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Aus der Stadt „Sparprogramm ist lebenswichtig für die MHH“
Hannover Aus der Stadt „Sparprogramm ist lebenswichtig für die MHH“
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00:15 06.04.2013
Von Juliane Kaune
Christopher Baum gehört zu den weltweit renommierten Forschern der Zell- und Gentherapie im blutbildenden System. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Herr Baum, mit 50 Jahren sind Sie deutlich jünger als Ihr Vorgänger, der mit 75 als bundesweit ältester Hochschulchef in den Ruhestand gegangen ist. Er hat die MHH weit vorangebracht und ihr zu einer nationalen Spitzenstellung in der Forschung verholfen. Das sind große Fußstapfen...
Der Weg, den ich gehe, ist noch unbeschritten. Herr Prof. Dieter Bitter-Suermann hat als mein Amtsvorgänger die MHH in der Tat sehr weit nach vorn gebracht, und dafür bin ich ihm dankbar.

Sie übernehmen die MHH in wirtschaftlich extrem schwierigen Zeiten. 2012 lag das Defizit bei 20,9 Millionen Euro, auch für das laufende Jahr stehen rote Zahlen an. Wie lange kann das noch so weitergehen?
Man kann die MHH nicht in erster Linie über ihr Defizit beurteilen. Das sagt nichts aus über die Spitzenleistungen in Forschung, Lehre und Krankenversorgung, die hier tagtäglich erbracht werden. Die negative Bilanz ist kein rein hausgemachtes Problem der MHH. Fast ein Drittel der 33 im Verband der deutschen Universitätsklinika zusammengeschlossenen Häuser kalkulieren im laufenden Jahr mit roten Zahlen. Das liegt an einer nicht auskömmlichen Finanzierung durch die Kostenträger der Krankenversorgung.

Landauf, landab klagen Krankenhäuser über die mangelnde Finanzierung seitens der Krankenkassen. Der renommierte Gesundheitsökonom Prof. Matthias Graf von der Schulenburg sagt, die Kliniken müssten wirtschaftlicher arbeiten.
Er betrachtet die Durchschnittsmedizin. Die besonderen Leistungen, die Hochschulklinika wie die MHH erbringen, sind im Budgetsystem der Kassen nicht hinreichend abgebildet. Wir behandeln schwerstkranke Patienten und extrem komplizierte Fälle - unsere Medizin setzt dort an, wo andere Häuser nicht mehr weitermachen können. Auch medizinische Innovationen kosten mehr Geld als etablierte Therapien. Im Verbund mit mehreren Uni-Kliniken fordert die MHH schnellstmöglich einen sogenannten Systemzuschlag, der die besonderen Aufwendungen berücksichtigt. Eine weitere Ungerechtigkeit ergibt sich durch die Basispreise, die in Niedersachsen für eine Krankenhausbehandlung gezahlt werden. Stünde die MHH in Mainz, hätten wir bei derselben Leistung viele Millionen Euro mehr in der Kasse. Hier besteht akuter Handlungsbedarf.

Das sind Forderungen an die Politiker auf Bundes- und Landesebene. Was tut die MHH, um zu sparen?
Wir müssen finanzielle Handlungsspielräume zurückgewinnen - das ist lebenswichtig für die MHH. Darum hat das Präsidium in Absprache mit den 70 Abteilungen unseres Hauses ein Sparprogramm aufgelegt. Jede von ihnen soll die Kosten um fünf Prozent reduzieren. Ein solidarisches Rasenmäherprinzip sozusagen. Wir als Präsidium setzen zudem auf die Politik der vielen kleinen Projekte, manche bringen vielleicht nur fünf Euro Ersparnis ein, andere 5000. Durch die Größe der MHH macht das in der Summe schon einiges aus.

Es gab bereits Pläne, 170 Stellen zu streichen.
Wir prüfen jeden dieser Fälle, weil wir niemanden ungerecht behandeln wollen. Jede Abteilung muss dem Präsidium ein Personalkonzept vorlegen. Alle Sparmaßnahmen, die wir einleiten, sollen aber möglichst personalneutral ablaufen. Es gibt etwa Einsparpotenzial im Energie- und Raummanagement oder bei den Sachkosten. Auch durch einen zentralen Laborneubau für alle Kliniken, der 2014 fertig wird, lassen sich Prozesse erheblich verschlanken und Kosten reduzieren.

Stellenabbau schließen Sie also aus?
In Bereichen wie der Intensivmedizin oder dem Informationsmanagement werden wir das Personal sogar aufstocken müssen. Unsere Mitarbeiter leisten Erhebliches, sie machen viele unbezahlte Überstunden - es wäre falsch, mit Stellenstreichungen zusätzlichen Druck aufzubauen. Wichtig ist, dass die Moral stimmt. Das ist so, wie Bundestrainer Jogi Löw es vor dem Spiel gegen Kasachstan gesagt hat: Es kommt auf eine gute Einstellung und eine gute Aufstellung an.

Das klingt sehr optimistisch. Ihr Präsidiumskollege Holger Baumann hat bereits die Zahl der Ambulanzen zur Disposition gestellt. Er sprach auch davon, zwei Forschungsabteilungen zu schließen.
Alles kommt auf den Prüfstand. Aber es gibt aktuell keine Liste von Instituten oder anderen Einrichtungen, die abgewickelt werden sollen. Die Leistung an der MHH ist über die gesamte Breite der Abteilungen vorhanden.

In diesem Jahr läuft die Betriebsvereinbarung mit dem Personalrat aus, die Kündigungen bisher ausgeschlossen hat.
Hierzu kann ich ganz klar sagen: Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht vorgesehen.

Und was werden die Patienten von dem Sparprogramm spüren?
Nichts, am Krankenbett gibt es keine Veränderungen zum Negativen. Es wäre vollkommen verkehrt, hier Einschnitte vorzunehmen. Die MHH bietet höchste Qualität in der Krankenversorgung. Das gilt nicht nur für unsere anerkannten Schwerpunkte wie die Infektions- oder die Transplantationsmedizin. Das gilt für alle Bereiche, und das wird auch so bleiben.

Was reizt Sie eigentlich daran, Ihre Karriere als international anerkannter Wissenschaftler aufzugeben und auf den Präsidentensessel eines Großunternehmens wie der MHH zu wechseln?
Die Forschung in meinem Fachgebiet, der Zell- und Gentherapie, liegt mir sehr am Herzen. Mich interessieren aber auch die Prozesse hinter den Prozessen, die Strukturen eines professionellen Hochschulmanagements. Es ist eine große Herausforderung und Chance, die Perspektive zu wechseln und die Strukturen eines solch faszinierenden Hochschulstandorts wie der MHH mitgestalten zu können.

Noch vor fünf Jahren haben 7000 Beschäftigte an der MHH gearbeitet, inzwischen sind es rund 9500. Sind die Grenzen des Wachstums erreicht?
Das kann man bei einer Hochschulklinik nie sagen. Sie ist von Natur aus auf Wachstum ausgelegt. Die steigende Mitarbeiterzahl ist auch ein Indiz dafür, wie gut wir in der Forschung sind: Fast 1000 unserer Beschäftigten werden aus eingeworbenem Forschungsgeld finanziert. Es gibt einen hohen Innovationsdruck, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dafür müssen wir auch in finanziell schwierigen Zeiten weiter auf dem Campus investieren.

Was heißt das für die Patienten?
Eine unmittelbare Verbesserung wird der schon weit fortgeschrittene Ambulanzneubau für die Urologie und die Hautklinik bringen, den das Land finanziert. Die Hautklinik, teils noch in Linden ansässig, ist ab Sommer dann komplett an der MHH angesiedelt. Das Land trägt auch die Kosten für den 2014 geplanten Neubau der zentralen Notaufnahme, auf den wir seit Jahren dringend warten. Noch offen ist leider die Frage der Finanzierung eines Neubaus der Kinderklinik. Sie ist absolut nicht mehr zeitgemäß, dort muss schnellstens etwas passieren. Leider können wir unseren Patienten nicht ersparen, dass die MHH im laufenden Betrieb weiter eine Großbaustelle bleibt. Der Gebäudebestand aus den siebziger und achtziger Jahren muss saniert werden, das gilt für Krankenstationen ebenso wie für Operationssäle.

Allein 60 Millionen Euro zahlen Bund und Land für einen Forschungsbau, in dem MHH, Leibniz-Uni und Tierärztliche Hochschule an Implantaten forschen. Was bedeutet dieses Projekt für den Wissenschaftsstandort Hannover?
Das Niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung, kurz NIFE, ist europaweit beispielhaft. Dort werden unsere Mediziner mit Kollegen der TiHo, Ingenieuren, Chemikern und Physikern der Uni neuartige Implantate entwickeln. Es geht unter anderem darum, innovative Materialien zu erforschen, die helfen, Infektionen zu vermeiden - das gilt für den Herzschrittmacher ebenso wie für die Hüftprothese oder die Hörhilfe. Im NIFE wächst die seit Jahren bewährte Zusammenarbeit der drei hannoverschen Hochschulen auch räumlich zusammen - das hat Strahlkraft weit über die Region hinaus. Bestes Beispiel für eine gelungene Kooperation ist auch das Klinische Forschungszentrum, das wir mit dem hiesigen Fraunhofer Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung realisieren. In einigen Monaten beginnen in dem Neubau im Medical Park Studien mit freiwilligen Testpersonen. Ziel ist es, Medikamente mit bestmöglichem Know-how zu prüfen, um den Weg in den Markt sicher und effizient zu gestalten.

Ein Masterplan skizziert ein ganz neues Gesicht der MHH bis 2020. So soll sich das Entree komplett verändern, statt Parkdecks sind attraktive Klinikbauten vorgesehen. Wie weit sind die Pläne gediehen?
Wir arbeiten Schritt für Schritt daran. Auch alles, was jetzt entsteht, gehört ja schon zur „MHH 2.0“. Letztlich ist das natürlich immer eine Frage der Finanzierung. Die Abläufe des staatlichen Baumanagements entsprechen nicht immer unseren Vorstellungen. Da wären wir gern schneller.

Auch um diese Prozesse zu beschleunigen, wollte Ihr Amtsvorgänger die MHH zur Stiftung machen. Das ist am Widerstand in den eigenen Reihen gescheitert.
Eine Stiftung gäbe uns in der Tat mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Das bleibt für mich ein Thema, die Idee muss aber von den Beschäftigten mitgetragen werden. Auf lange Sicht ist eine selbstständige Stiftung besser, als in der Abhängigkeit eines Landesbetriebes zu bleiben. Behördliche Strukturen können Kraft rauben. Eine Stiftung setzt kreatives Potenzial frei, auch für die Gestaltung und den Aufbau neuer Arbeitsplätze.

Klinikärzte stöhnen über 60-Stunden-Wochen, auf dem platten Land fehlen Hausärzte. Ist der Arztberuf für den Nachwuchs überhaupt noch attraktiv?
Er ist hochattraktiv und bietet viele Berufsziele. Wir haben enorme Bewerberzahlen - auf jeden Studienplatz im Modellstudiengang Medizin kommen elf Bewerber. Gerade haben wir unseren Lehrstuhl für Allgemeinmedizin neu besetzt. Mit der Ärztekammer arbeiten wir daran, die Bedeutung allgemeinmedizinischer Studieninhalte zu stärken. In Planung sind auch neue Bachelor- und Masterstudiengänge in Fächern, die bisher nicht zum akademischen Lehrangebot gehörten. Dazu zählen Pflegemanagement, Hebammenwissenschaften oder Physiotherapie. Wir wollen die Lücke zwischen Ausbildungsberufen und klassischem Medizinstudium schließen und Kompetenz auf hohem fachlichem Niveau vermitteln.

Wo sehen Sie die MHH am Ende der Amtszeit im Jahr 2019?
Wir werden unsere nationale Spitzenstellung in den Bereichen Infektion und Immunität, Organ- und Stammzelltransplantation sowie Biomedizintechnik ausbauen, auch in Kooperation mit den Hochschulen und Forschungsstätten in Hannover. Die MHH muss mittelfristig auch auf dem internationalen Wissenschaftsparkett sichtbarer werden und noch mehr kluge Köpfe aus aller Welt anziehen. Das macht die ganze Stadt interessanter.

Interview: Juliane Kaune

Das ist Christopher Baum

  • Prof. Christopher Baum gehört zu den weltweit renommierten Forschern der Zell- und Gentherapie im blutbildenden System. Im Jahr 2000 kam der heute 50-Jährige an die MHH. Sieben Jahren hat er dort das Institut für Experimentelle Hämatologie geleitet, das zum Exzellenzprojekt „Rebirth“ gehört. Seit 2007 war er MHH-Forschungsdekan. Der in Marburg (Lahn) geborene Baum studierte zunächst Philosophie in Mainz, dann Medizin in Essen, Freiburg und Hamburg. Er promovierte 1991 am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo er im Anschluss auch arbeitete. 1999 habilitierte er sich im Fach Molekulare Medizin an der Uni Hamburg. Bis zu seinem Wechsel an die MHH war Baum am UKE wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Knochenmarktransplantation. In Hannover erhielt er zunächst eine Stiftungsprofessur für Stammzellbiologie, bevor er 2006 einen eigenen Lehrstuhl bekam und Institutsleiter wurde. Von 2003 bis 2009 war er zusätzlich zu seiner MHH-Professur in den USA am „Cincinnati Children’s Hospital Medical Center“ in Ohio tätig. An der MHH hatte Baum neben seiner Lehrtätigkeit vier Jahre auch die Funktion eines Ombudsmanns für gute wissenschaftliche Praxis inne. Für seine Forschungen wurde er 2011 mit dem Eva-Luise-Köhler-Forschungspreis für seltene Erkrankungen ausgezeichnet. Baum ist verheiratet und hat zwei Töchter, die beide studieren.
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