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„Wir wollen Deutsche unter Deutschen sein“

Spätaussiedler in Hannover „Wir wollen Deutsche unter Deutschen sein“

Spätaussiedler aus der früheren Sowjetunion fühlen sich nicht als Ausländer – und haben doch Angst davor, wieder fremd zu sein. 

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Für Daniel Neufeld (oben) gibt es keine Heimat außer Deutschland.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Ein kühler Sonntag im März. Vor dem Neuen Rathaus stehen 30 bis 40 Menschen, junge wie alte, um mit ihrer Anwesenheit gegen Merkels Asylpolitik zu protestieren. Deutschlandfahnen knattern im Wind, am Rednerpult kleben auf schwarz-rot-goldenem Hintergrund Anliegen der Veranstalter. „Kein Asyl für Kinderschänder.“ „Respekt für deutsche Kultur und deutsche Gesetze.“ Es ist eine Kundgebung von Russlanddeutschen, aber kaum jemand bekommt das hier am Rande der Innenstadt mit.

Dann begrüßt ein Gast das Grüppchen unten auf dem Trammplatz. Jörg König, der Vorsitzende der hannoverschen Alternative für Deutschland (AfD), wirbt um die Aufmerksamkeit wahlberechtigter Spätaussiedler. Zur Begrüßung sagt er einige Sätze auf Russisch, um in deutscher Sprache seine Sicht der Dinge darzulegen. Merkel habe „über eine Million Kulturfremde ohne Plan in unser Land geholt“. Er beklagt Schuldenberg und Verspätungen der Deutschen Bahn. Für Spätaussiedler auf dem Trammplatz hat König den Satz im Angebot, wonach die ihre Häuser selbst erarbeiten mussten, denjenigen aber, „die jetzt kommen“, werde alles geschenkt. König schürt Ressentiments bei einem Publikum, das mit ähnlichen Gedanken wohl ohnehin zum Rathaus ging.

Auch Gäste aus Köln sind da. Kräftige Herren halten ein Banner mit der Aufschrift „Männer schützen Familien“, wobei sie sich auf sexuelle Übergriffe mutmaßlich von Asylbewerbern in der Silvesternacht beziehen. Auf einer Kundgebung mit ähnlichem Tenor, bereits im Februar, war auch Viktor Kasper zu sehen, Russlanddeutscher, und vor Jahren bundesweit bekannt geworden, als er auf einem AfD-Parteitag intensiv eine Deutschlandfahne schwang. Kasper wurde mit der NPD in Verbindung gebracht.

Russlanddeutsche sind in den vergangenen Wochen ins Gerede gekommen. Sie zogen zu Tausenden durch Innenstädte, um gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu demonstrieren. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg erzielte die AfD besonders gute Ergebnisse, wo viele Spätaussiedler leben. Zum Leidwesen organisierter Russlanddeutscher wird die Frage diskutiert, ob sie anfällig seien für rechte Gesinnungen. Die AfD scheint das zu glauben, ein Anrufer bat um einen Gesprächstermin bei der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Auch Kasper rief an, um zu fragen, ob man nicht zur Kundgebung vorm Rathaus kommen wolle.

Die Landsmannschaft hat ihren Sitz in einem einzigen kleinen Büro in der Königsworther Straße, der Raum ist gemietet vom Bund der Vertriebenen im selben Haus. „Der ganze Osten ist hier“, scherzt die Vorsitzende Marianna Neumann. Seit einiger Zeit muss sie regelmäßig erklären, dass Russlanddeutsche keine religiös-orthodoxen Menschen sind, die etwas gegen Flüchtlinge haben. Natürlich gebe es solche, aber bei den Kundgebungen war es so, dass von 23 000 Spätaussiedlern nur ein Häuflein da war. Neumann hat sich alles im Internet angesehen. Sie distanziert sich im Namen des Verbandes von den Treffen, lehnt Gespräche mit der AfD ab und folgte auch nicht Kaspers Einladung. Russlanddeutschen, sagt sie, gehe es um etwas anderes: „Unser Bestreben ist, unbemerkt zu leben. Wir wollen Deutsche unter Deutschen sein, deshalb sind wir auch keine normalen Ausländer und keine Migranten.“ Spätaussiedler seien Deutsche, die zurückkehrten in die Heimat ihrer Vorfahren.

Es ist ein Selbstverständnis, das viele, besonders die ältere Generation von Russlanddeutschen, aus ihrer persönlichen Geschichte ableiten. Marianna Neumann und Anna Welz, Sozialreferentin der Landsmannschaft, erzählen, wie sie lebten in Ländern, die für sie keine Heimat waren. In Sibirien und Kasachstan, wo sie leicht an ihren Namen als Menschen mit deutschen Vorfahren zu erkennen waren und ein Stempel im Pass ausdrücklich auf diese Herkunft hinwies. Weil sie Deutsch sprachen und deutsche Lieder sangen, galten Männer und Frauen mit deutschem Stammbaum in der Sowjetunion und später vielen als Nazis. Kinder lernten bis zur Einschulung kaum Russisch. Sie waren Fremde im eigenen Land. Bekamen Russlanddeutsche nach ihrer Aussiedlung Kinder, verzichteten sie sehr oft darauf, ihnen Russisch beizubringen. „Wir wollten ja nie wieder zurück und Deutsche sein“, sagt Marianna Neumann. Sie wollten sich einordnen, behielten aber ihre Tradition. „Wir sind Familienmenschen. Wir brauchen Musik und Tanz und Geselligkeit und alles, was dazu gehört. Aber unsere Kinder sind nicht mehr so wie wir.“

In den Jahren nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Weg für Russlanddeutsche in die Bundesrepublik frei. Zu Beginn der Neunzigerjahre war es Bundeskanzler Helmut Kohl, der Russlanddeutsche in die Bundesrepublik holte, so unermüdlich, dass der Spruch die Runde machte, als Deutscher gelte schon, wer einen Schäferhund in der Familie vorweisen könne. Heimatverbunden, traditionellen Werten verpflichtet mit starken religiösen Bindungen an christliche Kirchen, so stellten sich konservative Politiker Spätaussiedler vor. Hannovers Junge Union brachte derzeit in Erfahrung, dass Russlanddeutsche gerne deftig essen und lud die Einwanderer zu Begrüßungswurstessen in deren Siedlungen ein. Der Dank waren ungewöhnlich gute Wahlergebnisse in Vierteln, in denen für die Union vorher nicht viel zu holen war, etwa im Mühlenberger Canarisweg. Besonders unter Türken machte sich die CDU damit wenig Freunde, sie verstanden nicht, warum Spätaussiedler zügig und in großer Zahl nach Deutschland kommen konnten.

Alexander Demin, 29, ist Russlanddeutscher einer jüngeren Generation. Er wurde in Kasachstan geboren und folgte seinen Großeltern vor zehn Jahren nach Deutschland. „Ich wollte raus. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich ja jederzeit zurückgehen können.“ Demin spielt sehr gut Tischtennis, der Sport war sein bester Sprachkurs und Integrationshelfer. Den Verband von Frau Neumann mit den vielen Hilfsangeboten und Tanzabenden zum Muttertag und Erntedankfest kennt er nicht einmal.

Demin, der als Moderator und Veranstalter arbeitet, zählt zur Generation mitendrin. Er sagt: „Ich bin kein Russe und kein Deutscher.“ Ältere Spätaussiedler seien im Kopf im alten Land geblieben, sie guckten viel russisches Fernsehen, kämpften mit der deutschen Sprache und bewegten sich lieber unter sich. Und diejenigen, die halb so alt sind wie er? „Das sind gar keine Russen mehr.“

Daniel Neufeld ist mit 22 Jahren zwar noch etwas älter, aber der Maschinenbaustudent sagt von sich: „Meine Heimat ist Deutschland, etwas anderes kenne ich nicht.“ Er wurde in Hannover geboren, war noch nie in Kasachstan, und was er weiß, kennt er aus Erzählungen seiner Familie. Wer Daniel Neufeld fragt, ob er den Bezug zur Herkunft seiner Eltern verloren hat, dem antwortet er mit Ja. Vor Hänseleien in der Schule hat es ihn nicht bewahrt. „Russe“ haben sie manchmal zu ihm gesagt, und das sollte ausdrücklich eine Beleidigung sein, denn Russen gelten als Trinker. Neufelds Cousine hatte keine Lust mehr, schon an ihrem Namen als Russlanddeutsche erkannt zu werden. Sie heißt nun Annelie. Irina ließ sie amtlich streichen.

In diesen Gesprächen ist von rechten Gedanken und Flüchtlingsfeindlichkeit keine Rede. Der Maschinenbaustudent hat nichts mitbekommen von Wahlerfolgen der AfD. Alexander Demin dagegen kennt Leute, die vorm Rathaus dabei waren, als es gegen Flüchtlinge ging. „Angst um Jobs“, vermuteten er als Motiv, aber es ist mehr eine Frage als eine Antwort.

Vielleicht liegt Anna Welz, die Sozialreferentin, näher dran. „Eine Million Flüchtlinge, das macht Angst, wieder fremd zu sein. Sehr viele sind Muslime, und das könnte auch unser Leben verändern.“ Man dürfe nicht vergessen, dass Spätaussiedler oft aus Ländern kämen, in denen Muslime deutlich in der Mehrheit waren und man selbst um den eigenen christlichen Glauben habe kämpfen müssen. „Und wir wissen, wie sehr die Religion deren Leben prägt.“

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