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So leiden Betroffene an der Unverträglichkeit

Histamin- und Nahrungsmittelintoleranz So leiden Betroffene an der Unverträglichkeit

Käse, Rotwein, Nüsse, Erdbeeren: Wer unter Histamin-Intoleranz leidet, muss sich enorm einschränken. Und viel erklären. Martina Sulner hat sich mit Betroffenen aus der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Nahrungsmittel- bzw. Histamin-Unverträglichkeit getroffen.

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Wir müssen reden: Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Nahrungsmittel- bzw. Histamin-Unverträglichkeit.

Quelle: Kutter

Hannover. Auf einem Tisch, kurz vor dem Durchgang zur Küche, stehen zwei Thermoskannen mit heißem Wasser und drei Packungen Tee. Pfefferminze, Rooibos-Orange und Kräuter. Diese Sorten klingen unkompliziert, irgendwie gesund und harmlos. Ellen Eike Plötz jedoch hat sich an diesem Nachmittag im Gemeindehaus der Kreuzkirche ihre eigenen Teebeutel mitgebracht: Fenchel. Das ist die einzige Teesorte, die sie verträgt. Überhaupt ist Fencheltee das einzige Getränk neben Wasser, das der 49-Jährigen bekommt.

Zweimal im Monat trifft sich die Selbsthilfegruppe „Hits“ von Menschen wie Ellen Eike Plötz in dem Gemeindehaus in der Altstadt. Die Teilnehmer leiden unter Histamin-Intoleranz. Insgesamt 33 Leute zwischen 18 und 81 Jahren gehören dazu; an diesem Freitagnachmittag sitzen gut ein Dutzend Frauen und ein Mann um den länglichen Tisch. Man duzt sich. Unterschiedlich alt und unterschiedlich redefreudig sind die Menschen, und man hat den Eindruck, dass sie sich unter normalen Umständen nicht unbedingt begegnen würden. Doch ihre Krankheits- und Leidensgeschichte hat sie zusammengebracht.

Solch eine Intoleranz, eine Histaminose, bedeutet, verkürzt ausgedrückt: Der Körper kann den körpereigenen Botenstoff Histamin nicht abbauen. Die Liste der histaminhaltigen oder histaminfreisetzenden Lebensmittel, die die Gruppenmitglieder nicht vertragen, ist lang: Käse, Pizza, Rotwein, Sauerkraut, Erdbeeren, Tomaten, Nüsse, Schokolade ... Die Folgen der Unverträglichkeit sind vielfältig und gravierend. Von Übelkeit und Kopfschmerzen, von Durchfall und Blähungen, Asthmaanfällen und laufenden Nasen berichten die Frauen, von Sehstörungen und Schwindelanfällen. Sandra Schröder litt unter Nesselsucht und Ausschlägen. Ihre Familie betreibt das Back-Theater in Walsrode. Dort habe sie nicht mehr auftreten können, sagt die 42-Jährige, weil der Ausschlag zu heftig geworden sei. Die tatkräftige Frau hat die Selbsthilfegruppe initiiert, die sich im vergangenen Juli das erste Mal getroffen hat. Schröder wollte in Hannover aktiv werden, weil hier vermutlich mehr Betroffene leben als im kleinen Walsrode.

Sandra Schröder „doktert seit 1999 an der Diagnose herum“, sagt sie. Immer wieder Arztbesuche, Kuren, neue Medikamente. Die meisten Frauen im Gemeindesaal haben jahrelange Odysseen durch Arztpraxen hinter sich. Auf die Schulmedizin sind die wenigsten gut zu sprechen. Sandra Schröder jedoch gibt zu bedenken, dass Ärzte oft überfordert seien: „Histamin-Intoleranz ist eine Erkrankung der 1000 Gesichter.“ Die Krankheit lasse sich aufgrund der zahlreichen Symptome nur schwer diagnostizieren. Eine verlässliche Diagnose gibt ein Bluttest. Doch eine Sensibilität für das Thema existiert erst seit wenigen Jahren. „Wir werden rasch in die psychosomatische Ecke gestellt“, sagt Sandra Schröder. Und Bettina Mago hat erlebt: „Ärzte schicken einen schnell zum Psychologen.“

Beim Thema Lebensmittelunverträglichkeit wird es schnell diffus – und auch ideologisch. Viele Menschen sind davon überzeugt, dass die Lebensmittelindustrie, wenn nicht gar die schnelllebige Moderne generell sie krank macht. Andere wiederum sind skeptisch, ob die stetig steigende Zahl von Kindern und Erwachsenen, die unter Laktose-, Gluten-, Fruktose- oder Histamin-Intoleranz leiden, einer wissenschaftlichen Überprüfung standhält (siehe Interview). Auf jeden Fall hat sich längst ein Markt etabliert: Man kann laktosefreie Lebensmittel kaufen, in Restaurants glutenfrei essen; und zu jeder Unverträglichkeit und Allergie sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher auf den Markt gekommen. Sie tragen Titel wie „Glutenfrei kochen und backen: Genussvoll essen ohne Weizen. Dinkel & Co.“, „Vegetarisch pur: Laktosefrei, eifrei, weizenfrei, sojafrei“ oder „Köstlich essen bei Histamin-Intoleranz“.

Auseinandersetzung darüber, welche Unverträglichkeiten nach wissenschaftlichen Standards messbar sind, wirken im Gemeindehaus zweitrangig. Der persönliche Leidensdruck jeder Teilnehmerin der Gruppe ist hoch. „Seit ich denken kann, bin ich von Arzt zu Arzt gerannt“, sagt etwa Janina. Ilse hat „immer Angst“, dass sie vielleicht etwas Falsches isst. Restaurantbesuche sind schwierig. „Ich komme mir manchmal vor wie bei ‚Harry und Sally’“, sagt Dagmar Jung: Ähnlich wie Titelheldin Sally in der Hollywoodkomödie müsse sie beim Bestellen im Restaurant immer genau sagen, was sie alles nicht vertrage.

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Hier gibt es Hilfe

Die „Hits“-Gruppe trifft sich jeden zweiten und vierten Freitag im Monat (15–17 Uhr) in der Kreuzstraße 3–5. Dienstags und donnerstags berät Sandra Schröder zwischen 9 und 11 Uhr unter Telefon (051 66) 437 43 37.

Nahezu alle Krankenkassen informieren über Lebensmittelunverträglichkeiten – digital und per Telefon. An mehreren hannoverschen Kliniken wie der Medizinischen Hochschule kann man sich zu Ernährungsfragen beraten lassen.

Hilfe findet man beim Netzwerk zertifizierter Diplom-Oecotrophologinnen, also Ernährungswissenschaftlerinnen, unter www.ernaehrung-hannover.de. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung berät auch mithilfe der App „Mein Ess-Coach“, Infos unter www.dge.de.

Und die Frauen, von denen mehrere frühzeitig verrentet sind, kennen Selbstzweifel: vor allem die Frage, ob sie Symptome eventuell überbetonen. Der Umgang mit ihnen sei für Familie und Freunde schwierig, sagt Bettina Mago: „Und man schämt sich oft“ – wenn man wieder etwas nicht verträgt, wenn man kompliziert oder übersensibel wirkt.

Die Gruppe sei ihr wichtig, meint Teilnehmerin Marion, weil sie sich über solche Themen austauschen könne, „weil hier lauter Experten sitzen“. Fachleute aus Selbsterfahrung, die Tipps zu Ärzten geben, zu Medikamenten (deren Kosten Krankenkassen selten übernehmen) und Nahrungsergänzungsmitteln und zu dem, was man essen und trinken kann.Die Frauen und auch Armin, der einzige Mann in der Runde, haben jahrelang herumexperimentiert, was ihnen bekommt. Ellen Eike Plötz verträgt vier Lebensmittel, sagt sie: Fenchel, Zucchini, Reis und ein Eigelb pro Tag. Zum Frühstück trinkt sie Wasser oder Fencheltee und isst dazu Reisfladen, abends gibt es Reis mit etwas Fenchel-Zucchini-Gemüse. Und ab und an etwas Eigelb.

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