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So feierte Hannover Weihnachten nach dem Krieg

Serie "Aufbruch 1945" So feierte Hannover Weihnachten nach dem Krieg

Das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg: Trotz Flüchtlingselend und Trümmerwüsten schöpften die Menschen 1945 in Hannover wieder neue Hoffnung. Die letzte Folge unserer großen HAZ-Serie "Aufbruch 1945: Als der Frieden nach Hannover kam".

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Nachkriegsweihnacht: Im Hauptbahnhof war der Weihnachtsmann zu Gast.

Quelle: Hauschild/Historisches Museum Hannover

Hannover. Die Szenerie muss grau gewesen sein. Kalt, unwirtlich und grundiert von einer kaum zu ertragenden Trostlosigkeit: „Wenn die Abendzüge eintreffen, ist der Andrang bei uns am stärksten“, erzählte die Leiterin des Flüchtlingsbunkers am Hauptbahnhof wenige Tage vor Weihnachten einem Reporter des „Neuen Hannoverschen Kuriers“. Am Eingang des Baus drängten sich schwer versehrte Soldaten und Mütter mit Säuglingen, dazwischen standen gebrechliche alte Menschen. Sie alle waren müde und auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht. Herbergssuche - das war Weihnachten 1945 für viele Menschen im zerstörten Hannover kein pittoreskes Versatzstück aus dem Lukas-Evangelium, sondern bittere Realität.

Dennoch sollte das erste Christfest ohne Fliegeralarm und Bomben in der Erinnerung unzähliger Deutscher einen ganz besonderen Platz einnehmen: „Das Weihnachtserlebnis ist der kriegsabgewandteste Vorgang im menschlichen Herzen“, schrieb der Bildungspolitiker Adolf Grimme 1945 in einem Zeitungsbeitrag zum Christfest: „Die ewige Heilsbotschaft ,Friede auf Erden!’ - wann ertönt sie eindringlicher und kann vernehmlicher gehört werden als in diesen Tagen!“, notierte der Sozialdemokrat: „Nach diesem entsetzlichsten aller Kriege der Menschheit tönt dieses Wort mit doppelter Kraft!“

So feierten die Hannoveraner Weihnachten nach dem Krieg: Bilder aus Hannover nach 1945.

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In vielen Familien waren Angehörige noch vermisst oder in Gefangenschaft. Dennoch - oder gerade deshalb - versuchte man, inmitten von Trümmern und Chaos ein Stück weihnachtliche Normalität zu inszenieren. Man improvisierte dabei notgedrungen: „Meine Mutter machte Marzipan aus Grieß und Bittermandelaroma“, erinnert sich die damals elfjährige Edith Meyfarth: „Es war steinhart, knochentrocken - und schmeckte wunderbar.“ Ihr Vater zerdrückte Pellkartoffeln und vermischte sie mit Zwiebeln und Salz zu einem Brei, der fast wie Mett schmeckte, wenn man ihn als Brotaufstrich mit geschlossenen Augen aß.

„Als Kinder haben wir die Zeit gar nicht als entbehrungsreich empfunden“, sagt Edith Meyfarth. Vielleicht, weil Kinder das Talent haben, auch große Not vor allem als großes Abenteuer zu sehen. Vielleicht aber hielten die Erwachsenen auch viele Schrecken von ihnen fern - und von diesen gab es Ende 1945 mehr als genug: Der städtische KZ-Ausschuss organisierte in den Kellern des „Neuen Hauses“ eine Weihnachtsfeier, eine Kaffeetafel für Überlebende. Stadtgespräch war die Hinrichtung von elf Kriegsverbrechern aus Bergen-Belsen in Hameln am 13. Dezember. Und an einem regnerischen Adventssonntag gab es auf dem Seelhorster Friedhof eine Trauerfeier für jene Toten, die hier von den Nazis noch in den letzten Kriegstagen ermordet worden waren.

Neues Buch

Um das Weihnachtsfest des Jahres 1945 geht es auch in dem Buch „Als der Frieden nach Hannover kam“ von HAZ-Redakteur Simon Benne. Das Buch hat 116 Seiten und ist für 14,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Vorbestellungen sind hier möglich.

In den Wochen vor Weihnachten muss eine seltsame Mischung aus Resignation und kämpferischer Hoffnung, aus Zukunftsangst und erschöpftem Aufatmen über der Stadt gelegen haben. Und ein unbeugsamer Wille, in vertrauten Ritualen ein Stück der alten, vermeintlich heilen Zeit wiederzufinden. Auf dem Klagesmarkt und im dortigen Bunker gab es einen Weihnachtsmarkt, „im Schein brennender Tannenbäume“. Und die Oper inszenierte für Kinder „Hänsel und Gretel“ in Herrenhausen so nett, „daß echte deutsche Waldesmärchenstimmung aufkam“, wie ein Kritiker lobte.

Während Helfer Weihnachtsfeiern in Flüchtlingslagern organisierten und die Briten zur Abgabe von Wolldecken für Menschen in Not aufriefen, nahm Sprengel im Advent die Schokoladenproduktion wieder auf: Kinder bekamen eine Zuteilung von „Sprengelhappen“ aus Beständen, die eigentlich für die Wehrmacht bestimmt gewesen waren. 150 Gramm gab es gegen Zuckermarken im Wert von 50 Gramm - ein Weihnachtsgeschenk der Alliierten. Fast friedensmäßig kamen die Sprengelhappen daher, von denen 100 000 Kilo produziert wurden. Der Wert solcher Schnökereien ließ sich damals genau bemessen: 100 Gramm hatten 426 Kalorien.

Kostenlose Märchenfilmvorführungen für Kinder

Überhaupt gaben sich die Briten betont mild gegenüber der Zivilbevölkerung: Im Gloria und im Capitol gab es auf Anordnung der Militärregierung an den Weihnachtstagen kostenlose Märchenfilmvorführungen für Kinder. Die Ausgangssperren wurden über die Weihnachtstage aufgehoben: „Damit können alle Vorbereitungen für Weihnachts-Gottesdienste getroffen werden“, verkündeten die Briten. Der Militärgouverneur Oberst Hume wandte sich mit einer Botschaft an die besiegten Deutschen: „Es sind die ersten freien Weihnachten, frei vom Nazimakel und frei, den Geist des Guten und des Friedens zu pflegen“, erklärte er: „Im Namen der Militärregierung wünsche ich Ihnen ein frohes Weihnachten und ein Neues Jahr der Hoffnung und des Fortschritts.“

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

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Der Weihnachtsabend wurde für viele Familien tatsächlich zu einem unvergesslichen Erlebnis: „Bei uns gab es einen Weihnachtsbaum und sogar Blei-Lametta aus Friedenszeiten“, erinnert sich der damals 16-jährige Ernst Rohner: „Das Radio hatte leider einen Kriegsschaden und schwieg.“ Sein Vater griff also zur Gitarre, er selbst nahm seine Geige. „Wir spielten ,Fröhliche Weihnacht’, mit flauem Magen, aber voller Inbrunst“, sagt Rohner. Trotz Hunger und Kälte sangen sie, bis ihnen die Texte ausgingen.

Ihr erstes Weihnachtsfest nach dem Krieg feierte die Stadt als ein großes Fest des Trotzdem. „Gespenstisch ragen die Ruinen auf“, schrieb der „Neue Hannoversche Kurier“ in seiner Heiligabendausgabe. Bildreich beschrieb das Blatt „öde Schuttberge“ und die „graue Düsternis der einfallenden Nacht“ - um dann doch festzustellen: „Das Herz unserer Hauptstadt Hannover schlägt, seit es der Fesseln des Krieges ledig ist, so kräftig wie je zuvor.“

Geschenke wie Weihnachten 1945

Der „Neue Hannoversche Kurier“, das Nachrichtenblatt der Alliierten Militärregierung, gab seinen Lesern 1945 Tipps für „Geschenke im letzten Augenblick“. Heute muten diese rührend an.

Eine Bonbondose
Eine alte Puderstreudose aus Pappe kann man mit etwas buntem Papier und Klebstoff in eine reizende Büchse für die Weihnachtsbonbons oder Mutters Knöpfe verwandeln. Aus billigen Drucken oder Zeitschriften schneidet man bunte Figuren, Vögel oder Blumen aus und klebt sie auf einen hellfarbigen Grund. Durch den Deckel zieht man als Henkel ein Stück bunte Kordel.

Ein Briefkästlein
Blumen und Herzen, ganz einfache Bauernmotive, werden möglichst bunt auf festes Papier gemalt und auf den Deckel und die Seitenwände einer alten Zigarrenkiste oder Konfektschachtel geklebt. Schon ist der kleine Briefkasten fertig!

Ein Serviettenständer
Ein Servietten- oder Briefständer ist schnell aus etwas Sperrholz und Leim angefertigt. Die bunten Blumen kann man selbst aufmalen. Wo die Farbe und das Talent fehlen, schneidet man sie aus einer Postkarte und klebt sie fest auf.  

Hier finden Sie alle Teile der Serie "Als der Frieden nach Hannover kam".

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