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Soll man Halloween feiern oder verteufeln?

Pro und Contra Soll man Halloween feiern oder verteufeln?

Seit Jahren ist Halloween bei Kindern und Erwachsenen immer mehr angesagt: Gruselige Kostüme und geschnitzte Kürbisse dominieren am Tag vor Allerheiligen. Früher gingen die Kinder nur am Martinstag durch die Straßen. Soll man den Hype um Halloween nun einfach mitfeiern oder verteufeln? Ein Pro und Contra.

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Halloween oder Martinstag? Ist der Hype um das Gruselfest so groß geworden, dass vom tradionellen Martinstag nichts mehr übrig bleibt?

Quelle: Kutter/dpa

Endlich mal hässlich sein

Natürlich ist Halloween zunächst einmal ein importierter Mummenschanz aus den USA. Natürlich hatte vor allem die Spielwarenindustrie ihre Hände im Spiel, als das Fest 1991 in Deutschland eingeführt wurde. Karneval war wegen des ersten Golfkrieges ausgefallen, weil niemand Lust auf fröhliches Feiern hatte, als im Irak Bomben fielen. Die Händler blieben auf ihrer Ware sitzen und wollten ihre billigen Pappnasen, Plastikmasken und all den anderen Partykram einfach anders loswerden.

Die Sache mit der irischen Tradition bei Halloween kann aus hochkultureller Sicht natürlich nicht gegen das weihevolle Martinssingen anstinken. Und dass die unhandlichen Kürbisse beim Fratzenschneiden echt nerven können: geschenkt. Halloween ist ein kommerzieller Gruselspaß, übrigens auch aus biologisch-ökologischer Sicht indiskutabel (all das Plastik, all die Süßigkeiten) – und trotzdem gut. Denn es bietet am Tag vor Allerheiligen, was auch der Karneval rund um Rosenmontag bietet: eine Auszeit in einem immer stressiger werdenden (Schul-)Alltag von Kindern.

Halloween ist einer jener heute viel zu seltenen Tage, an denen die oft so zwanghaft angepassten Kinder über die Stränge schlagen dürfen, an denen Fleiß oder die Frage, ob die Hausaufgaben auch wirklich alle gemacht sind, einmal keine Rolle spielen. Stattdessen können sie in eine andere Rolle schlüpfen, sich schminken, verkleiden, plötzlich jemand ganz anderes sein. Es zählt, wer ein tolles Kostüm hat, manchmal nur, wer die überzeugendste Gruselperformance abliefert – und das muss eben nicht das Mathe-Ass sein. Stattdessen hat endlich einmal der viel zu kleine Junge eine Chance, der nicht um Zweien und Einsen, sondern gegen das Sitzenbleiben kämpft. Bei Mädchen ist endlich mal nicht die Hübscheste, sondern die Hässlichste angesagt. Ausgelassen sein, laut sein, herumkaspern: All das, was in der Schule notorisch abqualifiziert wird, ist endlich mal gut.

Es gibt heutzutage immer weniger Freiräume für Kinder, in denen sie zwischen Schule, Klavierunterricht und Englischnachhilfe einem Alltag entkommen können, der an Ernsthaftigkeit und Stress manchmal den Arbeitsalltag von Erwachsenen übertrifft.

Darum ist ein Fest wie Halloween nicht nur ein großer Spaß, sondern auch eine tolle Sache. Dass es in seiner schrillen Künstlichkeit nicht unbedingt bildungsbürgerlichen Ansprüchen von Eltern entspricht: Na und?

Jutta Rinas

Hohl wie der Kürbis

Natürlich ist es ein urmenschliches Bedürfnis, sich zu gruseln. Die Lust an der Angst und das Zähmen der Angst gehören zusammen. Gefahrloses Gruseln kann Kinder zu reiferen Persönlichkeiten machen. Doch bei Halloween geht es ja eben nicht nur darum, sich selbst gefahrlos zu gruseln. Es geht oft auch um das Erschrecken von Leuten, die sich gar nicht aussuchen können, ob sie nun erschreckt werden wollen oder nicht.
Man kann Kindern das Halloweenfeiern kaum verbieten. Doch man muss es auch nicht befördern. Pädagogisch ist es verheerend, wenn sie die Lernerfahrung machen, dass es sich lohnt, andere Leute maskiert zu erpressen („Süßes oder Saures!“). Natürlich ist nicht jeder Halloweenstreich der erste Schritt zu einer kriminellen Karriere. Und doch führt von Halloween eine direkte Linie zu den „Horror-Clowns“, die jüngst Schlagzeilen machten – und bei vielen Kindern Ängste auslösten, die mit wohligem Gruseln nichts mehr zu tun haben.

Früher war nicht alles besser. Das Kinderfestprogramm des Herbstes aber war es schon. Beim traditionellen Martinssingen zogen Kinder durch die Straßen, um Süßigkeiten für eine kreative Gegenleistung zu erbitten. Häuser wurden dabei nicht beschmiert, auch nicht, wenn die Bewohner keine Süßigkeiten herausrückten.

Doch mit der Erinnerung an Martin Luthers Bekennermut oder an die sozialen Taten eines heiligen Mantelteilers lässt sich nun einmal kein Geld verdienen. Halloween hingegen bietet der Plastikspinnenindustrie einen idealen Konsumanlass zwischen Sommerurlaub und Weihnachtsgeschäft – und ist damit ein weiterer Baustein zur Kommerzialisierung der Kindheit. Natürlich war die Festkultur immer schon im Wandel. Man sollte sich aber schon überlegen, was man aufgibt und was stattdessen das Vakuum füllt.

Mit seinen ursprünglich religiösen Wurzeln, mit keltischen Bräuchen und dem christlichen Allerheiligen, hat Halloween noch so viel zu tun wie eine altgriechische Goldmünze mit Monopoly-Spielgeld. Das Fest ist bei seiner Reise um die Welt komplett sinnentkernt worden. Es ist so inhaltslos wie ein hohler Kürbis. Halloween ist ein Musterbeispiel dafür, dass die Globalisierung des Festkalenders noch lange kein fruchtbringender Kulturaustausch ist.

Erste Kaufhäuser haben jetzt Horror-Clown-Kostüme aus den Regalen genommen. Ich finde, das ist ein Anfang.

Simon Benne

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