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So geht es einer Gymnasiallehrerin an der Grundschule

Schule So geht es einer Gymnasiallehrerin an der Grundschule

Heidegret Bleck gehört zu den derzeit 401 Lehrern von Gymnasien in Niedersachsen, die für ein Jahr lang stundenweise an Grundschulen unterrichten, um den Pädagogenmangel dort auszugleichen. Fünf Stunden Mathematik gibt die 56-Jährige wöchentlich an der Grundschule Fuhsestraße. Ein Besuch.

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„Sie macht alles mit Spaß“: Heidegret Bleck in der 4. Klasse der Grundschule Fuhsestraße (li.) und in Klasse 7 in der Goetheschule (re.).

Quelle: Irving Villegas

Hannover. Der Junge kämpft mit den Tränen. Lehrerin Heidegret Bleck erklärt: Er habe nur einen Teil der Aufgabe gerechnet, ein anderer fehle noch. „Muss ich jetzt alles wegradieren?“, fragt der Viertklässler leise. „Nein“, beruhigt ihn die Lehrerin, „mach doch einfach ein Sternchen und schreib es etwas tiefer auf die Seite.“

Dann muss sie weiter, eine andere Schülerin hat eine Frage. Am Smartboard erläutert ihr die 56-Jährige noch mal, warum 2 x 5 + 3 x 5 das Gleiche ergibt wie 5 x 5. Dazu benutzt sie Karteikarten, auf die sie blaue Kugeln gemalt hat, in Fünferreihen angeordnet. Die Mathematiklehrerin nennt auch noch gleich die dazugehörige Rechenregel: „Punkt- vor Strichrechnung.“ „Ach so“, sagt das Mädchen und geht zufrieden zurück zum Platz. Ein Mitschüler fängt an zu summen. „Wir sind nicht im Musikunterricht“, sagt die Lehrerin. „Schade“, antwortet der Junge. Ein ganz normaler Tag in der Grundschule.

Fragen und Tränen

Fünf Minuten später kommt Heidegret Bleck bei ihrem Rundgang durch die Klasse 4b der Grundschule Fuhsestraße wieder an dem Tisch des Jungen mit der nur halb gerechneten Aufgabe vorbei. „Du hast ja noch gar nichts gemacht“, sagt sie verwundert. Sie geht in die Knie und versucht es mit einem neuen Vorschlag: „Schreib doch einfach ab der dritten Reihe die ganze Aufgabe und lass den Rest so.“ Der Schüler überlegt kurz, wischt sich verstohlen zwei Tränen aus den Augenwinkeln und greift schließlich langsam zu Radiergummi und Bleistift.

Das ist begleitetes Lernen. Mit Frontalunterricht kommt man an der Grundschule nicht weit.

Stundenplan

Ein kurzer Auszug aus Heidegret Blecks Stundenplan:

Montag

8.10 Uhr: Vorstellung der Begabtenförderung für den 6. Jahrgang an der Goetheschule.
9.15 bis 10.15 Uhr: Mathematik in der 7c
12 bis 12.45 Uhr: Mathematik, 4. Klasse, GS Fuhsestraße
ab 13 Uhr: Teambesprechung Fuhsestraße
19 Uhr: Elternabend der Klasse 7c, Goetheschule

Dienstag

8.10 Uhr: Vorstellung der Begabtenangebote für den 7. Jahrgang der Goetheschule. Eigentlich: 8.15 bis 9 Uhr Mathematik 4. Klasse, GS Fuhsestraße
2. Stunde: Vertretungsunterricht Mathe 7c, Goetheschule
ab 10.35 Uhr: Steuergruppe „Verbesserung der Unterrichtsqualität“, Goetheschule
11.45 bis 13.10 Uhr: Matheunterricht 7c, Goetheschule
13.15 bis 14.50 Uhr: Kunst-AG Goetheschule
15.30 Uhr: Dienstbesprechung Goetheschule am neuen Standort an der Wunstorfer Straße, Gymnasium Limmer

Mittwoch

8.15 bis 10.45 Uhr: Doppelstunde Mathe, GS Fuhsestraße
anschließend: zur Außenstelle Goetheschule, Sammeln und Organisieren der Begabtenkurs-Anwahlen in den Jahrgängen 5 bis 7
zwischendurch: Vertretung der Mittagspausenaufsicht

Zwei Stunden zuvor hat Heidegret Bleck an der knapp zwei Kilometer entfernten Außenstelle der Goetheschule am Herrenhäuser Markt mit ihrer siebten Klasse noch proportionale Zuordnungen geübt, mit dem ihr eigenen trockenen Humor: „Zu viel aufrunden dürfen wir nicht, das macht die Bank niemals.“

Heidegret Bleck gehört zu den derzeit 401 Lehrern von Gymnasien in Niedersachsen, die für ein Jahr lang stundenweise an Grundschulen unterrichten, um den Pädagogenmangel dort auszugleichen. Fünf Stunden Mathematik gibt die 56-Jährige jetzt wöchentlich in der 4b an der Grundschule Fuhsestraße.

Die Siebtklässler sind überzeugt, dass ihre Klassenlehrerin keine Probleme mit jüngeren Kindern hat. Im Gegenteil. „Sie kann gut erklären“, sagt Merve, 12, und Zuzanna, 13, ergänzt: „Sie macht alles mit Spaß.“ Anika sagt: „Wir kennen sie ja auch schon seit der fünften Klasse, und so groß ist der Unterschied zur vierten auch nicht.“

Diese Einschätzung kann Heidegret Bleck nicht ganz teilen. Natürlich habe sie schon Erfahrung mit jüngeren Schülern gehabt, durch ihr Engagement in der Begabtenförderung für Dritt- und Viertklässler. Aber jetzt im Unterricht in der vierten Klasse sei die Leistungsspanne doch ungleich größer als in einer fünften Gymnasialklasse. Die Leistungsschere gehe weit auseinander. „Eine 1. Klasse hätte ich mir nicht zugetraut“, sagt sie, „da unterrichte ich lieber die höheren Jahrgänge.“ Zum Glück stehe sie nicht allein vor der Klasse, sondern habe drei Wochen lang auch noch Unterstützung von Agnes Paschek. Die 34-jährige Grundschullehrerin ist schwanger und geht bald in den Mutterschutz, noch kann sie aber Heidegret Bleck den Einstieg in die Grundschulpädagogik erleichtern. „Das ist super, dass wir zu zweit sind“, sagt sie.

„Man unterstützt sich doch“

Für Heidegret Bleck war es Ehrensache, sich zu melden, als ihr Schulleiter Michael Schneemann kurz vor Schuljahresbeginn im Kollegium fragte, wer denn bereit sei, an der Grundschule Fuhsestraße auszuhelfen. „Man unterstützt sich doch gegenseitig.“ Die Goetheschule hat neben Bleck noch eine Deutschlehrerin für sechs Stunden an die Fuhsestraße abgeordnet. „Für uns war es wichtig, dass wir an Grundschulen aus unserem Schulverbund abordnen, nicht anderswohin“, sagt Direktor Michael Schneemann. Seit mehr als 20 Jahren arbeiten die Grundschulen, Gymnasium und Integrierte Gesamtschule im Bezirk Herrenhausen-Stöcken eng zusammen. Die Lehrer hospitieren regelmäßig an anderen Schulformen. „Aber durch die Abordnung bekommt man noch einen viel tieferen Einblick in die Schule, aus der viele unserer Gymnasialschüler kommen, als durch Tagesbesuche“, hat Bleck festgestellt.

Auch für Schulleiter Schneemann waren die Abordnungen keine Frage: „Die Grundschulen brauchen Hilfe, also helfen wir, das hat etwas mit Professionalität zu tun“, sagt er. „An der Grundschule wird über Bildungschancen entschieden. Was dort versäumt wird, weil Unterricht ausfällt, können wir an den weiterführenden Schulen später nicht mehr reparieren.“ Da der Draht zu Frank Post, dem Leiter der Grundschule Fuhsestraße, ohnehin kurz ist, haben sich die beiden Schulleiter eben in den Ferien zusammengesetzt und überlegt, wie das gehen könnte mit den Abordnungen und wie die Stundenpläne angepasst werden könnten.

Also alles ganz einfach? Na ja, das Verfahren habe schon ziemlich geholpert, sagt Schneemann, allein weil die tatsächlichen Abordnungen so kurzfristig gekommen seien, als die Stundenpläne am Gymnasium schon fertig gewesen seien. Aber man habe eben dann noch mal umgeplant, auch wenn das sehr aufwendig gewesen sei.

„Wir haben ein gemeinsames Ziel“, betont Post. „Wir wollen die Übergänge besser gestalten, dass sie nicht als Bruch begriffen werden.“ So könnten die Grundschüler Vertrauen zur Schulform Gymnasium fassen, und Heidegret Bleck könne später auch bei der Beratung der Eltern helfen. „Für uns ist es ungeheuer wichtig, dass die Kolleginnen vom Gymnasium freiwillig gekommen sind.“ An der Grundschule Fuhsestraße gab es Bedarf, nicht weil Stellen nicht besetzt werden konnten, sondern weil Lehrerinnen schwanger und andere Kollegen dauerhaft erkrankt sind. Heidegret Bleck ist jetzt ein Jahr lang in zwei Schulen eingebunden. Das heißt auch doppelte Elternabende und Elternsprechtage, Dienstbesprechungen und Konferenzen. Post sagt aber auch, im Zweifel habe die Stammschule Vorrang.

Die Viertklässler an der Fuhsestraße sind nach zwei Wochen schon warm geworden mit ihrer neuen Lehrerin. „Das passt“, sagt ein Mädchen. Mathematiklehrerin Bleck, die auch noch Kunst und Darstellendes Spiel unterrichtet, sitzt da bereits auf dem Rad. Die Siebtklässler warten.

Abordnungen sind umstritten

Alle Grundschulen in Niedersachsen sind verlässlich. Das heißt, Unterricht zwischen 8 und 13 Uhr ist sichergestellt, Kinder dürfen nicht vorzeitig nach Hause geschickt werden, wenn Lehrer wegen Krankheit ausfallen, wie an den weiterführenden Schulen. Weil dafür in diesem Schuljahr nicht genügend Pädagogen vorhanden waren, hat das Land kurz vor Ende der Sommerferien von vielen Gesamtschulen und Gymnasien verlangt, ihre Lehrer stundenweise an Grundschulen abzuordnen.

Allein die Kooperative Gesamtschule Hemmingen muss mehr als 130 Lehrerstunden an Grundschulen im gesamten Stadtgebiet und im Umland abgeben. Landesweit sind derzeit nach Angaben des Ministeriums 401 Lehrkräfte mit insgesamt 2029 Stunden an Grundschulen abgeordnet.

Der Philologenverband und der Verband der Elternräte der Gymnasien hat dagegen massiv protestiert. Zu allem Überfluss würden manche abgeordnete Kollegen gar keinen Fachunterricht erteilen, sondern seien als zweite Lehrkraft im Klassenraum, für Arbeitsgemeinschaften oder Pausenaufsichten eingesetzt.

Jetzt melden sich die Kritiker der Kritiker zu Wort. Es sei sogar besser, Gymnasiallehrer, die in Grundschulpädagogik nicht ausgebildet seien, nur begleitend und nicht allein einzusetzen, findet eine inzwischen pensionierte Grundschulrektorin aus Garbsen.

Der landesweite SPD-nahe Arbeitskreis Gymnasien, dem rund 60 Schulleiter angehören, nennt die Kritik von Philologen und Elternvertretern „bodenlose Stimmungsmache“. Durch die Teilabordnungen sei das Abitur an den gymnasialen Oberstufen nicht gefährdet. Einen Mangel an Grundschullehrern dürften verantwortungsvolle Politiker nicht einfach hinnehmen. Sie müssten für einen Ausgleich sorgen. Reinhold Lüthen, Leiter des Gymnasiums Rinteln, sagte, einen Teil der Verantwortung trage auch die ehemalige schwarz-gelbe Landesregierung, die seinerzeit die Grundschullehrerausbildung in Hannover und Göttingen abgeschafft habe.

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