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Aus der Stadt So geht es auf Hannovers Trinkerplätzen zu
Hannover Aus der Stadt So geht es auf Hannovers Trinkerplätzen zu
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00:15 28.08.2016
Von Simon Benne
An mehreren Plätzen in der Stadt trifft sich die Trinkerszene. Quelle: Samantha Franson
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9.58 Uhr, Raschplatz

„Hallo, Arschloch!“ Mit lautem Grölen begrüßt ein Betrunkener einen Kumpan vor der Videothek. Es ist düster in der Unterführung, und es riecht nach Urin. „Das sind die Ersten – bald werden es mehr“, sagt Maria Mariottina, die in der nahen Back-Factory arbeitet. Seit die Trinker den Raschplatz zu ihrem Treffpunkt gemacht haben, können fast alle Geschäftsleute hier von Diebstählen erzählen, von Pöbeleien und von Dreck: „Kollegen haben sich teils CS-Gas besorgt“, sagt Mariottina. Einige Läden haben Wachleute engagiert. Der Raschplatz rüstet auf. An diesem Morgen sitzt bereits ein gutes Dutzend Trinker nördlich der Hochstraße. Es ist laut, Passanten machen einen Bogen um den Ort. An der Raschplatz-Unterführung selbst findet man um diese Uhrzeit nur ein paar Gestrauchelte und Gescheiterte, wie sie jedes Gemeinwesen ertragen können muss.

11 Uhr, Schünemannplatz

Auch in Ricklingen gab es immer wieder Beschwerden über Gruppen von Trinkern. Jetzt sitzt ein halbes Dutzend von ihnen hier. „Sie sind meist schon morgens da“, sagt ein Mann, der in der Nähe arbeitet. „Sie pöbeln aber niemanden an.“ Es werde oft laut, besonders abends im Sommer, sagt ein 58-jähriger Anwohner. „Immerhin bleibt es friedlich.“ Am Schünemannplatz gibt es keine Unterführung, kein Nadelöhr wie am Raschplatz. Passanten können leicht einen Bogen um die Trinker machen. „Am Raschplatz geht es viel härter zu“, sagt eine Ricklingerin: „Das ist eine ganz andere Nummer.“

11.45  Uhr, Weißekreuzplatz

Auch hier gibt es massive Klagen über Trinkgelage. Heute jedoch geht es hier vergleichsweise idyllisch zu. Auf einer Parkbank hat sich Thomas neben einem Tetrapack Weißwein niedergelassen. „Jetzt wollen wir den Tag mal schön ausklingen lassen“, sagt der 48-Jährige. Er habe in Haft gesessen, erzählt er, jetzt lebe er in einer Unterkunft. Zum Raschplatz zieht ihn nichts: „Das ist unter aller Würde dort“, sagt er, „da sind Schlägereien an der Tagesordnung.“

12.10  Uhr, Raschplatz

Nördlich der Hochstraße sitzt jetzt niemand mehr. Dafür haben sich etliche Trinker auf der Treppe zum Bahnhof niedergelassen. „Die rotieren, je nach Wetter – bei Sonne sitzen sie auf der Treppe“, sagt Jörg Dettmer. Seit Jahren arbeitet er in der Videothek. Er kann von Umsatzeinbußen erzählen, von Kunden, die sich nicht mehr hierher trauen, und davon, dass Betrunkene Dutzende Male täglich vor sein Schaufenster pinkeln. „Man bräuchte einen effizienten Sicherheitsdienst, der Schnorrer und Pinkler sofort anspricht“, sagt Dieter Kiedrowski, der Inhaber der Videothek, „doch die Stadt tut nichts.“ Seinen Arbeitstag kann Kiedrowski in Nationalitäten einteilen: „Morgens stehen deutsche Junkies vor der Tür, nachmittags kommen die Osteuropäer und zum Abend hin die Afrikaner“, sagt er. „Trinken tun sie alle.“

14.05 Uhr, Gartenfriedhof

„Mit den Trinkern ist es hier nicht mehr so schlimm wie früher“, sagt Heinz Schüler, der als ehrenamtliche Aufsicht in der Gartenkirche in der Marienstraße arbeitet. „Auf dem Friedhof sieht es viel besser aus, seit sie eine Toilette haben, die sie benutzen können.“ Ein Dutzend Männer sitzt friedlich vorm Grab von Goethes Freundin Charlotte Kestner, viele mit Bier in der Hand. „Am Raschplatz – das ist unterstes Level“, sagt einer von ihnen angewidert. Die anderen nicken. „Innerhalb einer Woche könnte dort Ordnung herrschen“, sagt ein anderer: „Die Stadt müsste nur hart durchgreifen – und den Leuten zugleich eine Alternative bieten, wo sie hin können. Sonst knallt’s da irgendwann.“

15.10  Uhr, Raschplatz

Die Sonne kommt raus, auf der Treppe sind die untersten Stufen belegt. Am Fahrstuhl daneben sitzen ein paar Polen. Zwei Polizeiwagen halten in der Unterführung. „Polizei ist oft hier“, sagt ein Trinker. „Ich verstehe schon, dass manche Leute hier nicht mehr gerne durchgehen – meine Tochter würde ich auch nicht hierher mitnehmen“, sagt ein 34-Jähriger, der seit zwei Stunden mit seiner Bierflasche hier steht. Er erzählt von seiner schwierigen Kindheit, davon, wie er mit 14 das Saufen anfing, von Heroin, Kokain und einer Entgiftung. Jeder Trinker hier hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Meist sind es Geschichten vom Pech und davon, dass die anderen schuld sind. Die meisten haben sich ein Gespür dafür bewahrt, dass sie eigentlich nicht an diesen Ort gehören, an dem es nach Fäkalien riecht und wo Menschen im Dreck liegen: „Ich hasse diesen Platz doch auch“, sagt ein Mann, der aus Ungarn stammt. „Aber hier trifft man Freunde, mit denen man quatschen kann“, sagt ein anderer, „und wo sollen wir denn sonst hin?“ Ein junger Mann, der auf der Erde sitzt, kippt vornüber und bleibt liegen. Niemand beachtet ihn.

16.58  Uhr, Weißekreuzplatz

Es wird lauter. Auf den Bänken unter den Arkaden sitzen inzwischen Männer mit Flaschen, dazwischen aber auch Mütter mit Kindern. Heute sei es vergleichsweise ruhig, sagt Augenoptiker Ali Doustdar, dessen Geschäft gleich gegenüber liegt: „Aber sonst ist es hier unerträglich.“ Sobald es warm werde, sei der Platz voll von Menschen: „Nur ganz normale Passanten fühlen sich hier nicht mehr wohl.“

17.45  Uhr, Raschplatz

Eine Frau aus der List kommt von der Arbeit heim. Jeden Tag muss sie über den Raschplatz gehen. „Und jeden Tag versuche ich das irgendwie zu vermeiden“, sagt die 30-Jährige: „Ich fühle mich hier nicht mehr sicher.“ Es ist ein lauer Abend. Dutzende von Trinkern belagern inzwischen die Treppe und die Unterführung, teils haben sie prall gefüllte Tragetaschen dabei. In kleinen Gruppen stehen sie zusammen, einige rauchen. Der Lautstärkepegel steigt, die Stimmung wird zum Abend aggressiver. Passanten senken den Blick und beschleunigen den Schritt, wenn sie hier vorbei müssen. Ein Osteuropäer, der nach eigenem Bekunden selbst Alkoholiker ist, wirbt um Verständnis: „Die Menschen hier sind alle arm“, sagt er. Doch in der Masse wirken die Schwachen sehr einschüchternd.

18.10  Uhr, Weißekreuzplatz

Im Norden des Platzes kreisen einzelne Flaschen, doch es bleibt friedlich heute. Ausnahmsweise, wie Nora Schwenger von Fridolin’s Spielzeugladen sagt. Die 39-Jährige kann von Prügeleien vor ihrer Tür berichten: „Einige werden vor aller Augen auf Parkbänken intim, andere verrichten ihr Geschäft auf dem Platz.“ Ihr Vorschlag: „Bänke abbauen. Und man sollte einen großen Spielplatz einrichten – mit Alkoholverbot.“

18.54 Uhr, Raschplatz

Massoud Kader schaut missmutig zur Bahnhofstreppe hinüber, die noch immer von Menschen mit Flaschen belagert wird. Vor ein paar Monaten hat der Gastronom hier die Raschplatz-Oase eröffnet. Inzwischen hat er die Öffnungszeiten der Bar schon eingeschränkt. Es sitzen kaum Gäste hier. „Es traut sich keiner her“, sagt er. Auf seinem Handy habe er Videos von Schlägereien, Pöbeleien und Dreck gesammelt. „Und bei unserer Bar meckert die Stadt, wenn eine Palme zu weit draußen steht“, sagt der 31-Jährige. Was auf dem Platz helfen könnte? „Ein Alkoholverbot ist das Einzige, das hilft“, sagt er. Aus dem Mund eines Wirtes ist das ein ungewöhnlicher Vorschlag.     

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