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Aus der Stadt Mehr als nur Deutschunterricht
Hannover Aus der Stadt Mehr als nur Deutschunterricht
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00:17 22.10.2015
Von Saskia Döhner
„Was ist auf dem Bild?“: Lehrerin Alexandra Marsall bringt ihren Schülern die Grundbegriffe deutscher Sprache bei – damit sich alle willkommen fühlen, werden sie in neun Sprachen begrüßt. Quelle: Schaarschmidt
Hannover

Amin muss nicht lange überlegen, was auf dem Bild zu sehen ist, das Lehrerin Alexandra Marsall hochhält: „Eine Fitnessfrau“, sagt der 14-Jährige. Die Frau auf dem Bild liegt bäuchlings auf einer Liege und stemmt Gewichte. „Wie heißt das?“, fragt die Lehrerin und deutet auf die Gewichte. „Ich kenne das Wort nur auf Englisch“, sagt ein anderer Junge. „Dumb bells.“ Marsall schreibt den deutschen Begriff an die Tafel: „Hanteln.“

18 Kinder sitzen an diesem Vormittag in der Sprachlernklasse an der Herschelschule. Eigentlich liegt die Obergrenze bei 16 Schülern, aber angesichts der wachsenden Flüchtlingszahlen hat das Land den Wert auf 20 heraufgesetzt. Rund 300 Sprachlernklassen gibt es derzeit in Niedersachsen – so viele wie noch nie. Und der Bedarf wächst ständig weiter. Für eine Sprachlernklasse braucht man mindestens zehn Kinder ohne oder mit nur geringen Deutschkenntnissen an einer Schule. Und dann müssen auch die entsprechenden Räume und Speziallehrkräfte vorhanden sein.

Gemeinsamer Unterricht verschiedener Altersstufen 

Die Herschelschule in Vahrenwald war das erste Gymnasium in der Stadt Hannover, das überhaupt eine Sprachlernklasse hatte – und das bereits seit Februar 2014. Vorher hatten vorrangig Gesamtschulen Sprachlernklassen eingerichtet. Mittlerweile sind auch die Helene-Lange-Schule in Linden und das Kurt-Schwitters-Gymnasium (Misburg) hinzugekommen. Ziel ist es, den Kindern innerhalb eines Jahres so viel Deutsch zu vermitteln, dass sie am Regelunterricht teilnehmen können.

In Sprachlernklassen werden Kinder verschiedener Altersstufen gemeinsam unterrichtet – an den Grundschulen von Jahrgang 1 bis 4 und an den weiterführenden Schulen von Klasse 5 bis 10 jeweils zusammen. Da sitzt ein Zehnjähriger aus Saudi-Arabien neben einer 15-Jährigen aus dem Sudan und einem 13-Jährigen aus Afghanistan.

Irgendwie klappt es 

In der Sprachlernklasse von Alexandra Marsall, 46, und Dorothea Klatt, 27, sitzen Kinder, die schon seit einem halben Jahr Deutsch lernen, und solche, die erst vor ein paar Tagen dazugekommen sind. Und die Pädagoginnen müssen allen gerecht werden. Ein paar Kinder nehmen das Wörterbuch auf ihrem Handy zu Hilfe, als sie Adjektive auf ein Arbeitsblatt schreiben. Man improvisiert sich so durch. Und irgendwie klappt es.

Marsall, Klatt und ein Kollege, der in der Sprachlernklasse Mathematik unterrichtet, wollen jetzt einen Crashkurs Arabisch an der Volkshochschule belegen. „Es hat etwas mit Willkommenskultur zu tun, wenn man wenigstens das Notwendigste in der Heimatsprache der Flüchtlinge sagen kann“, findet Direktorin Ute Kamlah. Lehrer, die Türkisch, Polnisch oder Russisch beherrschen, hat sie in ihrem Kollegium schon. Arabisch spricht aber bislang niemand.

Ein Stück Lebenshilfe 

Beim Unterricht in der Sprachlernklasse lernen die Kinder mehr als nur Deutsch. Es ist auch ein Stück Lebenshilfe für Kinder, die oft Schreckliches erlebt haben, die bei lauten Geräuschen zusammenzucken oder vor Uniformen Angst haben. Das Tempo, in dem sie dennoch Deutsch lernen, ist beeindruckend. Viele können schon nach wenigen Monaten stundenweise am regulären Unterricht teilnehmen.

Fares, ein 15-jähriger Junge aus Syrien, der seit dem Frühjahr in Deutschland ist, hat Lehrerin Marsall neulich überrascht, als er sie nach weiblicher und männlicher Kadenz fragte. In der Deutschstunde hatten die Neuntklässler Gedichte interpretiert. Da wollte Fares mitreden können. Und natürlich hat er auch die Klassenarbeit zu dem Thema mitgeschrieben. Überhaupt seien die Kinder sehr wissbegierig, erzählen die Lehrerinnen: „Die wollen nicht nur eine Hausaufgabe, sondern drei oder vier.“

Großer Zusammenhalt in der Klasse 

Dorothea Klatt ist eigentlich Latein- und Spanischlehrerin: „Sprachen sind meine Leidenschaft“, sagt die junge Frau, die zuletzt in Spanien Erwachsenen Deutsch beigebracht hat. Auch Marsall unterrichtet Fremdsprachen (Französisch und Russisch). Der Zusammenhalt in der Sprachlernklasse sei hoch, sagt sie, obwohl die Kinder aus unterschiedlichen Ländern kommen und der Altersunterschied manchmal mehrere Jahre betrage: „Man ist fremd in einem unbekannten Land, das schweißt zusammen.“

Nach Landesangaben steigt die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, ungefähr jeder dritte landet in Hannover. Auch an der Herschelschule sind Kinder, die sich ohne ihre Eltern im neuen Land zurechtfinden müssen. Die meisten schaffen das aber. Rund 75 Prozent der Sprachlernschüler bleiben später an dem Gymnasium. „Toller Wert“, sagt Schulleiterin Kamlah.     

Konkrete Sprachhilfe

Integration läuft über Sprache: Für Elke Montanari sind Sprachlernklassen die didaktisch sinnvollste Maßnahme. Die Professorin hat an der Universität Hildesheim den Masterstudiengang „Deutsch als Zweitsprache“ mitentwickelt und bildet Lehrer in diesem Bereich fort. „In Sprachlernklassen mit einem qualifizierten Lernangebot können Schüler in ein bis zwei Jahren die deutsche Sprache so erwerben, dass sie sich zusammenhängend ausdrücken, begründen und erklären können und eine gute Grundlage für ihren Beruf haben“, sagt Montanari. „Das Lernen muss auch danach weitergehen, in der Schule oder am Ausbildungsplatz“, sagt Montanari. Pädagogen müssten für die Sprachförderung freigestellt werden. „Das kann nicht noch on top geleistet werden.“

700 Sprachlehrer gesucht: Das Land will erstmals Sprachlehrer fortlaufend einstellen, und nicht nur zum Schuljahres- oder Halbjahreswechsel. Referendare und Pensionäre sollen gezielt angesprochen werden.

Masterstudentin Katharina Melzner geht seit Kurzem mit einigen Kommilitonen ins Erstaufnahmelager im Norden Hildesheims, um den Flüchtlingen den Einstieg in den Alltag sprachlich zu erleichtern: „Uns geht es um konkrete Hilfe, ums Einkaufen, Kochen oder Fahrradreparieren.“ Landesweit gibt es 15 Sprachbildungszentren, die Schulen beraten sollen. In Hannover koordiniert Ina Baumann, Lehrerin vom Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium, seit diesem Sommer diese Arbeit. Und die Anfragen häufen sich. Die Bandbreite der Flüchtlingskinder sei sehr groß, sagt Baumann, es seien auch Schüler darunter, die noch gar nicht alphabetisiert seien oder lange keine Schule besucht hätten. dö     

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