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Dieser Kuss der ganzen Welt für Hannover

"La Traviata" im Maschpark Dieser Kuss der ganzen Welt für Hannover

Es war ein großer Glücksfall für das hannoversche Kulturleben. Die Aufführung von "La Traviata" verzauberte rund 22.000 Zuhörer bei NDR Klassik Open Air und konnte mit seinen Künstlern voll und ganz überzeugen, meint Stefan Arndt in seiner Kritik.

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Quelle: Heusel/Collage

Hannover. Natürlich fängt der Himmel nicht an zu weinen, wenn Violetta in dem Moment, in dem sie sich mit ihrem Alfredo und der ganzen Welt versöhnt, tot zusammenbricht. Es regnet einfach. Auf den letzten Metern des Klassik-Open-Airs im Maschpark fallen doch noch ein paar Tropfen. Aber das kann das Glück mit dem Wetter, das dieser große Glücksfall des hannoverschen Kulturlebens bis jetzt immer gehabt hat, nicht mehr trüben. Auch in diesem Jahr war das sommerliche Opernspektakel in jeder Hinsicht ein gewaltiger Erfolg.

Dazu gehört aber auch, dass man als Zuhörer manchmal erschaudert, als wehe ein Eishauch durch den Park. Doch man darf bezweifeln, dass es nur am sich ankündigenden Niederschlag liegt, wenn man etwa zu Beginn des dritten Aktes den Kragen ein wenig enger schließt. So verloren, so traurig klingt die zarte Musik dieses Vorspiels, dass sie einem schon in die Glieder fahren kann. Für einen Moment verlassen die Geigen die Glitzerwelt der italienischen Oper und schwingen in einer resignierten, todessehnsüchtigen Melodie, die schon so tönt, als habe sei sie von Gustav Mahler und nicht von Guiseppe Verdi ersonnen. Und dann kommt dieser lange, leise Triller, der davon kündet, wie jemand am Leben hängt und es schließlich doch mit einer letzten Windung aushauchen muss. Es klingt furchtbar. Furchtbar schön.

Rund 20.000 Opernfans ließen sich von "La Traviata" am Rathaus verzaubern.

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An einem Detail wie diesem ist zu erkennen, wer die eigentlichen Stars dieses glamourös besetzten und von Regisseur Michael Valentin pragmatisch in Szene gesetzten Opernspektakels ist: Die Musiker der NDR Radiophilharmonie, die hier nur einen Steinwurf entfernt von ihrem angestammten Arbeitsplatz im Sendesaal auftreten, erweisen sich als ein Opernorchester der Extraklasse. Die Streicher sind jederzeit hellwach und spielen spritzig und präzise, die Holzbläser steuern wunderbare Soli bei, und bei den Blechbläsern sorgt etwa das exotische Cimbasso für Kern und Struktur im Orchesterklang. Dirigentin Keri-Lynn Wilson hat die Radiophilharmonie zuletzt mit einem Ferrari vergleichen – und sie kann viel mehr damit anfangen, als nur den Motor aufheulen zu lassen.

Mit Geschick und Geschmack organisiert die Kanadier mit dem beredten Minenspiel – die Dirigentin artikuliert den gesungenen Text die komplette Oper für alle sichtbar deutlich mit – das komplexe Zusammenspiel der zahlreichen Akteure. Leicht machen es ihr die von Gudrun Schröfel sicher vorbereiteten hannoverschen Sänger aus Brahms-, Mädchen- und Opernchor, die auch in der einer rasantesten Stretta nicht aus dem Takt geraten.

Open-Air-Oper im Maschpark: Tausende lauschten "La Traviata" im Maschpark, während sie auf ihren Picknickdecken saßen.

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Vor allem aber wird das Solistenensemble (zu dem in einer Nebenrolle auch Ania Vergry von der Staatsoper Hannover gehört) seinem im Vorfeld oft erwähnten gutem Ruf gerecht. Star-Bariton Thomas Hampson, dessen Anwesenheit bei einer Aufführung in Hannover ab sich schon ein kleines Ereignis ist, klingt als Germont vielleicht nicht mehr ganz so mühelos-mächtig, wie das bei seinem Rollendebüt vor 35 Jahren der Fall gewesen sein mag. Aber er gestaltet seinen Part als verhinderter Schwiegervater so eindringlich, dass er seinem Bühnensohn Francesco Demuro sogar den Rang als zweite Hauptfigur streitig macht. Demuro singt Alfredo mit einem angenehm lichten und leichten Tenor. Nur manchmal leistet er sich einige manirierte Schluchzer in seiner sonst gut geführten Stimme.

Strahlender Bühnenmittelpunkt ist jedoch unumstritten die Sopranistin Marina Rebeka, die kurzfristig für die eigentlich vorgesehene Anita Hartig eingesprungen ist. Die lettische Sopranistin ist viel mehr als nur Ersatz: Sie mischt Temperament mit Verstand, ihre Stimme ist weich und füllig und behält doch stets den klaren Kern, ihre Phrasierungen sind weitgespannt und bleiben auch bei schwierigen Koloraturen wunderbar eben. Kein Wunder, dass sie mit dieser Partie bald an den größten Opernhäusern der Welt gastiert.

Marina Rebeka ist genau die Sängerin, die dieses Ereignis verdient hat. Man glaubt, das Vorspiel zum dritten Akt sei kaum noch zu steigern. Dann singt die Lettin ihre letzte Arie. Und es kommt noch schöner.

Kommentar von Stefan Arndt

Wunder im Park

Es ist nicht so ungewöhnlich, wenn massenhaft Besucher zu Open-Air-Konzerten kommen. Im Sommer ist es schön draußen, und wenn man etwas geboten bekommt, ohne dafür Eintritt zahlen zu müssen, sind viele Menschen gern dabei. Dass dabei aber eine ganze Oper gespielt wird, macht das hannoversche Klassik-Open-Air einzigartig. Es gibt keine Popstars und kleine Klassikhäppchen, sondern ein vollständiges Musikdrama.

Eine Kunstform, die vielerorts als verstaubt und anstrengend gilt, zieht plötzlich Tausende Zuhörer an. NDR-Intendant Lutz Marmor hat darauf hingewiesen, dass an einem Abend so viele Menschen „La Traviata“ gesehen haben, wie sonst im ganzen Jahr in Niedersachsen in die Oper gehen. Dass der NDR dafür seine ganze Kraft gebündelt und auch die Stadt das ihre dazu beigetragen hat, kann das nur zum Teil erklären. Eigentlich ist es ein Wunder.

Woran liegt es, wenn die Besucher sich nicht nur einen kurzen Eindruck von der Stimmung verschaffen, sondern begeistert viele Stunden auf Klappstühlen im Park ausharren? Offenbar scheint die Musik die meisten in den Bann zu ziehen. Darum ist es richtig, wenn der NDR nicht kleckert, sondern klotzt: Es gibt keine halbherzigen Aufführungen mit mittelprächtigen Künstlern. Beim Klassik-Open-Air ist nur das Beste gut genug. Das kann man deutlich hören.

Darum sind die Abende auch mehr als schöne Events für die sommerliche Stadt. Sie sind perfekte Werbung für die wunderbare, aber bedrohte Welt der Oper. Was man in der Kombination aus Musik und Drama erleben kann, ist einzigartig. Das wird sich herumsprechen. Und in Hannover kann man jederzeit mehr davon erleben – die Staatsoper hat nicht nur eine sehenswerte „La Traviata“ im Spielplan. Die noch junge Unesco City of Music ist nämlich seit Langem eine Opernstadt. Jetzt mehr denn je.

 

„Eine Tradition ist begründet“

Das erste Mal war gut. Das zweite Mal war besser. Aber das dritte Mal, da ist sich Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok sicher, ist der Beginn einer Tradition. „Das Klassik-Open-Air ist nicht mehr aus dem hannöverschen Sommer wegzudenken“, sagte er bei einem Empfang vor Beginn der Aufführung im Rathaus. Tatsächlich ist die künstlerische Planung für eine Aufführung im kommenden Jahr schon weit gediehen, und auch für 2018 geht es nur noch um inhaltliche Fragen – dass es ein fünftes Opernspektakel geben wird, ist schon jetzt sicher.

In diesem Jahr waren insgesamt rund 35 000 Zuhörer im Maschpark dabei. Im vergangenen Jahr waren es zwar 5000 mehr – allerdings gab es mit einem zusätzlichem Galakonzert auch einen dritten Aufführungstag. Nachdem am Donnerstag 15  000 Besucher die Generalprobe beobachtet hatten, waren bei der Aufführung am Sonnabend 22 000 Menschen dabei. Kein Wunder, das NDR Fernsehchefin Marlis Fertmann begeistert ist. „Ich war nahezu fassungslos, dass bei tröpfelndem Regen mehr Menschen als am Donnerstag, wo es so wunderbar heiß war, in den Park gekommen sind“, sagte sie im NDR. „Wir haben die Kapazität des Maschparks vollkommen ausgeschöpft.“ Die Veranstaltung sei so gut angenommen, weil „sie so ist wie Hannover – Weltklasse.“

Dieser Meinung war auch Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die der Stadt beim Besuch der Aufführung ein „wahres musikalisches Juwel“ bescheinigte. „Hier stimmte alles“, so die Ministerin, „die NDR Radiophilharmonie mit einer spektakulären Dirigentin, Weltklasse-Solisten und einem spektakulären Chor.“

NDR-Intendant Lutz Marmor betonte, dass sein Haus sich auch als Kulturinstitution verstehe. Marmor stellte sich dabei hinter die Klangkörper des Senders, deren Wirkung kaum noch zu unterschätzen sei. Allein durch die Fernsehübertragung der „Traviata“-Aufführung erreiche man an einem einzigen Abend so viele Menschen, wie sonst in einem ganzen Jahr in Niedersachsen in die Oper gehen. Bundesweit haben knapp eine Million Menschen die Übertragung gesehen, teilte sein Haus gestern mit. „Ich möchte die Radiophilharmonie stark halten“, sagte Marmor und erklärte eventuellen Spar- oder Fusionsplänen, mit denen andere Rundfunkorchester zu kämpfen haben, eine klare Absage.

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