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Aus der Stadt Spanier in Hannover verfolgen WM-Halbfinale mit geteilten Herzen
Hannover Aus der Stadt Spanier in Hannover verfolgen WM-Halbfinale mit geteilten Herzen
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21:13 06.07.2010
Ein Sieg der DFB-Elf wäre nur das Zweitschönste, was Juan Fargas Sanchis am Mittwoch passieren könnte. Quelle: Christian Burkert

Ob die Deutschen oder die Spanier siegen werden? Es gibt nun wirklich einfachere Fragen. Juan Fraga Sanchis schwenkt den Kaffee in seiner Tasse, so als müsste irgendwo auf dem Tassenboden die Antwort eingraviert sein. Deutschland oder Spanien. Beide sind sie sehr gut, sagt Sanchis, sie sind diszipliniert, nicht abgehoben. Wie der Pensionär da in Gedanken vertieft sinniert, scheint er nicht nur die Fußball-Nationalmannschaften zu meinen. Deutschland oder Spanien – das ist eine Frage, die Sanchis ein Leben lang begleitet.

So viel Zwiespalt überrascht, denn rein äußerlich macht Sanchis einen ausnehmend entschlossenen Eindruck: Rot-gelbes Trikot, rot-gelbes Tuch um die Schultern, rot-gelbe Bänder um die Handgelenke – ganz in spanische Farben gehüllt sitzt der Fußballfan in der Tapas-Bar „Rias Baixas 2“ im Ahrbergviertel. Fast jeden Tag kommt Sanchis hierher, trinkt seinen „café con leche“, trifft andere Spanier.

An diesen Tagen ist das aber nicht so einfach: Viele Plätze des rustikalen Spanier-Treffs bleiben leer, es ist Urlaubszeit. „Aber irgendwen trifft man hier immer“, sagt Sanchis. Über jüngst beschlossene Transfers in der spanischen Liga unterhalten sie sich dann, über die Aussichten der Spanier bei der WM, klar, aber schon bald kommen die Männer auf die tiefe Wirtschaftskrise zu sprechen, in der Spanien steckt. Sanchis kennt sie nicht nur aus der Zeitung. Seine 23-jährige Tochter lebt in Spanien, sie hangelt sich von einem Zeitvertrag zum nächsten. Vor wenigen Jahren ist sie von Hannover in die Atlantikstadt Finisterre gezogen, dem Herkunftsort ihrer Eltern. Die Freude, die sie ihrem Vater damit bereitet hat, ist getrübt.

Sanchis hätte sie lieber bei sich gehabt, hier in Hannover, sagt er, den Blick auf den Bildschirm seines Handys gesenkt. Es zeigt ein Foto von seiner Tochter. „Jetzt fahre ich also hin und her“, sagt Sanchis. Einige Monate im Jahr verbringt er in Linden, andere in Finisterre, in seinem Haus am Meer. Ein Haus, von dem Sanchis sagt, es sei ein großer Fehler. In den 35 Jahren, die er in der Polsterei des Stöckener VW-Werks gearbeitet hat, hat er immer etwas für den Bau jenes Hauses zur Seite gelegt. Weil er ja eines Tages Linden verlassen und zurück an den Atlantik gehen würde, dachte er. „Aber so einfach ist das nicht.“ Seine Frau, sein Sohn, seine Freunde – sie alle sind in Hannover. Seine Tochter, Erinnerungen an ein früheres Leben, die sind in Spanien. Deutschland oder Spanien? „Corazon partido“, sagt Sanchis und fasst sich an die Brust, „das Herz ist geteilt“.

Ein Schicksal, das eine ganze Generation von Auslandsspaniern teilt. Es ist die sogenannte erste Generation von Arbeitsmigranten – jene Frauen und Männer, die in den sechziger und frühen siebziger Jahren nach Deutschland, nach Hannover, nach Linden kamen, um bei Hanomag am Band zu stehen, bei Telefunken oder in der Fleischverarbeitung Ahrberg. „Schnell Geld verdienen und dann weg“, sagt Teodoro Calvo. Auf diese knappe Formel brachten die ersten spanischen Einwanderer ihre Lebensplanung. Calvo arbeitet ehrenamtlich im „Centro de Día“, einer von der Caritas geförderten Begegnungsstätte für ältere Spanier. Deren Sport-, Koch- oder Kegelgruppen sind gefragt, denn hier gebliebene Senioren machen mittlerweile den Großteil der rund 3600 Spanier in der Region Hannover aus. Calvo schätzt ihre Zahl auf 1200. „Solange die Leute arbeiten, geht es ihnen gut, sie sind nicht allein“, sagt Calvo, der 30 Jahre bei VW gearbeitet hat. „Mit der Rente kommt für viele aber auch die Einsamkeit.“

Mit einem recht dichten Geflecht von Kulturvereinen, Kirchengruppen und Tapas-Bars wissen sich die hannoverschen Galicier, Andalusier und Kastilier gegen jene Vereinsamung zu wappnen. Im „Rias Baixas 2“, das so etwas wie ein dicker Knotenpunkt in diesem Geflecht ist, überlegen sie in diesen Tagen, wie sie eine spanische Fußballmannschaft auf die Beine stellen. So wie früher, in den Achtzigern, als es gleich mehrere spanische Mannschaften beim SG Limmer gab. „Da hat man Anschluss an die ganze spanische Gemeinde gefunden“, sagt Ricardo L. „Die ganze Familie ist zu den Spielen mitgegangen“, schwärmt der heute 32-Jährige. „Das hatte was von Heimat.“

Das Gefühl von Heimat. Kaum sprechen die Spanier von ihm, entzieht es sich auch schon wieder. Die einen wähnen es auf dem Fußballplatz, so wie Sanchis und Ricardo L. Andere suchen die flüchtige Empfindung in den Ladenregalen von Joaquin Comesana. Der Gastronom und Einzelhändler verkauft spanische Lebensmittel. Spanier zählen nach wie vor zu seinen Stammkunden, eine ordentliche Paella will ja nicht mit Zutaten vom Discounter zubereitet sein. „Aber heutzutage kommen mehr Deutsche als Spanier in den Laden“, sagt Comesana. Sie fragen dann nach dem Serrano-Schinken, der auf Mallorca so gut geschmeckt hat, nach Gambas, Oliven und dem Rioja. Comesana kennt das heutige Spanien eigentlich auch nur als Urlaubsland. Als er 15 war, haben seine Eltern ihn zu sich nach Linden geholt, er zählt damit zur zweiten Einwanderergeneration.

Wenn in der Öffentlichkeit über Integration diskutiert wird, dann selten in Zusammenhang mit Spaniern. Das liegt zum einen daran, dass es gar nicht so viele Spanier gibt – in Hannover stellen sie nur die siebtgrößte Migrantengruppe, weit hinter Türken, Polen und Ukrainern. Zum anderen haben sie keine großen Probleme in Schule und Beruf. „In Sachen Schulerfolg liegen die jungen Spanier gut im Mittelfeld“, sagt Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut. In einer bundesweiten Schülerbefragung ermittelte der Sozialwissenschaftler vor zwei Jahren, dass rund 60 Prozent der damals befragten Neuntklässler das Abitur oder einen Realschulabschluss anstreben. Erfolgreicher seien nur Schüler mit asiatischen oder iranischen Eltern.

Mit Asiaten und Iranern kann die bunte DFB-Elf zwar nicht aufwarten, einen Spanier hat sie aber doch: Mario Gomez. Dass Gomez an der WM hauptsächlich im Sitzen teilnimmt, als Ersatzspieler, enttäuscht Sanchis ein wenig. Es wäre doch was Schönes, sagt er, wenn auch die Zuschauer in Spanien sehen könnten, dass ein Spanier für die deutsche Mannschaft spielt. Dass Spanier ein fester Bestandteil Deutschlands sind.

Aber auch wenn Gomez spielen sollte, Sanchis geht am Mittwoch ganz in Gelb-Rot aus dem Haus. Deutschland oder Spanien? Spanien, bis der Schiedsrichter abpfeift.

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