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Aus der Stadt Sprengel-Kino feiert 25-jähriges Jubiläum
Hannover Aus der Stadt Sprengel-Kino feiert 25-jähriges Jubiläum
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21:19 22.05.2013
„Das Kino ist unabhängig und wird es bleiben“: Die alten 35-Millimeter-Projektoren sollen bleiben, im Herbst kommt neue Digitaltechnik dazu. Quelle: Surrey
Hannover

Viel hat Klaus Müller-Kilian für das Kino auf dem besetzten Sprengel-Gelände in der Nordstadt getan. Seit neun Jahren ist er nun tot - „und seitdem hängt ein Foto an der Wand im Kinosaal“, sagt Tanja Beck. Es soll an den Grünen-Politiker erinnern, der im Bezirksrat Nord immer ein offenes Ohr hatte. Für die Menschen im Stadtteil, aber ganz besonders für die Menschen auf dem Gelände der alten Schokoladenfabrik. „Müller-Kilian war immer gerne bei uns im Kino“, sagt Beck. „Sprengel muss bleiben“, hatte der Politiker einmal gesagt. Recht sollte der Kinofreund behalten.

Tanja Beck gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich seit Gründung des Kinos um Programm, Organisation und Vorführungen kümmern. Zwischen zwei und dreimal wird in der Woche gespielt. „Das Kino ist unabhängig und wird es auch bleiben“, sagt Beck. Entscheidungen werden im Kollektiv getroffen. Auch, wenn das zu Diskussionen führt. Planen und entscheiden in der Gemeinschaft - das ist der Weg der Kino- und Filmliebhaber.

Dieser Weg begann im Jahr 1988, unmittelbar nach der Besetzung des Sprengel-Geländes durch Punks und autonome Linke. Besetzer, Studenten und Filmfreunde gründeten die „Film und Video Cooperative“, einen gemeinnützigen Verein zur „Förderung kultureller und politischer Film- und Videoarbeit“. Mit einem Kurzfilmabend ging es in eine dreimonatige Spielzeit im sogenannten Themroc, einem Gebäudetrakt auf dem Gelände - spartanisch eingerichtet und mäßig ausgerüstet. „Sogar die hintere Fassade fehlte“, sagt Franz Isfort, ebenfalls seit Beginn dabei. Nach drei Monaten räumte die Stadt den improvisierten Kinosaal. Die lange Suche nach einem passenden Raum begann, immer im ständigen Konflikt mit Stadtverwaltung und Gegnern der Linken.

Im Jahr 1991 fand das Kinokollektiv in einem ehemaligen Werkstattraum in der von Punks und Autonomen besetzten Kofferfabrik einen geeigneten Ort und richtete dort einen Kinosaal ein. Europaletten wurden gestapelt, verkleidet und darauf die Bestuhlung montiert. Sach- und Geldspenden und die Initiative der Filmfreunde ermöglichten die Eröffnung des neuen Kinos im Oktober 1992. Das Land Niedersachsen förderte die Anschaffung von zwei 35-Millimeter-Filmprojektoren.

Noch zwei Jahre später berichtete die HAZ über die Schwierigkeiten des Kinos: „Viele Nordstädter vermuten auf dem Hof in der Schaufelder Straße offenbar eine Art Hauskino für die Bewohner des Sprengel-Geländes.“ Das Misstrauen gegenüber den Besetzern war groß. Dabei ist das Kino von Beginn an ein Kino für alle, die mehr als Hollywood-Filme sehen wollen. Wer sich in einen der tiefen Sessel im Kino fallen lässt, der weiß: Dort gibt es kein Popcorn-Kino zu sehen. Das ist schon immer so gewesen und wird sich so schnell auch nicht ändern. „Die Filme sind politisch, antifaschistisch und sollen sich immer an einer aktuellen Diskussion orientieren“, sagt Isfort. Mit dem Ende eines Films sei ein Abend im Sprengel nicht vorbei. „Wir wollen das Gesehene diskutieren.“ Entweder in den Sitzreihen und mit geladenenen Gästen oder mit einem Getränk an der Bar, die Teil des Saals ist. So funktioniert das Kino im Sprengel. Von Anfang an.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kinos haben ihre eigene Vorstellung davon, was im Sprengel laufen soll: Film solle kein Konsumartikel im Unterhaltungsbetrieb sein. Und auch nicht neueste Filmtechnik oder blinde Bejahung eines digitalen Fortschritts sein. So stand es in der Festschrift zum 20-jährigen Bestehen vor fünf Jahren. Sie liest sich wie ein Manifest und schließt mit einem düsteren Blick in die Zukunft eines Kinos, das sich um jede Art der finanziellen Förderung mühen muss. Und das hat bis heute an Aktualität nicht verloren.

„Wir werden nicht gefördert“, sagt Beck. Die Filmförderanstalt FFA hätte den Antrag auf einen Zuschuss zur Digitalisierung abgelehnt, erklärt Isfort. Und auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann habe bestätigt, dass das Kino im Sprengel trotz kultureller Bedeutung nicht förderungswürdig sei. „Weil wir zu wenig Umsatz machen“, sagt Isfort. Und so entpuppe sich die sogenannte Kulturförderung des Bundes als reine Wirtschaftsförderung. Die Digitalisierung des Films empfinden Isfort und Beck als „einen aufgezwungenen Schritt in die Abhängigkeit von großen Filmfirmen“. Ein 35-Millimeter-Film konnte seit 100 Jahren in jedem Kino der Welt abgespielt werden. „Damit ist nun Schluss“, sagt Isfort.

Dennoch fließt Geld in die Kasse des Kinos. Die künftige digitale Projektion im modernen DCP-Format wird von Nordmedia, der Mediengesellschaft und Filmförderung für Niedersachsen und Bremen, der Hannoverstiftung und dem Bezirksrat Nord gefördert. Vom Herbst an sollen ein Server und ein neuer Projektor neben der schon museal wirkenden aktuellen Ausrüstung aus den sechziger Jahren stehen. „Die alten Geräte werden aber stehen bleiben“, versichert Isfort. Es sei zu schade um die Filme, die noch im Archiv lagerten. Wie viele dort aufbewahrt werden, wissen die Betreiber nicht. „Mehrere Hundert sind es jedenfalls“, sagt Isfort. Darauf ist man stolz. Sie ließen sich nicht so einfach digitalisieren. Und im Kino im Sprengel finden gerade die alten, abseitigen Stücke ihren Weg auf die Leinwand. „Das ist der Grund, warum unsere Gäste kommen“, sagt Isfort. Das war schon immer so - und auch das wird sich nicht ändern.

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