018 mit einer Prüfung. Die Fortbildung fußt auf einem Forschungsprojekt der Hildesheimer Familienrechtlerin und Hochschulprofessorin Sabine Dahm, Dozentinnen sind die Psychotherapeutin Sabine Marx, die hannoversche Familienanwältin Ulrike Halm sowie die Diplompädagoginnen Elke Grimm und Katja Riechel. Die vom Berufsverband anerkannte Weiterbildung kostet 1980 Euro, für Verdi-Mitglieder 1782 Euro. Voraussetzungen für eine Teilnahme sind ein abgeschlossenes Studium sowie die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses. Zielgruppe sind schwerpunktmäßig Juristen, Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeiter beiderlei Geschlechts. Vermittelt werden Fachkenntnisse über das Familien- und Jugendhilferecht sowie die kindliche Entwicklungspsychologie, auch geht es um Formen der Kindeswohlgefährdung, Hilfestellungen für eine altersangemessene Kommunikation mit jungen Klienten sowie die Rolle und Rechtsstellung eines Verfahrensbeistands. Nähere Informationen erteilt Silke Frerichs von Verdi unter Telefon (0511) 12400419.

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