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Aus der Stadt So feierten Flüchtlinge Weihnachten
Hannover Aus der Stadt So feierten Flüchtlinge Weihnachten
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00:16 30.11.2017
Von Simon Benne
Fest im Zeichen des Wiederaufbaus: Der Weihnachtsmarkt vor der noch beschädigten Marktkirche 1950.
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Hannover

Das Elend der Flüchtlinge hatte einen Kristallisationspunkt. Der Hauptbahnhof wurde im Winter 1945 zu einer Art Sammelstelle des Leids. „Wenn die Abendzüge eintreffen, ist der Andrang bei uns am stärksten“, berichtete die Leiterin des Flüchtlingsbunkers dort wenige Tage vor Weihnachten einem Journalisten des „Neuen Hannoverschen Kuriers“ (NHK). Vertriebene aus dem Osten suchten im Bunker Obdach für die Nacht, darunter alte Menschen, Mütter mit halb verhungerten Kleinkindern und Halbwüchsige, die ihre Eltern auf der Flucht verloren hatten. Für unzählige Flüchtlinge war die Suche nach Herberge bittere Realität in jenen Tagen.

Heiligabend im Bahnhofsbunker

„Seit Monaten bietet sich hier allabendlich dasselbe Bild. Der Strom der Heimatlosen und Flüchtlinge reißt nicht ab“, schrieb der Reporter des „NHK“ erschüttert: „Viele von ihnen sind schon Wochen und Monate unterwegs. Der Flüchtlingsstrom riß sie bald hierhin, bald dorthin. Die meisten haben mit der Heimat all ihre Habe verloren.“ Und trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - feierten die Menschen auch im Bahnhofsbunker Weihnachten.

„Es war wie ein Wunder“, notierte eine Pfarrersfrau, die dort ehrenamtlich in der Inneren Mission arbeitete, am 24. Dezember 1945 in ihr Tagebuch: „Tief unter der Erde, in Räumen, die während der Bombennächte die Menschen zu furchtbaren Stunden und Grauen gesammelt haben, strahlten nun die Weihnachtstannen, da klangen die liebsten aller Lieder, lauschten die Heimatlosen, Gehetzten und sehr Verzagten dem ,Friede auf Erden’.“ Fast erstaunt zog die Helferin eine unverhofft hoffnungsvolle Bilanz des ersten Friedensfestes nach dem Krieg: „Ein unvergeßlicher Weihnachtsabend.“

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So feierten die Hannoveraner Weihnachten nach dem Krieg: Bilder aus Hannover nach 1945.

Dabei war nichts heil für die Vertriebenen. Ihr Leben in der Fremde war das exakte Gegenteil weihnachtlicher Idylle. Die Familien waren zerrissen, Geschenke gab es nicht, es fehlte an Nahrung und Obdach, und an vertraute Rituale war erst recht kaum zu denken.

In einem dramatischen Appell rief der Bildungspolitiker Adolf Grimme Weihnachten 1945 in Hannover zur Solidarität mit den Flüchtlingen auf: „Ist nicht ihr Schicksal eine ernste Mahnung an uns alle gerade zu diesem Fest, auch innerlich ganz eng zusammenzurücken?“, fragte er beschwörend. „Müssen wir nicht versuchen, das, was wir an äußerem Gepränge, an Geschenken und Kerzenschein heute nicht haben, durch ein Gutsein zueinander und durch die Wärme des Herzens zu ersetzen?“

Gesten der Menschlichkeit

Tatsächlich gab es kleine Gesten der Menschlichkeit, die sich in der Erinnerung der Flüchtlinge bis heute mit der Nachkriegsweihnacht in Hannover verbinden. „Zu Weihnachten bekamen wir von Schülerinnen der Sophienschule Bücher und Kartenspiele gespendet“, sagt Waltraud Gaus, die ihr erstes Weihnachtsfest im Westen im Empelder Flüchtlingslager verbrachte. Mit sechs Personen waren sie dort in einem etwa 30 Quadratmeter großen Raum einquartiert. „Unsere Mutter spielte auf einem geretteten Akkordeon alte Lieder, und ich schmachtete auf einer geschenkten Flöte“, sagt sie. Inmitten des Elends versuchten die Menschen, ein Stück weihnachtliche Normalität zu inszenieren, so gut es eben ging.

Das Buch zur HAZ-Serie

Nach dem Krieg verschlug es Zehntausende von Vertriebenen nach Hannover. In einer großen HAZ-Serie halten wir Rückschau auf ihre Ankunft und ihren Alltag. Voraussichtlich im November erscheint dazu das Buch „Fremde Heimat – Als die Vertriebenen nach Hannover kamen“. Der etwa 100 Seiten starke Band (14,90 Euro) kann im Internet bereits jetzt unter shop.haz.de vorbestellt werden.

„Amerikaner und Engländer schickten uns zu Weihnachten Geschenke“, erinnert sich Ilona Kasperek, die im Lager Stöcken aufwuchs. „Mädchen bekamen Puppen, Jungen Autos oder Teddybären - und natürlich gab es Süßigkeiten“, sagt sie. „Wir haben uns umso mehr gefreut, weil unsere Eltern uns so etwas nicht ermöglichen konnten.“

Auffallend viele Dramen, die sich unter den Vertriebenen abspielten, sind in der Erinnerung mit den ersten Weihnachtsfesten im Westen verknüpft. Vielleicht, weil ihnen an den Weihnachtstagen die vertraute Heimat noch schmerzlicher als im Alltag fehlte. Oder weil auch kleine Hoffnungszeichen im Lichte weihnachtlicher Heilsversprechen wie große Verheißungen auf einen Neubeginn wirken können.

„Den Geist des Guten pflegen“

Da war die Frau aus Schlesien, die im November 1946 mit einer ganzen Gruppe von Flüchtlingen in der Ricklinger Landwehr-Schänke einquartiert wurde - und in dem Notquartier drei Tage vor Weihnachten ihren Vater wiederfand, der sich ebenfalls nach Hannover durchgeschlagen hatte. Und da war der Kriegsheimkehrer, der im Dezember 1945 in Hannover Frau und Tochter wiedertraf, die aus Breslau vertrieben waren. Gemeinsam besuchten sie einen Weihnachtsgottesdienst: „Meine Frau hatte unser Quartier etwas weihnachtlich gestaltet“, erinnerte er sich später: „Unsere Tochter erfreuten wir mit einer aus einer Pappschachtel gebastelten Puppenstube.“

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Ein neues Buch zeigt bisher unveröffentlichte Bilder des HAZ-Fotografen Wilhelm Hauschild.

Die Briten hoben in Hannover die Ausgangssperren über die Weihnachtstage 1945 auf, damit die Menschen Gottesdienste besuchen konnten. „Es sind die ersten freien Weihnachten, frei vom Nazimakel und frei, den Geist des Guten und des Friedens zu pflegen“, verkündete der Militärgouverneur Oberst Hume in einer Botschaft an die Deutschen: „Im Namen der Militärregierung wünsche ich Ihnen ein frohes Weihnachten und ein neues Jahr der Hoffnung und des Fortschritts.“

Bei vielen Flüchtlingen mischte sich in die Resignation auch kämpferische Hoffnung - und der unbeugsame Wille, gerade zu Weihnachten ein Stück ihrer alten, verlorenen Welt wieder zu gewinnen. Für viele der tief gläubigen Menschen aus dem Osten spielte dabei die Kirche eine zentrale Rolle. Häuser und Besitz, die vertraute Umgebung, Nachbarn und Beruf hatte man ihnen nehmen können. Den Glauben nicht.

Glaube bot den Menschen Halt

„Der Besuch der Messe war für uns ein Stück Heimat in der Fremde - der Glaube gab uns Halt“, sagt Maria Mennecke. Als achtjähriges Mädchen war sie 1946 mit ihrer Familie aus Schlesien nach Vinnhorst gekommen. Dort feierten die vertriebenen Katholiken ihre Gottesdienste zunächst in einem Klassenzimmer der Schule.

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Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kamen Zehntausende Flüchtlinge nach Hannover.

Im Advent 1949, rechtzeitig zu Weihnachten, konnte die schnell gewachsene Gemeinde dann in eine Kapelle ganz eigener Art umziehen: In Eigenarbeit hatten die Katholiken sich im ersten Stock des Vinnhorster Bunkers eine Art Notkirche einrichten dürfen, mit Stühlen, Kanzel und Altar. Die Wände waren teils mit Kunststofffolie der Marke „Acella“ verkleidet. Prompt bekam die Behelfskirche den Spitznamen „Sankt Acella“.

„Im Bunker war es immer voll“, erinnert sich Maria Mennecke. In den Raum passten 100 Stühle, dazu gab es 70 Stehplätze. Doch oft drängten sich dort 300 Gläubige, an hohen Feiertagen teils sogar doppelt so viele. Dabei gab es als Heizung nur einen Kanonenofen. Im Winter war es kalt, und im Sommer wurde die Luft schnell knapp, da es keine Fenster gab, sondern nur Belüftungsschlitze. „Oft war es dort stickig und schwül“, sagt Maria Mennecke.

Der Pfarrer kam auf der „Quick“

Dennoch blieb der Bunker elf Jahre lang Schauplatz eines regen kirchlichen Lebens. Der Pfarrer Eugen Kalabis, selbst vertriebener Priester aus Schlesien, tuckerte mit seinem Leichtmotorrad Quick durch die Gemeinde. Sein Vater, ein pensionierter Lehrer, spielte Harmonium, ein kleiner Kirchenchor sang. Im Sommer 1961 wurde dann die Kirche St. Hedwig geweiht, benannt nach der Schutzpatronin Schlesiens, finanziert mit dem Geld des Kirchbauvereins und konstruiert vom Architekten Horst Langer aus Breslau. Eine dauerhafte Heimstatt statt eines provisorischen Notbehelfs. Die Vertriebenen waren angekommen.

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Als die Vertriebenen nach Hannover kamen

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