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So hätte das zweite Ihme-Zentrum aussehen sollen

Stadtplanung für Hannover So hätte das zweite Ihme-Zentrum aussehen sollen

In Hannover ist nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges viel gebaut worden. Nicht alles davon war gut. Gut war dagegen, dass manches, das geplant wurde, nicht gebaut worden ist. Die Architektenkammer Niedersachsen erforscht das Thema in einer Ausstellung.

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Auszug aus dem visionären Stadtplan von 1970. So sollte Hannover einmal aussehen - inklusive Steintor-Bebauung.

Quelle: Maasberg/Architektenkammer

Hannover. Man schaut schräg von oben auf die Stadt. Als würde man in einem Hubschrauber über der Hildesheimer Straße schweben. Da, wo heute das Torhaus steht, erhebt sich ein wohnblockfressender Großkomplex, ebenso ausladend wie himmelstürmend. Am Raschplatz ist alles noch gewaltiger, eine Stadt in der Stadt zwischen Hauptbahnhof und Pavillon - Moment: Pavillon? Nichts da. Der Pavillon wäre von diesem elftürmigen Trum zu beiden Seiten der Hamburger Allee einfach zerquetscht worden. Links, auf dem Friederikenplatz, ein Regierungsviertelgroßbau in schneckenförmiger, steingewordener Wagenburgmentalität. Und am Steintor noch so ein Monstrum. Ein Raumschiff mit Hochhauswurmfortsätzen.

Das war die Vision. Ein kleines Hinweisschild zu der Zeichnung vermerkt trocken: „Stadtplanungsamt. Großkomplexe. 1970.“ Die Skizze hängt in einer nicht allzu raumgreifenden, dafür aber um so tiefergehenden Ausstellung in der Architektenkammer Niedersachsen im Laveshaus am Friedrichswall. Genau gegenüber vom Stadtplanungsamt übrigens. „Echo-Räume“ heißt die Schau und zeigt - Gott sei Dank, möchte man im Fall der Großkomplexe sagen - Planungen für Hannover, die nicht realisiert wurden.

Verstohlene Freude über die Zerstörung

Halt: Ein Projekt ist gebaut worden. Es findet sich in der Mitte der Skizze, übersehbar, fast bescheiden in diesem Kontext: das - alte - Kröpcke-Center von Ekkehard Bollmann, 1972 entstanden. „Brutalismus“ nennt man den Stil. Der Begriff kommt nicht von „Brutalität“, sondern von „béton brut“, was „roher Beton“ heißt und bedeutet, dass man sehen kann, woraus das Gebäude gemacht ist. Was man ja leider auch konnte. Damals galt es als modern. Aber Häuser stehen länger in der Stadt herum, als etwas als modern gilt.

Viele Planer, nicht nur in Hannover, waren direkt nach dem Krieg halb verstohlen froh über die Zerstörungen. Durchaus verständlich: Sie hatten endlich mal Platz, ihre Visionen zu verwirklichen, wie etwa der hannoversche Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht seine Ideen von der autogerechten Stadt. Hinter Großkomplex-Planungen steht in der Regel aber nicht irgendein überspannter Architekt. Sondern die Auffassung, dass es einer Stadt gut tut, sie räumlich und optisch zu fassen, ihrem Zerfasern entgegenzuwirken, an ihren Eingängen Stadttorsituationen herzustellen, ein Metropolengefühl hervorzurufen - sprich: Urbanität zu erzeugen. Die Frage ist dann nur jeweils, wie man das umsetzt.

„Großkomplexe“: Auszug aus dem visionären Stadtplan von 1970. So sollte Hannover einmal aussehen.

„Großkomplexe“: Auszug aus dem visionären Stadtplan von 1970. So sollte Hannover einmal aussehen.

Quelle: Maasberg/Architektenkammer

Zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende hat sich manch ein Stadtplaner am Zeichenbrett so richtig losgelassen, hat mancher Architekt den großen Wurf zu Papier gebracht - und doch ist dann aus den hochfliegenden Ideen nichts geworden. „Das bewegt sich zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Sternensehnsucht und Alltagsarbeit“, sagt die Kunsthistorikerin Ute Maasberg von der Architektenkammer, die die Ausstellung kuratiert. Bei der Arbeit ist ihr aufgefallen, dass bestimmte Bereiche der Stadt immer wieder ins Visier der Planer geraten sind: Köbelinger Markt, Aegi, Kröpcke, Raschplatz, Steintor, Klagesmarkt, Maschsee. Hier ein Entwurf, dort ein Entwurf, hier ein Exposé wie ein Echo auf ein früher verworfenes Konzept, dort eine weitere Studie wie ein Echo auf andere geplatzte Pläne. Deswegen heißt die Ausstellung „Echo-Räume“.

Skizzen, Modelle und Montagen hat Ute Maasberg zusammengetragen, und vor allem das Stadtarchiv Hannover ist mit vielen Leihgaben vertreten. Anhand der Exponate kann man verfolgen, wie manche Projekte durch die Stadt mäandert sind. Hanns Adrian, von 1975 bis 1993 Stadtbaurat, hätte das Sprengelmuseum 1971 erst gern in der Altstadt gesehen, dann am Raschplatz. Die Planungen für ein neues Schauspielhaus beanspruchten Jahrzehnte, bereits Ende der Vierzigerjahre ging das los: Mal sollte es am Friedrichswall stehen, mal am Raschplatz, mal am Köbelinger Markt. Schon 1970 zeichnete der Schweizer Claude Paillard einen Entwurf, ohne Erfolg. Erst beim dritten (!) Wettbewerb war dann der Standort Prinzenstraße klar. Siegerentwurf: Paillard. Schön - und nicht mal auftrumpfend, wie vieles andere, das wir in der Ausstellung zu sehen bekommen.

Regierungsviertel: Wäre des nach den Ideen des Stadtplanungsamtes aus dem Jahr 1970 gegangen, hätte Hannover am Friederikenplatz ein Regierungsviertel bekommen – und kein kleines. Mit seiner Wucht und Höhe hätte der Bau am Verkehrsknotenpunkt nahe der Waterloosäule (unten in der Skizze) die gesamte Innenstadt dominiert. Die Idee war Teil einer Planung unter dem treffenden Stichwort „Großkomplexe“. 

Quelle: Maasberg/Architektenkammer

Zur Ehrenrettung der Nachkriegsarchitekten muss man sagen: In großen Dimensionen haben ihre Kollegen auch früher schon gedacht. Sogar in ganz großen. Der hannoversche Professor Albrecht Haupt entwarf 1911 eine Nekropolis für eine Million Tote im Auftrag des „Vereins für Feuerbestattung zu Hannover“, eine Art makabres Leichenschloss. 1917 konzipierte der Bildhauer und Architekt Bernhard Hoetger im Auftrag von Hermann Bahlsen die „TET-Stadt“. „TET“ war das Markenzeichen von Bahlsen, die drei Buchstaben stehen für eine Hieroglyphe, die „ewig“ bedeutet. So in etwa hatte man sich auch die Bedeutung des Komplexes zwischen Podbi und Mittellandkanal vorzustellen: Fabrik, Verwaltung, Lager, Mietshäuser, Villen und alles, was man sonst noch braucht: Bäcker und Cafés, Theater und „Kinderfürsorgeheim“, und auch an „Arbeiter-Speise- und Unterhaltungssäle“ war gedacht. Die Idee starb zusammen mit dem Firmengründer.

Etwas, das schon im Modell wunderbar wirkt und mit ziemlicher Sicherheit auch in der Realität herrlich geworden wäre, ist ein in der Ausstellung zu sehender Entwurf des dänischen Stararchitekten Arne Jacobsen für das Schlossgrundstück Herrenhausen. 1964 kreierte er „Bella Vista“, ein doppeltes Dach über Sitzflächen, von denen aus man in die Gärten hätte schauen können. Es wurde nie gebaut. Es wäre möglicherweise passender gewesen für den Ort als das jetzige Schloss, das auch dadurch keines wird, dass es aussieht wie eines.

Steintor: Ein Ihme-Zentrum hat die Stadt bekommen – und beinahe wären es zwei gewesen. Für das Steintor hatte das Stadtplanungsamt 1970 im Zuge seiner Ideensammlung „Großkomplexe“ einen Hochhauskomplex im Sinn, von dem man nur vermuten kann, wie man ihn heute fände. In der Skizze oben blickt man aus Richtung Georgstraße Richtung Steintor. Rechts ist das C&A-Kaufhaus zu sehen.

Quelle: Maasberg/Architektenkammer

Gerade das wiederaufgebaute Schloss, das ja von den Hannoveranern förmlich herbeigesehnt wurde, ist ein deutliches Zeichen, dass es in der Stadt ein Zuwenig an historischen Gebäuden und ein Zuviel an Kopfgeburten der Nachkriegszeit gibt - siehe Ihme-Zentrum. Das Ihme-Zentrum ist nicht urban. Es ist ein Beispiel dafür, wie grausam ein theoretisches Konstrukt von seiner Verwirklichung ad absurdum geführt werden kann. Gut, dass nicht noch mehr davon realisiert wurde. Gut, dass „Stadtplanungsamt. Großkomplexe. 1970“ weitgehend Papierform geblieben ist.

Programm und Öffnungszeiten

Die Ausstellung „Echo-Räume“ ist bis zum 2. September 2016 in der Architektenkammer Niedersachsen, Friedrichswall 5, zu sehen. Öffnungszeiten: Montags bis donnerstags von 10-16 Uhr, freitags von 10-12 Uhr. Führungen können telefonisch unter (05 11) 2 80 96 64 vereinbart werden. Zur Ausstellung gibt es begleitende Veranstaltungen:

  • „Akustische Intervention“ – Experimentalmusikkonzert des Ensemble Tumult. Theodor-Lessing-Platz, vor der Galerie Kubus, 6. August, 15 Uhr.
  • „Städtebau – Aufbruch in den Sechzigerjahren“. Gespräch zwischen Prof. Ekkehard Bollmann (Architekt des alten Kröpcke-Centers) und dem Verkehrsplaner und früheren U-Bahn-Bauamtsleiter Prof. Klaus Scheelhaase. Architektenkammer, Laveshaus, 11. August, 19 Uhr.
  • „Architektur und Städtebau im Hannover der Siebziger- bis Neunzigerjahre“. Conrad von Meding (HAZ) im Gespräch mit der ehemaligen Stadtbaurätin Uta Boockhoff-Gries. Architektenkammer, Laveshaus, 25. August, 19 Uhr.

Von Bert Strebe

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