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So veränderten die Flüchtlinge Hannover

Vertriebene So veränderten die Flüchtlinge Hannover

Zehntausende Flüchtlinge kamen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Hannover. Ihre neue Heimat hat sie verändert – so wie sie ihre neue Heimat verändert haben. Was ist von den Vertriebenen geblieben? Eine Spurensuche.

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Einzug im Neubaugebiet: Im Jahr 1950 richteten viele Familien ihre Wohnungen in den neu entstandenen Straßen von Mittelfeld ein - darunter waren zahlreiche Vertriebene. Foto: HMH Hauschild 054633

Quelle: Wilhelm Hauschild/Archiv

Hannover. Ihren alten Schulaufsatz hat sie bis heute aufbewahrt. „Meine Wünsche für das Jahr 1948“ steht auf dem gelb gewordenen Papier. Und weil Wünsche indirekt ja oft ein präzises Bild der Wirklichkeit zeichnen, ist dieser Aufsatz ein kleines Zeitdokument. „Mein sehnlichster Wunsch ist, daß mein Vater in diesem Jahr nach Hause kommt. Dann, daß wir eine größere Wohnung bekommen“, schrieb die aus Königsberg stammende Teenagerin damals.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges kamen Zehntausende Flüchtlinge nach Hannover.

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„Wir waren seinerzeit bei einer Familie in der Jordanstraße einquartiert“, erinnert sich Renate von Holdt heute. Etwas später hatte ihre Familie Glück: „Wir bekamen tatsächlich eine Wohnung.“ Sie gehörten zu den ersten, die 1950 in die Neubauten in Mittelfeld einzogen. Eine eigene Küche, eine eigene Toilette, ein gemeinsames Zimmer für Renate und ihre Schwester. 54 Quadratmeter für 54 Mark Miete. „Wir waren unglaublich froh darüber - das war ein Neubeginn“, sagt sie im Rückblick. „Meine Eltern lebten in der Wohnung fast 50 Jahre lang, bis zu ihrem Tod.“

Flüchtlinge prägten Mittelfeld

Den heutigen Stadtteil Mittelfeld würde es ohne die Flüchtlinge kaum geben. Insbesondere Vertriebene aus Schlesien fanden hier eine neue Heimat rund um den vom Bildhauer Kurt Lehmann gestalteten Rübezahl-Brunnen zwischen Beuthener Straße und Ratiborer Weg.

Die mit amerikanischem Geld aus dem Marshallplan finanzierten Häuser im „Amerikaviertel“ waren klein. Bei einigen Wohnungen in Mittelfeld waren die Heizungen unter der Decke installiert, um Platz zu sparen; die Bewohner hatten folglich oft kalte Füße. Doch auf die rund 250 Neubauten, die dort im Juni 1950 bezugsfertig wurden, kamen mehr als 2500 Bewerbungen. „Jeder einzelne Antrag gab Einblick in wahrhaft erschütternde Wohnverhältnisse“, schrieb die HAZ damals. Unter anderem kam hier eine Familie unter, die zuvor mit elf Personen in einer 11,41 Quadratmeter großen Dachkammer gelebt hatte.

HAZ-Serie über Vertriebene: Der Weg in den Alltag - Sie haben keine Berechtigung dieses Objekt zu betrachten.

Menschen, die bisher in Lagern und Bunkern einquartiert waren, kamen nun in eine „Atmosphäre der Wohlgeborgenheit“, wie die HAZ schrieb: „Manche Frau wird es zunächst kaum fassen können, daß die kleine Küche mit einem kombinierten Gas-Kohleherd und praktischem Ausguß nun ,ihr Reich’ sein soll.“ Betont schlicht fielen die neuen Wohnblöcke und Reihenhäuser aus. Einerseits war das der Not geschuldet, andererseits suchten die Architekten nach einer neuen Formensprache, als sie das Viertel schufen. „Städtebaulich war das eine herausragende Leistung“, sagt Bauhistoriker Sid Auffarth.

Buch zur HAZ-Serie

Nach dem Krieg verschlug es Zehntausende von Vertriebenen nach Hannover. In einer großen HAZ-Serie halten wir Rückschau auf ihre Ankunft und ihren Alltag. Voraussichtlich im November erscheint dazu das Buch „Fremde Heimat – Als die Vertriebenen nach Hannover kamen“. Der etwa 100 Seiten starke Band (14,90 Euro) kann im Internet bereits jetzt unter shop.haz.de vorbestellt werden.

Von der Seelhorst bis Stöcken entstanden unter der Ägide von Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht Siedlungen, in denen vor allem Vertriebene unterkamen. In der Lindener „Ostlandsiedlung am Nedderfeld“ fanden 219 Flüchtlingsfamilien ein Zuhause. Als diese dort 1952 in Eigenarbeit einen Spielplatz anlegten, versenkten sie im Betonfundament des Sandkastens ein Kästchen mit einer Karte der früheren Ostgebiete und einem Exemplar der HAZ. Ein Stück der alten und ein Stück der neuen Heimat also.

Der Zustrom der Vertriebenen hat Hannovers Gesicht allein schon städtebaulich verändert. Dazu gehörte auch der Bau neuer Kirchen für die oft tiefgläubigen Menschen aus dem Osten: Die evangelische Gnadenkirche in Mittelfeld erinnert schon im Namen an die berühmten Gnadenkirchen in Schlesien. Bilder jener Gotteshäuser im heutigen Polen hängen bis heute in der Kirche, als Brückenschläge in den Osten: „Unsere Gemeinde hat vielen Menschen damals eine Heimat gegeben“, sagt der Mittelfelder Pastor Karl-Martin Voget.

„Schmelztiegel Hannover“

Rund 28 Prozent der Vertriebenen, die 1950 in Hannover lebten, waren katholisch. Anfangs feierten sie ihre Messen in Bunkern und Blechbaracken. Später wurden Kirchen wie St. Hedwig in Vinnhorst, benannt nach der Schutzpatronin Schlesiens, vor allem für sie gebaut; Familien mit Wurzeln im Osten bilden teils bis heute den Kernbestand der katholischen Pfarreien Hannovers. Im Jahr 1939 lag im Bistum Hildesheim die Zahl der Katholiken bei gerade 265 000. Bis 1950 stieg sie auf 670 000 Seelen.

Hannover wurde bunter durch die Flüchtlinge. „Die Großstadt ist zu einem Schmelztiegel geworden“, schrieb Chefreporter Dieter Tasch im Sommer 1954 in der HAZ. Einheimische und Vertriebene lebten und arbeiteten in Hannover einträchtig Seit’ an Seit’: „Sie jubeln gemeinsam dem neuen deutschen Fußballmeister und in wenigen Wochen den Schützen zu.“ Freilich ging Tasch noch fest davon aus, dass die Flüchtlinge irgendwann wieder heimkehren würden.

Nach dem Kriegsende nahmen die Briten einen großen Einfluss auf die Hannoveraner - und wurden nicht nur zu Mitbegründern der Demokratie, sondern auch zu Freunden.

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Stattdessen blieben die Vertriebenen. Sie veränderten die Stadt - und die Stadt veränderte sie. Irgendwann lernten die Neubürger niedersächsischen Grünkohl schätzen. Einheimische entdeckten im Gegenzug schlesische Wurst für sich und fingen an, Pilze zu sammeln - das war bis dahin im Osten ungleich beliebter gewesen als im Westen. Über die Jahre wuchs die Zahl der Mischehen. Der Soziologe Eugen Lemberg verstieg sich schon 1950 dazu, von der „Entstehung eines neuen Volkes aus Binnendeutschen und Ostvertriebenen“ zu sprechen, einer „Ethnomorphose“.

In der Stadt verwischten die Unterschiede oft schneller als in den Dörfern: Dort grenzten die Alteingesessenen ihre Grundstücke gerne mit „Flüchtlingseichen“, schnell wachsenden Pappeln, gegen die neu entstehenden Siedlungen der Vertriebenen am Ortsrand ab.

In Hannover hingegen lobte die Verwaltung in einer Bilanz des Jahres 1952 die Neubürger: „Sie bringen zum weitaus größten Teil viel guten Willen und oft neue Ideen und fruchtbare Initiative mit“, hieß es darin. Hannover sei „heute ein Schmelztiegel, in dem sich Menschen verschiedener Herkunft zu gemeinsamen Taten zusammenfinden“. So klingt es, wenn Fremdes allmählich vertraut wird. Damals ließ sich noch nicht absehen, dass Kinder von Flüchtlingen einmal Ministerpräsident (wie Stephan Weil), Landesbischof (wie Ralf Meister) oder Oberbürgermeister (wie Stefan Schostok) werden würden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Hannover die Zeit des Wiederaufbaus der weitgehend zerstörten Stadt. Der HAZ-Fotograf Wilhelm Hauschild (1902-1983) hat die Zeit festgehalten. HAZ.de zeigt die beeindruckendsten Bilder aus dem umfangreichen Archiv des Fotografen.

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Über die Jahre etablierten die Vertriebenen eine eigene Gedenkkultur: Es gab Heimatstuben und Heimatabende. Mitte der Fünfziger bezog der Bund der Vertriebenen das „Haus deutscher Osten“ an der Königsworther Straße, in dem der Landesverband bis heute seinen Sitz hat. Autobahnraststätten wurden nach verlorenen Städten im Osten benannt, ebenso wie Straßen und Plätze. Von der wieder aufgebauten Clemenskirche blickt seit 1966 eine Skulptur der Heiligen Hedwig sehnsuchtsvoll Richtung Osten, und eine der Glocken dort trägt die Inschrift „Schenke den Vertriebenen die Rückkehr“.

Unter Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf, der sich als „Schirmherr aller Schlesier“ sah, übernahm Niedersachsen 1950 eine Patenschaft für die Landsmannschaft. Bis heute verleiht das Land den „Kulturpreis Schlesien“, der längst zur Brücke zwischen deutschen und polnischen Künstlern geworden ist, und seit 2007 gibt es - nach 18-jähriger Unterbrechung - wieder regelmäßige Schlesiertreffen in Hannover.

Diese können sich freilich nicht mehr mit den früheren Großveranstaltungen messen. Die Generation, die Flucht und Vertreibung selbst erlebte, stirbt aus, und mit ihr verschwinden die alten Dialekte und Bräuche. Als der 1949 im Rathaus begründete Flüchtlingsrat im Jahr 1987 aufgelöst wurde, war er längst zum Anachronismus geworden. Selbst die sonst so traditionsbewusste katholische Kirche lässt die Vertriebenenseelsorge inzwischen auslaufen: Im September 2016 verkündete die Bischofskonferenz, die Stellen der sogenannten Visitatoren zu streichen, die für vertriebene Katholiken zuständig waren.

„Erinnerung war auch Ballast“

Gleichwohl gibt es bis heute Familien, die vom Phantomschmerz über den Verlust der Heimat geprägt sind. Viele Vertriebene bewältigten diesen zeitlebens nicht, sie idyllisierten die Vergangenheit - oft zum Leidwesen ihrer Söhne und Töchter: „Die Erinnerung war für uns Kinder auch Ballast“, sagt die 1939 geborene Inge Burmester. „Ständig war in Ostpreußen alles besser und schöner gewesen.“

Die Hypothek der Erinnerungen erschwerte es Flüchtlingskindern oft, selbst Wurzeln im Westen zu schlagen. So wurde in manchen Familien paradoxerweise ein verlorenes Land weitervererbt. Ein schweres Erbe.

Glogauer Heimatstube in Döhren pflegt schlesisches Erbe

Ein schmuckes Hochhaus in der Döhrener Küsterstraße. Viel Spiegelglas, viel glatter Stein. Doch hinter der modernen Fassade ist ein Stück Vergangenheit Gegenwart. Hier schlummern schlesische Trachten und Wappen, Urkunden und Bilder. Die Glogauer Heimatstube ist der Außenposten einer untergegangenen preußischen Provinz. 300 Quadratmeter Schlesien.
Erst kürzlich waren Besucher aus Polen hier, vom Geschichtsverein der Stadt, die seit 1945 Glogow heißt: „Sie haben Dokumente aus unserem Archiv kopiert – und sie waren begeistert von unseren Schätzen“, sagt Marion Letz, die Sekretärin des Glogauer Heimatbundes. „Das Interesse an der deutschen Vergangenheit ist bei den Polen in Schlesien groß“, sagt auch Martin Sprungala, der Vorsitzende des Heimatbundes.

Er kann viele Geschichten erzählen von alten Glogauern, die in Graswurzelarbeit Kontakte zu den heutigen Bewohnern ihrer Heimatstadt knüpften. Von Vertriebenen, die Geld für die Fenster des Doms in Glogow spendeten. Von der zweisprachigen Gedenktafel, die man dort im Jahr 2000 gemeinsam „Den deutschen und polnischen Opfern von Krieg, Gewalt und Vertreibung“ widmete. Unter der Ägide des aus Glogau stammenden Stadtdirektors Klaus Rosenzweig begründete Langenhagen eine Städtepartnerschaft mit Glogow.

„Die polnischen Glogauer wurden selbst nach dem Krieg aus dem Osten Polens vertrieben – sie sind uns gegenüber sehr offen“, sagt Sprungala. Vor einiger Zeit hat der Heimatbund eine Geschichtsausstellung dort unterstützt. Einen ganzen Lastwagen voller Fahnen und Trachten liehen sich die Polen dafür aus. Die Liebe zur gemeinsamen Heimat kann im Idealfall Grenzen überwinden.

Rund 800 Mitglieder hat der Glogauer Heimatbund im Sommer 2017 noch, Tendenz sinkend. Die meisten sind über 80 Jahre alt, Nachwuchs gibt es kaum. „Die Nachkommen der Schlesier fühlen sich als Niedersachsen“, sagt Sprungala nüchtern. „Die Erfahrung von Heimat lässt sich nicht vererben.“

Sprungala, geboren 1962 in Dortmund, ist selbst eine Ausnahme. Seine Familie hat zwar Wurzeln im heutigen Polen, doch vor allem ist er Historiker, Schwerpunkt Osteuropa. Seine Zugänge in die Welt östlich von Oder und Neiße hat er sich im Studium erarbeitet. Heute hält er auch in Polen Vorträge, spricht vor Schulklassen, und schreibt Chroniken schlesischer Städte: „Meine Bücher kaufen Deutsche über 70 und Polen unter 40“, sagt er.

Sprungala sitzt in der Stille der Heimatstube. In Aktenordnern mit Fotos und Urkunden ist hier die Historie ganzer Dörfer abgelegt, die heute polnische Namen tragen: Gramschütz. Hermsdorf. Jakobskirch. In einer Vitrine liegt ein Wimpel des SC Preußen Glogau, für den Hannover 96 im Jahr 1955 eine längst vergessene Patenschaft übernahm. Relikte einer versunkenen Welt.

Mit einer Zeremonie im Döhrener Maschpark ging Hannover 1952 eine Patenschaft für die vertriebenen Glogauer ein. Heute zahlt die Stadt dem Heimatbund nichts mehr. Damals wurden Heimatstuben überall als Ankerpunkte der Erinnerung eingerichtet. Bald wird es niemanden mehr geben, dessen Erinnerungen hier andocken könnten.

Sprungala sieht das ohne falsche Sentimentalität. Er blickt eher auf das, was bleibt. Als Hannover 1978 eine Städtepartnerschaft mit Posen anbahnte, verlangten die Polen zunächst die Aufkündigung der Patenschaft für Glogau. Der damalige Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg wies dies zurück, die Städtepartnerschaft kam trotzdem.

Seither hat sich das Klima gewandelt. Als im Glogauer Schloss vor zwei Jahren die Ausstellung „Glogau 1945“ zu sehen war, baten die polnischen Kuratoren auch deutsche Vertriebene, von ihrem Schicksal zu erzählen. An Hörstationen sind ihre Berichte dort dauerhaft zu hören. Zur Freude Sprungalas: „Geschichte lässt sich nicht verdrängen“, sagt er. „Das gilt überall auf der Welt.“

be

 
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