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So sieht das Kesselhaus von Innen aus

Bettfedernfabrik So sieht das Kesselhaus von Innen aus

Am Sonntag ist das Kesselhaus der Bettfedernfabrik am Ihme-Ufer erstmals geöffnet: Ein einzigartiges Industriedenkmal in Hannover. Drei Jahre lang engagierten sich Bürger für die Wiedereröffnung. Ein Rundgang.

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Die Sanierung des Kesselhauses ist fertig.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Hannovers kleines Stück Emscher-Park liegt am Ihme-Ufer. Hinter Backsteinmauern, am Fuße des mächtigen Schornsteins auf dem Faust-Gelände. Drei Jahre lang hat knapp ein Dutzend Enthusiasten dafür gekämpft, dass in Hannover ein einmaliges Stück Industriegeschichte wieder erlebbar wird - an diesem Sonntag lässt sich das Resultat besichtigen. Das Kesselhaus der alten Bettfedernfabrik Werner & Ehlers ist wieder zugänglich. 25 Tonnen Taubenkot (und Taubenleichen), versetzt mit Bauschutt und vergiftet mit Asbest­material, mussten aus dem Inneren entsorgt, Fassadenteile ausgebessert, das Dach repariert, Elektrik installiert werden. „Es war ein Kraftakt“, sagt Peter Hoffmann-Schoenborn von der Faust-Stiftung.

Am Sonntag, 11. September, ist das Kesselhaus der Bettfedernfabrik am Ihme-Ufer erstmals geöffnet: ein einzigartiges Industriedenkmal in Hannover.

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Wer als Kind mit Dampfmaschinen gespielt hat, der hat eine Vorstellung davon, welche Kräfte in einem Kesselhaus wirken. Im Inneren wurde Wasser erhitzt, aber nicht nur bis zum Siedepunkt, sondern mithilfe dreier miteinander verbundener Kessel auf mehr als 300 Grad. Mit solchem Hochdruck-Wasserdampf lassen sich zum Beispiel Maschinen antreiben - aber es lassen sich damit auch Gänse- und Entenfedern hygienisch reinigen, Geschäftszweck der Bettfedernfabrik.

In Loren wurde Kohle quer durch Linden zum Kesselhaus gefahren und am Gebäude in einen Schacht gekippt. Ein mechanisches Becherwerk transportierte die Kohle ins oberste Stockwerk, von dort aus fiel sie durch ein Schüttwerk auf einen Wanderrost und nährte so das Feuer im Ofen. Alles ist erhalten, alles kann angefasst, erlebt, bestaunt werden.

Etliche Denkmale sind geöffnet

Kesselhaus, Zur Bettfedernfabrik 3: Um 11 Uhr startet das Programm, ab 12 Uhr bestehen Möglichkeiten zur Besichtigung. Von 13.30 bis 17.30 Uhr aber gibt es fünf Führungen, die je etwa 20 Minuten dauern. Eine Anmeldung vor Ort ist nötig, weil die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

Waterloosäule, Lavesallee: Aufstiege von 10 bis 15 Uhr jeweils im Halbstundentakt. Auch dort müssen sich Interessierte in Listen eintragen, die ab 9.45 Uhr ausliegen. Zu Beginn der Aktion begrüßt Kulturdezernent Harald Härke die Gäste. Am Fuße der Säule gibt Hanna von der Lippe von der Baudenkmalstiftung kurze Einführungen. Auf der Säule erklärt HAZ-Redakteur Conrad von Meding Stadtgeschichte anhand des Stadtpanoramas. Die U-Bahnstation Waterlooplatz ist wenige Meter entfernt. Auch Parkplätze gibt es genug in der Straße Am Waterlooplatz, von dort ist die Säule trotz der Bauarbeiten problemlos zu erreichen. Der Aufstieg ist nicht barrierefrei und erfolgt auf eigene Gefahr.

Außerdem geöffnet sind die Predigthalle auf dem Jüdischen Friedhof Strangriede (11 bis 18 Uhr), der Beginenturm am Historischen Museum (13 bis 16 Uhr), der  Kalkringbrennofen im Willy-Spahn-Park (10 bis 18 Uhr), der Döhrener Turm (11 bis 16 Uhr), die zur Chorkirche umgebaute Christuskirche und die Bethlehemkirche sowie die Kapelle im Clementinenhaus . Im Umland sind unter anderem das von-Alten-Mausoleum in Hemmingen (Im Sundern, 11 bis 16 Uhr), mehrere Mühlen, Kirchen und andere Einrichtungen geöffnet. Das gesamte Programm ist sehr schön abrufbar über die Internetseite tag-des-offenen-denkmals.de, dort kann man sich auf einer Karte zu den einzelnen Standorten navigieren.lok

Das Kesselhaus ist zwar nicht das einzige seiner Art in Hannover, das Restaurant Schwanenburg im Stichweh-Park an der Fösse ist gewissermaßen ein Pendant - doch dort ist das Innen entkernt. Hier, an der Ihme, ist alles zwar rostig, aber wenigstens noch vorhanden. Es ist das letzte, aber weithin sichtbare Zeichen der Industriekultur am Fluss, die den Stadtteil Linden-Nord nährte und prägte.

Am alten Kesselhaus auf dem Faust-Gelände starten die Bauarbeiten: Das Gebäude wird saniert und von Asbest befreit. 250.000 Euro steckt die Faust-Stiftung dank zahlreicher Spenden in die Sanierung.

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Ideen, das Gebäude wieder nutzbar zu machen, gibt es schon lange. Der Lindener Innenarchitekt Andreas Kleine hat vor 27 Jahren seine Abschlussarbeit über das Kesselhaus geschrieben. Damals aber wurden allein die Kosten für die Asbestentsorgung auf umgerechnet rund 400.000 Euro geschätzt. „Diese Summe hat eine Sanierung völlig illusorisch erscheinen lassen“, sagt Kleine heute. Doch die Preise haben sich geändert. Aktuell hat die Entsorgung des krebserregenden Innenlebens etwa 120.000 Euro verschlungen. „Das ist dem technischen Fortschritt geschuldet, und nur so hatte das Projekt eine Chance“, sagt Kleine.

Das ist die Bettfedernfabrik

Der Import billiger Geflügelfedern aus Osteuropa und China machte eine aufwendige Reinigung nötig. Werner & Ehlers war zur Jahrhundertwende einer der größten Betriebe dieser Art in Deutschland. August Werner, der Neffe des Firmengründers, zog 1890 mit dem Betrieb Werner & Ehlers von der List an die Ihme und setzte starke Dampfmaschinen für die Reinigung der Bettfedern ein. Der 1927 gebaute Drei-Trommel-Steilrohrkessel gilt als weltweit einzigartig in seiner Bauweise, er stammt von der Firma Möller aus Brackwede, die heute keine Kessel mehr herstellt. Nur 16 Jahre lang war das Kesselhaus mit seinem 46 Meter hohen Schornstein (1997 restauriert, vorher hatte er 51 Meter) in Betrieb: Im Krieg wurde die Produktion ausgelagert, danach ein neues Heizsystem gebaut. 1990 meldete die Bettfedernfabrik Konkurs an. 1991 gründete sich der Verein für Fabrikumnutzung (Faust), seitdem sind Kunst und Gewerbe, Handwerk und internationale Kultur auf dem Gelände heimisch. Nach einer Insolvenz gehören die Gebäude der Faust-Stiftung, das Grundstück der Berliner Stiftung Umverteilen. 

Zehn Mitglieder der Kesselhaus-Initiative, wie sie sich nennen, haben drei Jahre lang Konzepte entwickelt, für die Sanierung geworben, Förderer gesucht und Lösungen für Probleme gefunden. Agsta-Architekt Jan Habermann ist dabei und Faust-Geschäftsführer Hans-Michael Krüger, der ehemalige Grünen-Fraktionschef Lothar Schlieckau und auch ein Ortsfremder: Eberhard Lantz aus dem bayerischen Bamberg, der bundesweit als „Kesselpapst“ gilt und am Sonntag die Fachführungen übernimmt. „Ohne Menschen, die solch ein Projekt mit viel ehrenamtlichem Engagement und Herzblut unterstützen, wäre solch eine Sanierung nicht möglich“, sagt Stiftungsvorstand Hoffmann-Schoenborn.

Endspurt in den vergangenen Tagen

In den letzten Tagen wurde noch viel geschraubt und geschweißt. Mitarbeiter der Schlosserei Brandt Metalltechnik aus Sehnde-Lohnde montierten die Stahltüren, die nach historischem Vorbild denkmalgerecht mit Stahlnieten und schweren Türbändern versehen sind. Zwei Sanierer von Cosawa aus Peine, deren Firma schon die Asbest­entsorgung erledigt hat, sicherten noch schnell letzte Teile am Ofen. Ein Elektriker nahm die Beleuchtung in Betrieb. Nicht nur innen gibt es eine Lichtinszenierung - von Sonntagnacht an strahlen die Stadtwerke das Kesselhaus kunstvoll an, ein Azubiprojekt des Energieversorgers hat sich um das Lichtkonzept gekümmert.

Wie wird das Gebäude weiter genutzt?

Und: Was soll nun werden mit dem Industriedenkmal, dessen Umbau mit 125.000 Euro aus dem Denkmal-Sonderprogramm des Bundes bezuschusst wurde und mit 50.000 Euro von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz? „Das ist noch völlig offen“, sagt Hoffmann-Schoen­born. Etappenweise habe man sich dem Denkmal nähern wollen - erst Sanierung, dann Besichtigungen, dann Nutzungsideen. „Viele Ideen zerschlagen sich, sobald die Leute hineinkommen“, sagt auch Kleine. Denn das Gebäude hat ohnehin nur eine Grundfläche von 42 Quadratmetern, und innen steht quasi ein „Haus im Haus“. Die gemauerte Kesselanlage nimmt fast den gesamten Platz weg. „Dass die Technik im Inneren erhalten ist, ist Segen und Last zugleich“, sagt Hoffmann-Schoenborn. Problemlos denkbar seien kleine Konzerte, Ausstellungen, Kleinkunst - aber das Gebäude muss auf lange Sicht auch etwas Geld abwerfen, wenn man es unterhalten will. „Wir wollen eine Diskussion im Stadtteil darüber, was die richtige Nutzung sein könnte - und sie geht jetzt mit Abschluss der Sanierung los“, sagt der Stiftungsvorstand.

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