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So verunsichert der Hebammen-Streit Schwangere

Geburtskliniken So verunsichert der Hebammen-Streit Schwangere

Seit Dienstag ist der Kreißsaal im Friederikenstift von 21.30 bis 6 Uhr geschlossen – nur so kann Diakovere derzeit eine gute Versorgung sicherstellen. Doch der Hebammenmangel in Hannover beunruhigt werdende Mütter. Wo soll das Kind zur Welt kommen? Um dieses Thema kreisen die meisten Gespräche von Schwangeren.

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Trotz guter Vorbereitung verunsichert: Valerie Göllner und ihr Mann Olaf wohnen in der Nähe des Friederikenstifts – vielleicht müssen sie für die Geburt ihres ersten Kindes trotzdem bis ins Vinzenzkrankenhaus fahren.

Quelle: Foto: Katrin Kutter

Hannover. Valerie Göllner ist verunsichert. Sie bekommt ihr erstes Kind in diesen Tagen. Für die Entbindung haben sich sie und ihr Mann Olaf eigentlich das Friederikenstift ausgesucht - ob das allerdings bei dem derzeitigen Streit um die Hebammen in den Diakovere-Einrichtungen alles wie geplant laufen wird, ist unklar.

Die Aufregung, die Vorfreude auf den kleinen Menschen, der ihre Welt bald auf den Kopf stellen wird, sieht man der jungen Frau an. Das Kinderzimmer ist bereits liebevoll eingerichtet, für alles ist gesorgt: Die Windeln liegen ausgepackt und griffbereit unter der Wickelkommode, das Kinderbettchen ist bezogen, der Sessel zum Wachen und Stillen steht gleich daneben. Valerie Göllner ist vorbereitet. Und natürlich gehörte es auch dazu, die Geburtsklinik auszusuchen. „Das Friederikenstift ist nah und wir haben uns dort gut aufgehoben gefühlt“, sagt die 29-Jährige. Mit ihrem Mann Olaf wohnt sie in der Calenberger Neustadt. Das Friederikenstift sei außerdem bekannt für seine homöopathischen Ansätze, für den vermehrten Einsatz von Akupunktur und Aromatherapie, das sei wichtig für sie. „Und es ist als babyfreundliches Krankenhaus zertifiziert“, sagt Göllner. Sie hatte sich so gut informiert. „Doch jetzt steh’ ich vor einem Problem.“ Seit Dienstag ist der Kreißsaal nachts ab 21.30 Uhr bis 6 Uhr morgens geschlossen. Frauen, die dann in den Wehen dort eintreffen, werden „weitergeleitet“, möglichst ins Henriettenstift.

Gespräche von Schwangereren kommen immer auf die Geburtsklinik

Wie Valerie Göllner fürchten sich viele werdende Mütter in Hannover derzeit vor einer schlechten Versorgung. Davon weiß auch Hebamme Jana Gebert zu berichten. „Es ist ein stadtweites Problem“, meint Gebert. Und gerade deshalb sind viele bestürzt, dass das in einer Großstadt passiert, wo es eigentlich recht viele Geburtskliniken gäbe. „Es wäre doch schön, wenn man die Geburt bekäme, die man sich wünscht“, sagt sie.

Gebert sitzt inmitten von Schwangeren und hält in der Hebammenpraxis In der Mitte einen Geburtsvorbereitungskurs ab. Die gelb getünchten Altbauwände, der möbellose Raum mit den hohen Decken und den zahlreichen Babyfotos strahlt die übliche Ruhe eines solchen Ortes aus. Doch die Schwangeren sind hier alles andere als beruhigt: Gerade am Anfang der Kurse kommt das Gespräch auf die ausgewählte Geburtsklinik - und wie sicher man mit diesem Entbindungsort rechnen kann. „Die Frauen sind grenzenlos verunsichert“, sagt die 30-jährige Hebamme. „Egal in welche Klinik sie gehen, müssen sie inzwischen vorher anrufen, wenn die Wehen einsetzen, und fragen, ob sie kommen dürfen“, erzählt die Hebamme. Sie habe das in letzter Zeit vor allem auch beim Vinzenzkrankenhaus erlebt. Dabei sei es aufregend genug, ein Kind zur Welt zu bringen. Vor allem, wenn es das erste ist.

Seit Jahren lässt sich ein Nachwuchsmangel bei den Hebammen verzeichnen - verschärft hatte sich die Situation zur Mitte des Jahres mit der Schließung des Nordstadtkrankenhauses. Die Kapazitäten der beiden Diakovere-Geburtskliniken, des Henriettenstifts und des Friederikenstifts, waren derart ausgereizt, dass die Kreißsäle an einem Wochenende im Juni 15 Stunden lang schließen mussten. Seitdem brütet die Diakovere über Lösungsansätzen: Das zeitweilige Austauschen der kompletten Hebammenteams beider Kliniken hatte jedoch zu starken Protesten seitens der Mitarbeiterinnen geführt.

„Das war alles ein ziemlicher Kampf“

Bei den Hebammen sieht die werdende Mutter Valerie Göllner die Schuld nicht: „Man hätte einfach früher darauf reagieren müssen“, sagt sie. Sie hat sich nun für das Vinzenzkrankenhaus entschieden, sollten ihre Wehen nach 21 Uhr einsetzen. Dort hatte sie den Vorbereitungskurs gemacht, Räume und Hebammen sind ihr bereits vertraut. „Aber natürlich ist da eine zusätzliche Unsicherheit, dass ich nicht so selbstbestimmt entbinden kann, wie ich es vorhatte.“

Diese Erfahrung machten leider Stefan Meier und seine Freundin Anna*. Vergangenen Mittwoch kam ihr Kind zur Welt. „Das war alles ein ziemlicher Kampf“, erzählt der 30-jährige Ingenieur, noch immer spürbar aufgewühlt. „Mit der Nachtschicht hatten wir einfach ziemliches Pech.“ Sie fuhren am Dienstagabend gegen 22.30 Uhr ins Henriettenstift, Annas Wehen hatten eingesetzt. Nach einer Kardiotokografie (CTG) wurden sie allerdings wieder nach Hause geschickt. Das würde mindestens noch zehn Stunden dauern, hieß es. „Zu Hause wurden die Wehen aber sehr schnell stärker, Anna war kaum transportierbar.“ Stefan Meier fuhr sie gegen 3 Uhr nachts wieder ins Krankenhaus. Auf dem Weg musste sich Anna immer wieder übergeben. Doch weiter als bis zum Eingang vorm Kreißsaal kamen sie erst einmal nicht. „Das hat bestimmt zehn Minuten gedauert, bis zufällig eine Ärztin vorbeikam“, erzählt er. Etwas später wurden sie hineingelassen. Den Toilettengang vor der Entbindung begleitete statt einer Hebamme Stefan, er half ihr bei den Atemübungen, bei Nachfragen reagierten die Mitarbeiter genervt, so erzählt es Meier. Niemand habe das Paar eine ganze Weile lang betreut.

Annas Schmerzen wurden schlimmer, doch erst nach einer Stunde kontrollierte eine Hebamme den Muttermund erneut - und stellte fest, dass er inzwischen ganz geöffnet war. „Und dann ging alles rasend schnell und jeder wirkte sehr gestresst. Das hätte man doch vermeiden können, wenn man zwischendurch aufgepasst hätte“, sagt Meier. Zwar hatten sie dann eine Vollbetreuung, doch richtig umsorgt fühlte sich der frischgebackene Vater auch dann nicht: Bei Maßnahmen wie dem Einsatz einer Kiwiglocke sei er nicht aufgeklärt worden, und als das Kind da war und auf dem Bauch der Mutter lag, zeigte ihm niemand, wie das Kind hochzuheben ist. „Sie waren ständig genervt von meinen Nachfragen“, sagt er. „Aber ich war doch auch völlig überfordert, das ist ja auch mein erstes Kind.“ Er habe die ganze Zeit nur eine einzige Hebamme im Einsatz gesehen, erinnert er sich. Obwohl man ihm gesagt habe, dass bei vier Geburten in jener Nacht zwei Hebammen Dienst hatten. Dem Kind geht es gut, der Mutter auch. „Und das ist ja das Wichtigste. Und man muss sagen: Auf der Station war die Betreuung anschließend super“, resümiert er.

In dieser Woche sind weitere Gespräche geplant, um die Situation am Friederikenstift und Henriettenstift zu verbessern, kündigte Diakovere-Sprecher Achim Balkhoff an.

*Namen von der Redaktion geändert

Von Katharina Derlin

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