Für die Familien und Freunde der getöteten Italiener war das Plädoyer des Staatsanwalts vielleicht ein kleiner Trost. Richard Räcker forderte am Freitag vor dem Landgericht Hannover, den mutmaßlichen Doppelmörder Holger B. zu lebenslanger Haft zu verurteilen – und das, obwohl er von einer verminderten Schuldfähigkeit des Angeklagten ausgeht. Er beantragte auch, die besondere Schwere der Tat festzustellen, dies würde eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ausschließen. Er habe keinen Zweifel daran, dass B. „zwei Menschen heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet hat“, begründete Räcker.
Der 43-jährige Frührentner hatte die beiden Italiener Giuseppe L. und Francesco S. am Morgen des 5. Juli in der „Columbus“-Bar am Steintor mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet. Vorangegangen war ein nichtiger Streit um WM-Fußballtitel. Der Streit war längst beigelegt, als der Angeklagte später mit einer Pistole in der Bar auftauchte. Ein Rechtsmediziner ging im Prozess davon aus, dass er Giuseppe L. die Waffe an die Stirn gehalten und abgedrückt hat. Francesco S., der noch um Gnade flehte, wurde mit Schüssen in den Kopf, in den Rücken und in ein Bein getötet. Der Staatsanwalt nannte B.s Vorgehen am Freitag „besonders brutal und gefühlskalt“.
B. habe in vollem Bewusstsein darüber gehandelt, dass seine Opfer arg- und wehrlos gewesen seien. Die Schüsse „kamen so zügig und überraschend, dass keinerlei Gegenwehr möglich war“. Der Ankläger geht davon aus, dass B. aus schlichter Verärgerung darüber gehandelt habe, dass er nicht recht hatte – und damit seine „frustrationsbedingte Aggressivität“ auslebte. Auch wenn der Angeklagte von Alkohol und Tabletten berauscht und somit vermindert schuldfähig war, das hatten die Gutachter am Donnerstag festgestellt, rechtfertigten die Umstände keine mildere Strafe.
Die beiden Nebenklage-Anwälte Tanja Brettschneider und Bastian Quilitz stellten in Abrede, dass Holger B. bei der Tat überhaupt vermindert schuldfähig gewesen ist. Dem entgegen stünden zahlreiche zielgerichtete und gesteuerte Handlungen, mit denen er die Tat und seine anschließende Flucht ausgeführt habe. Reue habe der Angeklagte dagegen während der gesamten Verhandlung nicht gezeigt, bemerkte Brettschneider: „Er ist nur bei sich selbst.“
Selbst bei den Aussagen der 18-jährigen Tochter von Giuseppe L., die am Freitag viele Zuschauer zu Tränen rührte, wirkte der Angeklagte unbewegt. Mit liebevollen Worten beschrieb die junge Frau den Vater, der als Koch in dem Lindener Restaurant „Mamma Raffaele“ gearbeitet hatte. Er sei ein immer lachender Mensch gewesen, ein Charmeur, ein schöner Mann mit einem schönen Gesicht. „Wenn er irgendwo reingekommen ist, haben alle geguckt“, sagte sie. Sie selbst habe eine enge Bindung zu dem 49-Jährigen gehabt, der in Hannover in seiner zweiten Frau „seine große Liebe“ gefunden und eine neue Familie gegründet habe, zu der auch sie und ihr Bruder gehörten.
Der Bruder des getöteten Francesco S. nannte den 47-jährigen Pizzabäcker des „Little Italy“ einen „Spaßvogel“, der viel gearbeitet habe. Im Mittelpunkt habe für ihn aber seine neunjährige Tochter gestanden, die sich jetzt in psychologischer Behandlung befindet. Ihrer Mutter habe das Mädchen vor einigen Tagen auf dem Spielplatz gesagt, sie wolle von einer Rutsche springen – damit sie zu ihrem Papa könne. „Für die neunjährige Marcella ist eine Welt zusammengebrochen.“
Am Dienstag will das Gericht sein Urteil verkünden.
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