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So erlebt ein Nicht-Landwirt die Eurotier

Bullendisko So erlebt ein Nicht-Landwirt die Eurotier

Tinder-Dating für Rinder, Klauenpflege-Tapes als BH-Ersatz und eine vereinsamte Schuhputzmaschine: Es geht eher rustikal zu auf der Eurotier, der Agrarmesse mit Tier, die alle zwei Jahre auf dem hannoverschen Messegelände stattfindet. Was ein nicht-Landwirt auf der Messe alles erleben kann, dass zeigt dieser Selbstversuch.

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Besamungsstation mit Musik und Drehteller: Liane Krauter von CRV präsentiert Bauers Traumkuh.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Die Schuhputzmaschine im Convention Center steht rum. Keine Kundschaft. Dabei ist es ein schmuddeliger Novembertag auf dem Messegelände, nasskalt und pfützig. Aber es ist auch Eurotier, die Agrarmesse mit Tier, die sich mit der Agrarmesse ohne Tier, der Agritechnica, jährlich abwechselt. Businesstypen mit Schuhputzdrang gibt es hier auch, aber sie sind in der Minderzahl. Es regiert wetterfestes Schuhwerk und allgemein modischer Pragmatismus. Nicht jeder Eurotier-Besucher, der zwischen den Hallen durch den Regen läuft, zieht eine Jacke an. Es geht, sagen wir, rustikal zu. Auch beim Transport von Info-Material: Statt der sonst üblichen ­Messetüten bekommen die Besucher hier bunte Plastikeimer. Nach einer Stunde Eurotier fällt das nicht mehr auf. Man trägt halt Eimer.

Stephan Weil wird Patenonkel eines Lamms

Besonders passend in Halle 11. Da riecht es vertraut. Menschen sind hier nicht die einzigen Lebewesen, aber zumindest die einzigen, die ihre Toilette in extra Räumen verrichten. Mittendrin in der vollen Halle 11 steht am Mittwochvormittag Stephan Weil. Der Ministerpräsident wird Patenonkel, irgendwann nach einem Plausch mit Schafzüchtern bekommt er sein Patenkind auf den Arm gedrückt: Es ist ein Lamm namens Steffi, und den Gesichtsausdrücken der beiden nach zu urteilen ist nicht klar, wer von beiden, Steffi oder Stephan, sich mit der Situation unwohler fühlt.

Ein Rundgang über die EuroTier.

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Landwirtschaftsminister Christian Meyer nimmt niemanden auf den Arm. Er spricht mit den Schafzüchtern, über Schafe, aber auch über Wölfe. Und über Entschädigungen. Eine hundertprozentige Sicherheit vor den Fressfeinden gebe es trotz moderner Technik nicht. Die Opfer seien die Schafhalter. Heiko Schmidt vom Landesverband Weser-Ems stellt klar: „Es geht nicht ums Geld. Wir wollen das Bild von gerissenen Tieren nicht sehen.“

Wölfe brauchen die Schafe und Ziegen auf der Eurotier nicht zu fürchten. Die Messe ist grob aufgeteilt in die Bereiche „Rind“, „Schwein“, „Geflügel“, „Futter“ und „Energieversorgung“. In Halle 11 herrscht der meiste Trubel, es ist wirklich voll und laut. Viele Menschen, viele Sprachen: Englisch, Holländisch, Schwedisch, Japanisch, Plattdeutsch. Auf der Bühne am Kopf der Halle steht Liane Krauter von der Besamungsstation CRV und erzählt von Bauers Traumkuh, die „nachhaltig, effektiv und einfach zu managen“ ist. Die Genetikexpertin steht vor einem Drehteller, auf dem sich zur Melodie von „Chariots of Fire“ ganz langsam „drei Töchter unseres Spitzenvererbers G-Force“ drehen und ab und zu lautstark in den Vortrag muhen. Handys werden gezückt, Notizen gemacht. Besamungsstation mit Musik und Drehteller – Bullendisko, könnte man sagen.

Nachkommengeprüfte Besamungspakete zum Vorzugspreis

Oder Tinder-Dating für Rinder. Denn hier wird das Beste vom Bullen nur so verschleudert: „Gewinnen Sie täglich eine Spermabestellung“ lockt ein Plakat, und Anbieter Eurogenetik verspricht „fünf Portionen gratis“ bei Bestellung eines nachkommengeprüften Besamungspakets zum Vorzugspreis von 590 Euro. Dafür wird unter anderem beim Bullen mit dem selbstbewussten Namen Wettendass gezapft, und was der zustandebringt, kann man direkt auf der Eurotier bewundern. Andrea, Ozeana und Bona liegen etwas gelangweilt in ihren Boxen und kauen geduldig dem Feierabend entgegen. Wer kein Geld ausgeben möchte, versucht sein Glück und nimmt am gleichen Stand an der Verlosung teil – 1. Preis: ein Kalb. 2. Preis: ein Skiwochenende in Tirol.

Ein paar Meter weiter geht es um Klauenpflege, und man soll nicht denken, dass hier modische Details vernachlässigt würden. Die Experten von Buchholz & Aschenbrenner aus dem oberbayerischen Dorfen preisen für die Nachbehandlung Kinesio-Tapes in Rot, Pink und den blauweißen Landesfarben an. Und damit die Besucher auch sehen, wie und was die bunten Bandagen halten, haben sich die „BengBeng-Girls“ von Buchholz & Aschenbrenner den flexiblen Stoff als BH-Ersatz um den Oberkörper gewickelt und auch gleich einen Kalender drucken lassen – dessen Erlös der Krebshilfe zugute kommt. „Sitzt super“, sagt die blonde Miriam, eines der gut gelaunten Kalender-Girls, die sich immer gern mit Messegästen fotografieren lassen. Flex sells.

Abends die Party in "Pollmeyers Bauernstuben"

Natürlich geht es in den Hallen einerseits ums Geschäft, um Entwicklungen der Branche, um Probleme, Vogelgrippe, Tierhaltung und Tierwohl. Andererseits ist die Eurotier auch eine gute Gelegenheit für die Landwirte, mal rauszukommen, Kollegen zu treffen und Freud und Leid am Job zu teilen. Und abends Spaß zu haben. Entweder in Hannover – oder auf dem Weg, wie es die Raiffeisen-Genossenschaft Ems-Vechte macht. Drei Busse sind um fünf Uhr aufgebrochen, Landwirt Reinhard Deters aus Haselünne macht mit seinen Kollegen Christoph und Andreas ein Päuschen am Stand eines Futtermittelherstellers. Abends brauchen die Herrschaften noch Kondition – sie kehren zum Eurotier-Abschluss in „Pollmeyers Bauernstuben“ in Friesoythe bei Cloppenburg ein.

Vorher wird sich ausgetauscht. Auch mit Geschäftspartnern, die auf der Messe ausstellen, denn „die kommen ja sonst immer nur zu uns“, sagt Deters, der Schweine- und Rindermast betreibt sowie Mais und Getreide anbaut. Das Thema Tierhaltung treibt ihn wie viele auf der Messe um. „Es gibt in jeder Branche Schlafmützen. Aber es wird immer so dargestellt, als ob wir Bauern unsere Tiere quälen. Wir haben doch kein Interesse daran, dass die Tiere nicht zufrieden sind. Nur ‘ne gesunde Kuh gibt auch gut Milch.“ Die Lage sei aber insgesamt nicht einfach. In seinem Dorf seien sechs von ehemals zehn Betrieben schon weg. „Wir kämpfen“, sagt Deters. Und zieht dann mit Christoph und Andreas weiter durch die Hallen. Die Menschen drängeln sich durch die Gänge.

Nur die Schuhputzmaschine im Convention Center bekommt von alldem nichts mit.

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