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Sorge um geplante Integration behinderter Kinder

„Inklusion“ Sorge um geplante Integration behinderter Kinder

Vom Bittsteller zum Normalfall: Die geplante Integration behinderter Kinder in Regelschulen hat bei Eltern sowohl Hoffnungen als auch Sorgen geweckt. Eltern befürchten, dass die Regelschulen nicht darauf vorbereitet sind.

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Unterricht in der IGS Stöcken: Förderkinder werden in den Schulklassen durch Sonderpädagogen zusätzlich betreut.

Quelle: Insa Hagemann

Unter den Eltern behinderter Kinder und auch unter Lehrern wächst inzwischen die Sorge. Der Zeitpunkt, an dem Schüler mit und ohne Beeinträchtigungen generell gemeinsam die gleiche Klasse besuchen, rückt näher. „Die Eltern freuen sich meist über diese Aussicht, aber sie sehen noch nicht, dass die Regelschulen darauf vorbereitet sind“, sagt Anja Niezel aus dem Stadtelternrat Hannover. Es sei keine Perspektive, ein Kind mit besonderem Förderbedarf womöglich in eine Klasse mit 30 Schülern zu schicken, zu Lehrern, die dafür nicht ausgebildet sind.

In Fachkreisen nennt das Kultusministerium inzwischen den Sommer 2012 als Startpunkt für den gemeinsamen Unterricht, mit dem zunächst in der ersten Klasse der Grundschule begonnen werden soll. Bisher wird diskutiert, Kinder mit zwei Arten von Handicaps – Entwicklungsstörungen in Sprache und Lernen – in der Grundschule aufzunehmen. Doch was ist mit Körper- oder Sehbehinderten, Blinden, Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder geistiger Behinderung? Bisher gibt es für alle spezialisierte Förderschulen. Ute Wrede vom hannoverschen Verein „Eine Schule für alle!“ vermisst einen Zeitplan auch für diese Kinder. „Diese Zweiteilung ist unverständlich. Sie legt nahe, dass manche Gruppen für leichter integrierbar gehalten werden als andere.“

Das Land muss darauf reagieren, dass bundesweit seit Anfang 2009 die UN-Konvention über die Rechte Behinderter gilt. Statt Kinder mit Handicaps in Förderschulen zu betreuen und nur einzelne in Regelschulen zu integrieren heißt das neue Stichwort „Inklusion“: Die Schulgemeinschaft umfasst alle Kinder, die im Umfeld wohnen, unabhängig von ihren Voraussetzungen.

Das Land hat seinen Gesetzentwurf auf Ende 2011 verschoben, so bleiben viele Fragen aktuell unbeantwortet. Den betroffenen Eltern brennt das Thema aber unter den Nägeln. Anja Niezel berichtet von einer Familie, die die Einschulung ihres behinderten Kindes nun ein Jahr verzögern will – in der Hoffnung, dass es dann in einer normalen Grundschule unterkommt. „Bisher schaffen es meist nur Eltern mit viel Energie, einen Platz mit guter Betreuung für ihr Kind in einer Regelschule zu finden“, sagt Ute Wrede. Eine betroffene Mutter spricht von „Bittstellerei“.

Andere Eltern sorgen sich im Gegensatz, dass die vertraute Förderschule ihr Kind 2012 nicht mehr in die erste Klasse aufnimmt. Denn die Förderschulen für Lernen oder Sprache werden durch die Reform infrage gestellt.

„Wir wissen nicht, ob Eltern von Erstklässlern uns dann trotzdem weiterhin wählen dürfen“, sagt Antje Bordowski, Leiterin der Albert-Liebmann-Schule für Sprache. An ihrer Förderschule lernen maximal 14 Kinder pro Klasse. „Kinder, die in der Sprachentwicklung beeinträchtigt sind, haben große Schwierigkeiten, Schreiben zu lernen.“ Besonders in der ersten Klasse bräuchten sie deshalb spezielle Unterstützung. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ein Kind das „G“ nicht richtig ausspricht und die Lehrerin ihm den Buchstaben beim Lesen oder Schreiben extra mit einem Handzeichen verdeutlicht. Es gibt etliche Ursachen für eine verzögerte Sprachentwicklung, manche Kinder haben zum Beispiel Schwierigkeiten, Wörter richtig zu verstehen. Um diesem Problem zu begegnen, sorgen an der Förderschule Akustikdecken und kleine Klasse dafür, Nebengeräusche gering zu halten.

Am Beispiel von Schulen mit Integrationsklassen zeigen sich die zu überwindenden Hürden. An der Grundschule Kastanienhof in Limmer hat die Stadt Akustikdecken finanziert, weil die Schule neben anderen beeinträchtigten Schülern auch ein hörbehindertes Kind aufgenommen hat. Die Geräte zur drahtlosen Signalübertragung, damit Lehrerin und Schüler sich verstehen, zahlt generell die Krankenkasse. Schulleiterin Cornelia Aschmutat-Hesse wünscht sich aber viel mehr fachliche Beratung für die Grundschullehrer und mehr Förderschullehrer im Unterricht. „Wir werden den Kindern sonst nicht gerecht.“ Fest steht zumindest, dass das Kultusministerium ab August im großen Stil Fortbildungen für Grundschullehrer anbieten will.

Die weiteren Kosten für die Stadt als Schulträger sind noch nicht absehbar. Der Deutsche Städtetag spricht von einem „erheblichen Kostenrisiko“ und sieht die Länder in der Verantwortung. Stadt und Region bereiten seit einem halben Jahr ein Konzept zur Inklusion für das Gebiet der Landeshauptstadt vor. An den acht Förderschulen für Lernen gibt es aktuell noch 947 Schüler. Regionsweit machen die 5500 Kinder an Förderschulen 4,4 Prozent der 124.000 Schüler aus (Stand 2009/2010). Aber betreffen wird das Thema eines Tages alle, heißt es aus dem Arbeitskreis.

Der Stadtelternrat befürchtet, dass am Ende Sparzwänge zu einer schlechten Betreuung führen und hat einen Forderungskatalog aufgestellt, der Klassen mit maximal 20 Schülern und durchgehend zwei fachlich ausgebildete Erwachsene im Unterricht postuliert. Die Integrierte Gesamtschule Stöcken hat in ihren Integrationsklassen 24 bis 25 Kinder, von denen bis zu drei lernbeeinträchtigt sind. Den Antrag auf ein Modellprojekt mit von Lehrern betreutem Ganztagsunterricht lehnte das Kultusministerium mit dem Argument ab, dass jetzt kein Präzedenzfall geschaffen werden soll. Dennoch will die Schule im August die Integrationsklassen auf einen weiteren Jahrgang ausdehnen, damit die Paul-Dohrmann-Schule für Lernen sich wie geplant auflösen kann. „Wir strecken uns, wie wir können, aber wir haben Probleme“, sagt IGS-Leiter Rolf Doelle. Gleichzeitig wachse der Druck auf Schulen ohne Integrationsklassen. „Die Eltern werden darauf pochen, dass ihr Kind vor Ort eingeschult wird.“

Hilfe für Eltern und Lehrer

Mehrere Elterninitiativen setzen sich in Hannover für die Belange behinderter Kinder und ihrer Familien ein und fordern die Teilhabe am öffentlichen Leben ein.

  • Der Verein Mittendrin berät bisher ehrenamtlich über Integration in Krippe, Kindergarten, Hort und Schule. Die Eltern bereiten jetzt den Aufbau einer professionellen Beratungsstelle vor, die Eltern und Institutionen unabhängig informieren will. Der Rat der Stadt wird 50.000 Euro pro Jahr für Miete und Personalkosten bereitstellen.
  • Der Verein Down-Syndrom Hannover e.V. bietet speziell Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom ein Forum, geht mit Veranstaltungen an die Öffentlichkeit und engagiert sich für Integration ( www.down-syndrom-hannover.de).
  • Im Förderverein Eine Schule für alle! sind neben Eltern auch Schulleiter, Sonderschullehrer und weitere Pädagogen aktiv. Der Verein setzt sich für die generelle Aufnahme behinderter Kinder in Regelschulen ein und unterstützt Lehrerkollegien bei der Umwandlung ihrer Schule. Informationen gibt es unter www.eineschulefueralle-hannover.de.
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