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Die ganz besonderen Spiele

Special Olympics Die ganz besonderen Spiele

Die Wettkämpfe der Special Olympics in Hannover haben begonnen. Rund 4800 Sportler aus ganz Deutschland treten bei den Special Olympics in 18 Disziplinen gegeneinander an. Es geht um Siege, Plätze und Emotionen.

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Special Olympics: Mit vollem Einsatz auf der Laufbahn.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Auf den letzten Metern schwimmt Justin Pirrazzo Richtung Steinstufen, auf die fetten stoischen Enten am Nordufer zu. Hinter ihm liegen 1000 Meter Strecke im glitzernden Maschsee. Er steigt aus dem Wasser, ein Helfer legt dem Jungen ein Handtuch um die Schultern, ein paar Zuschauer klatschen. „Super, Justin“ ruft ein Betreuer. Der Junge ist 15 Jahre alt, Förderschüler und gemeinsam mit beinahe 40 Sportlern und Betreuern aus Langenfeld im Rheinland nach Hannover gekommen. 1000 Meter Freiwasserschwimmen sind nicht seine Spezialität. „Anstrengend war das“, sagt er, noch atemlos. „An das kalte Wasser gewöhnt man sich, obwohl ich ja Warmduscher bin.“ Justin ist auch ein Typ, der gerne Witze macht. Unterwegs hat er reichlich Wasser in den Mund bekommen, Wasser aus Hannovers Haussee, Heimat auch von Karpfen und Enten, und jetzt ist er einer der wenigen Menschen, die wissen, wie es schmeckt. Justin zieht eine Grimasse. „Ekelhaft!“ Seine Zeit auf einen Kilometer? „Ist mir voll egal! Voll egal!“ Trotzdem: Finale am Donnerstag.

Bei sommerlichen Temperaturen haben die Teilnehmer der Special Olympics alles gegeben.

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Eine Stunde später kommt in ihrem Rennen Nicky Dana-Schulz ans Ziel. Eine tolle Schwimmerin, erzählt eine Betreuerin von den Diakoniewerkstätten bei Bad Kreuznach, aber weil andere dieses Mal Sekunden schneller waren, gab es auf den Bahnwettbewerben im nahen Stadionbad keinen Platz mehr für die 25-Jährige. Deshalb der Maschsee, das tun sich nicht so viele Sportler an. In ihrem Alltag lernt Dana-Schulz Hauswirtschaft. Sie macht in Gaststätten sauber, lernt zu reinigen und zu putzen. Aber heute ist das Finale über 1000 Meter im Freiwasserschwimmen. Und sie ist dabei.

Es ist nicht so, dass bei den Special Olympics Platzierungen und Zeiten keine Rolle spielen, dass es egal ist, ob man Erster oder Zweiter ist. Das sagt schon der Eid der Veranstaltung: „Lasst mich gewinnen! Doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben.“ Im Stadionbad konnte man erleben, dass dieser Eid lebt. Eine Schwimmerin hielt sich nach 35 von 50 Metern entkräftet an der Bahnmarkierung fest, ehe kräftige DLRG-Männer sie aus dem Wasser zogen.

Dienstag ist der erste Wettkampftag der Special Olymics rund um den Sportpark der HDI-Arena. In allen Disziplinen ging es darum, die Teilnehmer in Leistungsklassen einzustufen. Fußball wird gespielt, auf kleine Felder und kleine Tore, manche Spieler lassen den Ball gepflegt laufen, andere stehen im Tor. Die „Wohnanlage Pirminius“ tritt gegen die „Unterallgäuer Werkstätten“ an, irritierenderweise in nahezu identischen Trikots. Solche Namen aus dem kirchlichen und sozialen Umfeld sind kein Zufall, es sind die Orte, wo geistig behinderte Sportler einen Großteil ihres Lebens verbringen. Coole Jungs, die nicht spielen, liegen lässig im Schatten. In langen Schlangen stehen Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, um sich bei Helfern für Konkurrenzen zu registrieren. Vom Erika-Fisch-Stadion dringen Lautsprecherdurchsagen und Musik übers Gelände. Es ist ein Wettkampftag, aber es ist auch ein Tag mit dem Charme eines langen Sommerausfluges unter gleißender Sonne.

Lasst die Spiele beginnen: Mit einer Eröffnungsfeier in der TUI-Arena sind am Montagabend die Special Olympics eröffnet worden. 4700 Sportler mit geistiger Behinderung werden bis Freitag die nationalen Spiele in 17 Sportarten austragen.

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Ehe die Spiele am Morgen beginnen, erzählt der HNO-Arzt Alexander Indermark, wie es um die medizinische Versorgung vieler Sportler im Alltag bestellt ist. „Vieles liegt im Argen“, sagt er. Manche benötigten Hörgeräte, bessere Brillen und Schuhe in der richtigen Größe und passende Einlagen. Es gebe aber zu wenig spezialisierte Ärzte für Menschen mit Mehrfachbehinderungen, während Betroffene selbst ihr Anliegen oft nicht genau ausdrücken könnten. Das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes soll helfen, Mängel zu erkennen. Gestern wurde es eröffnet, auch Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, hielt seine Hand an eine Schere, die ein rotes Band durchschnitt. Hunderte Sportler ließen sich tagsüber checken. Das Ergebnis ist ein erster Schritt für weitere Behandlungen.

Zu diesem Zeitpunkt warten Jakob Sproll, 17, Tim Kollberg, zwölf, und Timo Stockhause, 14, auf ihre Wettkämpfe. Jakob begrüßt die Gäste von der Zeitung mit einer tiefen Verbeugung und zieht einen imaginären Hut, Tim springt einen Schritt vor und hält ein paar Finger an den Kopf. Sie sind aus Stuttgart gekommen, um beim Weitsprung und dem 75-Meter-Lauf anzutreten, Trainerin ist Natja Stockhause. Sie übt mit ihrem Schützling noch ein wenig Anlauf, langsam geht sie mit ihrem Schützling zurück und zählt die Schritte bis zum Absprung. „Der Wettkampf ist schon wichtig“, sagt sie, „gerade unter Gleichgesinnten, das motiviert. In der Schule war mein Sohn immer der Exot, hier ist er es nicht.“

Zum Thema Inklusion hat auch, ein paar Dutzend Meter weiter im Erika-Fisch-Stadion, Petra Baldus von der Lebenshilfe im Landkreis Altenkirchen etwas zu erzählen. „Das klappt nicht immer. Man kann einem Verein nicht sagen, hier habt ihr einen Behinderten, nun macht mal was.“ Oft hätten Klubs keine Leute, die sich um geistig behinderte Sportler kümmerten, „und ohne Leute geht nichts“. Mit im Team ist auch ihr 21 Jahre alter Sohn. Mathias läuft Halbmarathon, 21 Kilometer in einer Stunde und 40 Minuten, aber weil es diesen Wettbewerb in Hannover nicht gibt, stellt er sich heute am frühen Abend beim 10 000-Meter-Lauf an die Linie. 18 Uhr ist Start am Kröpcke, das wird sein Wettkampf.

Im Stadionbad ist es schwül, kaum auszuhalten. Lichte Architektur, geschwungene Linien, auf der Anzeigentafel leuchten Namen der Wettkämpfer über 50 Meter, die Tribünen sind voll. So muss Sport sein. Auf dem Startblock stehen Justin Luzyma und Hussein Chahrour von der Schwimm-AG der Wilhelm-Schade-Förderschule. Die Jungs legen los, oben schwenken Schüler und Lehrer mitgebrachte Fahnen. Mal feuern sie mit zwei Silben an: „Jus-tin, Jus-tin.“Mal mit drei: „Hu-sse-in, Hu-sse-in.“ Die andern gucken schon.

„Ich habe 
beide Welten
 hautnah erlebt“

Herr Mertesacker, auf der einen Seite die Glitzerwelt Profifußball, in der Sie seit Jahren leben, auf der anderen Seite die Welt der geistig Behinderten, die bei den Special Olympics an den Start gehen. Viel größer konnte der Unterschied wohl kaum sein …
Ja, aber diese beiden Welten sind für mich schon immer eng miteinander verbunden.

Warum?
Ich habe während meiner Anfangszeit als 96-Profi im Klinikum Warendorff meinen Zivildienst gemacht und diese beiden Welten hautnah erlebt. Da war zum einen der Fußballplatz, wo ich im Rampenlicht stand und die Leute Autogramme haben wollten. Auf der anderen Seite habe ich mich um Menschen gekümmert, die hinter verschlossenen Türen leben müssen, weil sie nicht mal alleine auf die Toilette gehen können. Das waren wichtige Erfahrungen und einschneidende Erlebnisse für mich.

Sie mussten also nicht lange überredet werden, um als „Gesicht der Spiele“ die Athleten zu unterstützen.
Ich war schon 2010 bei den Special Olympics in Bremen dabei. Und als klar war, dass die Wettbewerbe 2016 in Hannover ausgetragen werden, gab es für mich kein Zögern. So ein Ereignis mit so einer Plattform für Menschen mit geistiger Behinderung: Da bin ich natürlich dabei und helfe gerne, damit das Ereignis noch ein bisschen mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Dann machen Sie doch mal Werbung: Warum sollten sich die Hannoveraner die Wettkämpfe ansehen?
Weil man dort garantiert etwas Tolles zu sehen bekommt und etwas lernen wird. Das ist es, was mich immer wieder antreibt, mit diesen Athleten den Dialog zu suchen. Jeder, der zuschaut und unterstützt, würdigt damit auch die Leistungen der Behinderten, die sich hier so zeigen können, wie sie sind, ohne sich dafür schämen zu müssen.

Interview: Christian Purbs

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