Die Hoffnungen vieler sozialer Organisationen ruhen jetzt auf einer Ausweitung der Förderung des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ). „Wir haben dazu aber bislang keine konkreten Signale aus Berlin“, sagte Ute Giesecke-Tapp, Referatsleiterin der evangelischen Freiwilligendienste in Hannover.
„In vielen Bereichen wäre es unsinnig, noch Zivildienstleistende einzusetzen, wenn ihre Dienstzeit lediglich ein halbes Jahr beträgt“, sagte Cornelia Rundt, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands in Hannover. „Der Schulungsaufwand wäre einfach zu hoch im Verhältnis zur Einsatzzeit.“ So dauere im Rettungsdienst die Ausbildung auf den Fahrzeugen allein drei Monate. Ebenso wie das Deutsche Rote Kreuz setzt auch der Malteser Hilfsdienst in Hannover deshalb schon jetzt keine Zivildienstleistenden mehr im Rettungsdienst ein, sagt Diözesan-Geschäftsführer Raphael Eberbach. Auch im Behinderten-Fahrdienst setzten die Malteser auf 400-Euro-Kräfte statt auf Zivildienstleistende.
Menschlich sei es betreuten Personen kaum zuzumuten, sich regelmäßig nach wenigen Monaten auf neue Ansprechpartner einzustellen, sagt Cornelia Rundt. „Ein behindertes Kind müsste sich ab 2011 mehrmals im Jahr an eine neuen Schulbegleitung gewöhnen.“ Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, hat bereits angekündigt, dann keine Zivildienstleistenden mehr einzusetzen, so wie es bei der Lebenshilfe in Hannover nach Angaben von Geschäftsführerin Christine Lenssen bereits praktiziert wird.
Rundt sieht in den Plänen der Bundesregierung eine Verlagerung der Kosten von der Bundesebene zur Kommune. „Wenn die Sozialverbände statt Zivis hauptamtliche Mitarbeiter einstellen müssen, tragen die Kosten dafür die Betreuten oder die Sozialträger vor Ort.“
In den sieben städtischen Alten- und Pflegeheimen in Hannover seien zwar die Abläufe so konzipiert, dass sie auch gänzlich ohne Zivildienstleistende auskämen, sagt Betriebsleiter Manfred Schwonnek. „Es würden jedoch wertvolle Tätigkeiten im Betreuungsbereich eingeschränkt, die für die Heimbewohner wichtig sind.“ Das wären Vorlesen, Spielen, Spazierenfahrten und Begleitung bei Besuchen.
Wie andere Verbände hofft auch das Deutsche Rote Kreuz in Hannover auf eine Ausweitung des Freiwilligen Sozialen Jahres. „Mit 85 Zivi-Stellen haben wir nur ein Drittel unseres Kontingents besetzt“, sagt Hannover-Vorstand Thomas Dettmer. FSJ-Stellen seien zwar fast doppelt so teuer, doch seien die „FSJler“ nach ihrer Ausbildung länger einsetzbar und damit effektiver.
Derzeit stehen nach Angaben des hannoverschen evangelischen Freiwilligendienstes bundesweit 35.000 FSJ-Stellen rund 90.000 Zivildienstleistende gegenüber. Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP in Berlin sieht zwar den „qualitativen und quantitativen Ausbau der Jugendfreiwilligendienste“ vor. Konkretere Aussagen gebe es dazu bislang aber nicht, sagt Referatsleiterin Ute Giesecke-Tapp.
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Kommentare
.... bella – 04.11.09
natürlich könnte ein sozialdienst eingeführt werden - das FSJ und auch der wehrersatzdienst können ja grundsätzlich weltweit durchgeführt werden.unverschämt ist allerdngs die haltung der in deutschland tätigen sozialeinrichtungen - hier übernehmen zivis ganz klar arbeitnehmertätigkeiten und keine zusätzlichen dienste. irgendwie kommt einem das ja durch die 1-ero-jobs bekannt vor?! und da sollte klar sein: für diese tätigkeiten sollte man auch zivis anständig bezahlen (d.h. nach tarif und damit ist nicht derjenige irgendeiner personalservicegesellschaft gemeint - siehe AWO) ... alles andere ist pure ausnutzerei - die preise, die heute z.b. altenheimbewohner berappen müssen, sollten doch locker ausreichen, nicht wahr?!
Dienst Henry – 04.11.09
Es wäre eigentlich nicht schlimm, wenn für eine gewisse Zeit jeder, egal aus welcher "Schicht" und egal ob Mann oder Frau einen gesellschaftlichen Dienst leistet. Wo auch immer (also sozial, ökologisch oder beim Bund). Kann eigentlich nicht schaden, nach der Schule und vorm Beruf mal was anderes kennenzulernen und Kompetenzen zu erwerben. Von Soft Skills und das jeder Arbeitgeber sie fordert hört man ja immer wieder. Nur wann? Das moderne Studium lässt ja nun keine Zeit mehr für gemeinnützige Arbeit.Und meine Idee scheint auch Utopie zu bleiben. Man muss international wettbewerbsfähig bleiben, und da wird ja erwartet, dass man mit 25 mind. zwei Abschlüsse hat, mind. drei Fremdsprachen spricht und schon zehn Jahre Berufserfahrung hat. Gerade in der Wirtschaft. Für weitergehende Kompetenzen bleibt da leider nix.
Und da wundert man sich noch über gewisse Entscheidungen gewisser Kreise.
Ich denke, es kann niemanden schaden, "gezwungen" zu werden, sich mal das echte Leben anzusehen. Könnte manchen ganz gut tun. Aber Utopie...
Kein Argument js.b – 04.11.09
Dass viele soziale Einrichtungen und Dienste personelle Probleme bekämen, wenn der Zivildienst abgeschafft würde, ist gut nachvollziehbar. Aber das darf kein Argument sein. Nur wenige scheinen die entscheidende Frage zu stellen: Mit welcher Berechtigung lässt sich vertreten, dass auch heute noch junge Männer per Gesetz gezwungen werden, für einige Monate Wehrdienst oder Zivildienst zu leisten? Die Wehrpflicht beschneidet bewusst die Freiheit des Einzelnen, weil es seinerzeit verteidigungspolitisch notwendig war. Wenn sich das nun erledigt hat, darf der Zivildienst, an dessen fast kostenlose Verfügbarkeit sich viele Einrichtungen inzwischen natürlich gewöhnt haben, kein Argument sein.@Bürger: "Wehrersatzdienst" bzw. "Ersatzdienst" ist immer noch der richtige Begriff im Sinne des Grundgesetzes, denn er ist per Gesetz eben ein Ersatz für die eigentlich zu leistende Wehrpflicht. Ob das im Sinne Ihrer Generation "politisch korrekt" ist oder nicht...
Alles Ausbeute von jungen Menschen! Ziwi – 04.11.09
Alle Organisationen, die auf Zivis angewiesen sind, sind Ausbeuter, die junge Menschen ausnutzen. Keiner denkt daran, dass diese jungen Menschen damit ihre Zeit verlieren.Bundeswehr und Zivildienst abschaffen, keiner hat das Recht, andere Menschen zu misbrauchen!
Nachtrag zum Beitrag Bürger – 03.11.09
An den Autor:Politisch und demokratisch korrekt gibt es keinen „Ersatzdienst“, sondern nur Zivildienst und Wehrdienst „mit der Waffe“. Meine Zivildienstgeneration hat das erstritten. O.K.?
Ehrensache Bürger – 03.11.09
Der „Bürger in Uniform“ ist endgültig Geschichte. Er hätte auch ganz abgeschafft werden sollen. Aber vielleicht brauchen wir ihn noch zum stapeln von Sandsäcken bei der nächsten Flutkatastrophe im Roderbruch. Wir als Zivildienstleistende (Jahrgang: Dienstzeit 16 Monate), haben in der Pflege Schwerstbehinderter bei einem großen Wohlfahrtsverband sofort produktive Arbeit im Schichtdienst geleistet und sind von der Institution regelrecht ausgebeutet worden, nicht jedoch von den zu betreuenden Menschen, das war immer eine gegenseitige Bereicherung, die ich nicht missen möchte. Von den Institutionen kam jedoch kein Dankeschön oder Anerkennung für die geleistete Arbeit. Mit einem gewissen bürokratischen Automatismus und wie selbstverständlich sind wir in die Dienstpläne der ausgebildeten Pflegekräfte sofort eingebaut worden. Anyway. Bei uns und mit uns war immer gute Stimmung, dafür haben wir als ZDLer immer gesorgt. Ehrensache!