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Aus der Stadt Blind am Steuer
Hannover Aus der Stadt Blind am Steuer
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00:16 01.09.2015
Von Saskia Döhner
Die IPD Infosystem stellt seit 20 Jahren Produkte für Sehbehinderte her. Zu ihrem Jubiläum bot sie in Zusammenarbeit mit der Fahrschule Heidorn für ihre Kunden Autofahren für Blinde an. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Endlich fahre ich selbst, und sitze nicht nur auf dem Beifahrersitz.“ Regina Neumann aus Lauenstein, einem Ortsteil von Salzhemmendorf, würde am liebsten gleich wieder ins Auto einsteigen. Eine halbe Stunde hat die blinde 59-Jährige mithilfe eines Fahrlehrers in einem Golf auf dem ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Laatzen ihre Runden gedreht, bremsen, abbiegen und anfahren geübt. Was ihr am besten gefallen hat? „Bremsen, Gasgeben und der Fahrlehrer war auch nett.“ Angst habe sie überhaupt nicht gehabt.

Auch Manfred Jaklin hat gern das Steuer selbst in der Hand. „Ich kann kontrollieren, was der Wagen macht.“ Zum dritten Mal im Leben lenkt der 51-jährige sehbehinderte Rechtsanwalt ein Auto, zum ersten Mal vor mehr als 15 Jahren und an diesem Tag gleich zweimal hintereinander. Seine Firma Infosystem Produktion and Distribution (IPD), die ihren Sitz an der Bemeroder Straße hat, bietet Sprechlesesysteme, Brailledrucker, elektronische Handlupen und andere Sehhilfen an. „Alles das, was der klassische Optiker nicht liefern kann“, wie Jaklin es ausdrückt. Ihr 20-jähriges Bestehen feiert die Firma mit einem Fahrsicherheitstraining der besonderen Art. Rund 65 Kunden wagen die erste eigene Autofahrt.

Begleitet werden sie von sieben Fahrlehrern der Fahrschule Heidorn aus Linden. „Das ist eine Supersache“, sagt Fahrschulchef Heiko Ditzel, „es ist für uns absolute Horizonterweiterung.“ „Sonst haben Sie eher mit den normalen Fahrschülern zu tun, also den Blinden, die gucken können“, scherzt Jaklin, bevor er den ersten Gang einlegt. „Halt, was haben wir noch vergessen?“, fragt Fahrlehrer Andreas Wenzel (35). „Ach ja, das Anschnallen“, sagt Jaklin. Auch die Fahrgäste auf der Rückbahn werden ermahnt, den Gurt anzulegen.

Der Wagen rollt an. Das Schalten bereitet dem 51-Jährigen – anders als vielen anderen Fahranfängen – überhaupt kein Problem. Das Auto ruckelt nicht, kein einziges Mal „würgt“ Jaklin den Motor ab. „Jetzt eine leichte Rechtskurve“, sagt Wenzel, und der schwazre Golf nimmt langsam an Fahrt auf. Über eine gerade Straße geht es in die nächste Rechtskurve. Falls Jaklin doch mal der Grasnarbe etwas näher kommt, hilft der Fahrlehrer mit Richtungsangaben. „Etwas mehr links, jetzt gegenlenken.“

„Ich bin ganz begeistert“, sagt Karsten Völkening vom Fahrsicherheitszentrum und zeigt auf die blinden Fahrer in den schwarzen Golfs, die mit jede Runde sicherer werden.

Nach der leichten Steigung dreht Jaklin schon automatisch das Steuer leicht rechts. „Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Sehbehinderten die Strecke merken können“, lobt Wenzel, „die haben einfach ein ganz anderes Gefühl dafür.“ Auch Fahrschulleiter Ditzel findet, dass die Blinden von der Motorik her deutlich besser seien als sehende Fahranfänger. „Da hat auch mancher in der ersten Stunde Probleme mit dem Geradeausfahren“, berichtet Fahrlehrer Wenzel.

Immer wieder lässt Andreas Krömer seine Hände sanft über das Lenkrad gleiten. „Bitte machen Sie ein Foto“, sagt er zu seinem Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz und reicht ihm eine Kamera hinüber: „Das glaubt mir sonst keiner, dass ich Auto gefahren bin.“

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