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So fasten Muslime während des Ramadan

Fastenmonat für Muslime So fasten Muslime während des Ramadan

Am Dienstag endet für Muslime weltweit der Fastenmonat Ramadan. Doch wie ist es überhaupt den zwischen Sonnenauf- und -untergang auf Essen und Trinken zu verzichten? Wir waren bei Familie Demirburga beim abendlichen Fastenbrechen zu Besuch.

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„Es ist ein wenig wie Weihnachten für Christen“: Familie Demirbuga beim Fastenbrechen.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Allah ist gnädig in diesen Tagen. Bei angenehmen Temperaturen um die 20 Grad fällt es Familie Demirbuga aus Linden-Nord leichter, sich an die Gebote des Ramadan zu halten. Denn wenn es wie in der vergangenen Woche so heiß ist und die Sonne unermüdlich auf die Stadt brennt, müssen die Muslime mit sich kämpfen. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang fasten sie, verzichten komplett aufs Essen und Trinken. Auch, wenn sie wie Vater Ibrahim schwere körperliche Arbeit verrichten. Der 47-Jährige ist Tiefbauer. Schatten gibt es auf der Baustelle nur wenig. Wasser ist nicht erlaubt. „Es ist schon schwerer, wenn es sehr warm ist“, sagt er. Doch sein Glaube gebe ihm die Kraft, die körperliche Anstrengung zu überwinden. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, als guter Moslem zu fasten.

Noch bis Dienstag feiern Muslime Ramadan. In diesem Jahr fällt der gesegnete Monat ausgerechnet auf die längsten Tage: Die Sonne geht erst nach etwa 18 Stunden um kurz vor 22 Uhr unter. Und je weiter nördlich man auf der Erde lebt, desto kürzer ist die Nacht, in der gegessen und getrunken werden darf. In der Heimat der Familie, der Türkei, sind die Tage kürzer.

So feiern Muslime aus Hannover das Fastenbrechen - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

„Das ist eine fiese Zeit zum Fasten“, sagt Demirbugas 26-jährige Nichte Zehra mit einem Grinsen. Aus der Küche zieht der Duft von Reis und Gemüse in das Wohnzimmer. Wie fast jeden Abend in diesen Wochen sitzt die Familie beisammen. Die Gemeinschaft beim Fasten ist wichtig, die Abende allein zu verbringen gilt als verpönt. Der Ramadan ist eine besondere Zeit. „Es ist ein wenig wie Weihnachten für Christen“, sagt Zehra. Die Familie sitzt auf dem fliederfarbenen Sofa im Wohnzimmer, man spricht über die Spiele der Europameisterschaft, über Politik und die Kinder. Im Fernseher, der auf einer Wohnwand steht, läuft ein EM-Spiel. Auf dem liebevoll gedeckten Tisch stehen Wasser und Datteln, die die Familie von der Reise in die heilige Stadt Mekka mitgebracht hat. Damit wird das Fasten traditionell gebrochen. Doch noch müssen sich die Türken gedulden: Es ist noch mehr als eine halbe Stunde Zeit.

Die Demirbugas kamen in den Sechzigerjahren als Gastarbeiter nach Deutschland. 1986 holte der Großvater auch seine Söhne in das weit entfernte Land, um Geld zu verdienen. Während er später wieder zurück in seine Heimatstadt Kayseri in Zentralanatolien ging, blieben Ibrahim und seine Frau Leyla in Hannover. Sie hatten mittlerweile eine Familie gegründet und hofften auf eine gute Zukunft in Deutschland - und vor allem auf eine gute Ausbildung für die Kinder. Der Wunsch ging in Erfüllung: Der 19-Jährige Sohn Mustafa hat gerade das Abitur an der Leinetalschule gemacht, er möchte in Leipzig oder Düsseldorf Zahnmedizin studieren. Seine Zwillingsschwester ist für ihr Lehramtsstudium nach Berlin gezogen. Der jüngste Sohn ist gerade für einen Ausflug in die Schweiz gereist. Die Demirbugas haben sich in Deutschland und in Linden-Nord eingerichtet.

„Als Moslem hat man es recht schwer in Deutschland, vor allem wegen der Vorurteile“, sagt Vater Ibrahim. Viele Deutsche verstünden etwa nicht, dass sie im Ramadan den ganzen Tag auf Nahrung verzichten können. Sein Chef mache gerne den Scherz, Ibrahim solle einfach das Rollo herunterlassen - wenn es dunkel ist, könne er ja essen. Der 47-Jährige muss zugeben, dass ihm die ersten Fastentage schwerfallen, auch nach all den Jahren. Aber Körper und Magen gewöhnten sich nach einiger Zeit daran.

Gleichwohl halten nicht alle die Zeit des Verzichtes durch. Demirbugas sechs türkische Arbeitskollegen fasten nicht. „Sie sagen, es fällt ihnen zu schwer, sie haben Magenschmerzen oder keine Geduld.“ Ibrahim Demirbuga verurteilt das nicht, dazu ist fasten eine zu persönliche Sache. Jeder müsse es mit seinem eigenen Gewissen vereinbaren, wenn er auf den Verzicht verzichtet, sagt er.

Ohnehin von der Pflicht ausgenommen sind Kinder, Kranke und Schwangere. „Und wem es im Sommer zu anstrengend ist, der kann auch im Winter nachfasten“, sagt der Tiefbauer. Reecep Bilgen, Vorsitzender des Landesverbandes der Muslime, glaubt aber, dass der Großteil der 300 000 in Niedersachsen lebenden Muslime fastet. „Der Ramadan ist die wichtigste Zeit für uns. Deshalb gehen viele ihren religiösen Pflichten auch nach“, sagt er. Demirbuga findet, das Durchhalten sei eine Einstellungssache. Man dürfe sich nicht immerzu einreden, dass es schwer ist. „Wir wissen ja, wofür wir es machen“, sagt der Türke. „Im Jenseits bekommen wir die Belohnung von Gott. Das gibt Kraft. Sonst würde auch keiner durchhalten.“ Er lacht.

Derweil fasten auch immer mehr Kinder. In den vergangenen Wochen beschwerten sich viele Lehrer, einige ihrer Schüler seien wegen des Verzichts auf Wasser unkonzentriert oder dehydrierten gar - auch solche im Grundschulalter. Ibrahim Demirbuga kann den Unmut der Pädagogen verstehen. „Das ist viel zu früh“, findet er. Seine eigenen Kinder haben erst nach der Pubertät, mit 14 oder 15 Jahren, mit dem Fasten begonnen. Aufgezwungen habe er ihnen den Brauch nicht, sagt er. „Es bringt nichts, Druck auszuüben. Denn Glaube hat etwas mit Überzeugung zu tun.“ Mustafa, der einen Nebenjob als Werksstudent hat, fastet gerne. Auch, wenn er es nicht immer durchhält. Umso größer ist der Respekt vor seinem Vater, „der es sogar bei 40 Grad schafft“.

Der Blick des Abiturienten wandert immer wieder auf seine Uhr. Mit der Hand fasst er sich an den Bauch. Langsam macht sich der Hunger bemerkbar. Um kurz nach halb zehn bedeutet er seiner Mutter, dass es Zeit wird, bald aufzutischen. Die beiden verschwinden in die Küche. Und dann springt pünktlich um 21.54 Uhr der Digitalwecker auf der Anrichte an. Daraus ertönt knarzig der Ruf des Muezzins. „Allah ist groß. Ich bezeuge, dass es keine andere Gottheit gibt“, singt die Stimme das typisch islamische Glaubensbekenntnis auf Arabisch. „Weil wir ja kein Minarett haben“, sagt Zehra, die gerade die Masterarbeit für ihr Mathe- und Religionswissenschaftsstudium schreibt.

Endlich wird das Essen serviert: Es gibt eine Linsensuppe, Salat und Manti, ein typisches Teigtaschengericht aus der Region Kayseri. Und das ist nur die Vorspeise. Danach reicht Leyla Demirbuga gefüllte Weinblätter, Zucchini-Kebab, Reis und frische Bohnen in Tomatensoße. Für den Nachtisch hat sie Bienenstich und Kekse gebacken. Fast den ganzen Tag hat sie das Essen zum Fastenbrechen vorbereitet. „Schmeckt es denn?“ fragt die 40-Jährige. Denn natürlich darf sie auch zum Abschmecken nichts zu sich nehmen.

Zehra schafft es nicht, ihre Portion aufzuessen. Der Magen hat sich zu sehr an die Leere gewöhnt. Nach und nach ziehen sich alle Familienmitglieder zurück, um das Abendgebet zu sprechen. Fünfmal am Tag beten die Muslime. Denn der Ramadan ist nicht nur eine Zeit des körperlichen Verzichts. Die Zeit soll auch dazu beitragen, seelisch ein besserer Muslim zu sein. Viele Muslime beten im Ramadan häufiger, lesen den Koran und versuchen, mehr für ihre Mitmenschen zu tun. Auch spenden ist Teil der Zeit. „Wir merken, wie es ist, wenn man Hunger hat. Deshalb spenden wir am Ende des Ramadan oft Geld an Bedürftige“, sagt Zehra.

Für heute ist ihr eigener Hunger gestillt. Gegen 3 Uhr wird sie das Frühstück zu sich nehmen. Und dann wieder 18 Stunden lang verzichten.

Nichts essen und nicht lügen

Im Fastenmonat Ramadan verzichten Muslime tagsüber auf alle Speisen und Getränke. Auch das Rauchen ist in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und -untergang untersagt. Zudem sollen die Menschen noch mehr als sonst darauf achten, frei von Sünde zu bleiben. Auch üble Nachrede, Verleumdungen und Lügen sind untersagt. Weil sich Muslime an den islamischen Kalender halten, der sich nach dem Mond richtet und elf Tage kürzer ist, verschiebt sich die Fastenzeit jedes Jahr etwas nach vorne. Dadurch wandert der Ramadan durch alle Jahreszeiten. Am Ende des Monats feiern die Muslime das Zuckerfest „Id al-Sitr“. Um Vorurteile gegenüber Muslimen abzubauen, organisiert der Verein Forumdialog, der 2015 von Muslimen gegründet wurde, Abende, an denen Lokalpolitiker, Professoren und Medienvertreter Familien beim Fastenbrechen besuchen. In Hannover hat der Verein in diesem Jahr 32 Einladungen verschickt. „Wir wollen nicht nur nebeneinander leben, sondern in Kontakt treten und die Wohnungen öffnen“, sagt Samet Er über das Projekt. 

Isabell Rollenhagen

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