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Aus der Stadt Stadt Hannover lässt 106 Bäume am Ihme-Ufer fällen
Hannover Aus der Stadt Stadt Hannover lässt 106 Bäume am Ihme-Ufer fällen
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22:28 16.11.2010
Unter Polizeischutz ließ die Stadt am Dienstag 106 Bäume fällen. Quelle: Christian Burkert

Als die Bagger am Dienstagmorgen noch vor Tagesanbruch anrücken, um im kleinen Park an der Glocksee 106 Bäume und andere Gehölze zu fällen, ist Christof Stein-Schneider längst zur Stelle. Eine gute Stunde zuvor, gegen 4 Uhr morgens, hatte sich der ehemalige Gitarrist der Rockband Fury in the Slaughterhouse gemeinsam mit knapp 20 weiteren Demonstranten auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks Glocksee postiert. Der Musiker hatte sich trotz der eisigen Temperaturen mitten auf der 1,7 Hektar großen Grünfläche zur Sitzblockade niedergelassen. Stundenlang harrt er dort aus, knapp 20 Mitstreiter verschanzen sich zum Teil in Baumkronen. „Wir sind Anwohner und wollen nicht, dass hier Bäume umgehauen werden“, erklärt Stein-Schneider seinen Protest.

Die Stadtverwaltung hatte sich intensiv darum bemüht, den Termin für den Beginn der Abholzungsaktion nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Erst am Tag zuvor hatte das Verwaltungsgericht die geplante Altlastensanierung für rechtmäßig erklärt, die bei Anwohnern und Naturschützern seit Monaten heftig umstritten ist. Trotz der Kürze der Zeit zwischen Gerichtsentscheid und Fällaktion hatte die Stadt den Einsatz im Morgengrauen geradezu generalstabsmäßig geplant. Bei ihren Abstimmungsgesprächen mit der Polizei sollen Mitarbeiter der zuständigen Bauverwaltung signalisiert haben, dass man mit massiven Protesten rechne. Deshalb sicherte die Bereitschaftspolizei das Areal bereits ab etwa 5 Uhr früh ab – doch da saßen die Demonstranten längst in den Bäumen.

Die „Bürgerinitiative gegen das Calenberger Loch“ hatte am Montagabend Wind von der geplanten Fällung bekommen und sofort reagiert. „Wir haben kurzfristig ein Plenum einberufen und überlegt, was wir unternehmen können“, berichtet am Morgen eine junge Frau, die sich Itchy nennt und in die Äste eines bedrohten Baumes geklettert war. Andere wie Dietmar Kroll behaupten mit Augenzwinkern, sie hätten „nur wegen der Naturverbundenheit“ eine Nacht im Baum verbringen wollen: „Als ich aufgewacht bin, war plötzlich das ganze Areal mit Zäunen umstellt – jetzt komme ich gar nicht mehr raus“, sagt er mit gespielter Verzweiflung. Anwohnerin Cordula Lüttke-Eichhorn, die den Bürgerprotest vor Jahren initiiert hatte, spaziert derweil zunächst unbehelligt mit einem Frühstückskorb über das Gelände. Sehr speziell gerät der Auftritt von Linken-Ratsherr Luk List: Erst kommt er zu spät, verschafft sich dann lautstark mit der Begründung Zutritt, als Ratsherr habe er eine Art Hausrecht, steigt dann auf einen Baum und lässt sich später von Polizisten heruntertragen. Von der Stadt gab es am Dienstag keinen Kommentar zu dem Vorgang.

Auf dem Gelände versucht unterdessen eine junge Polizistin vergeblich, für ein freiwilliges Aufgeben der Protestierer zu werben. „Hier geht es nicht um einen Schicki-Micki-Bahnhof“, sagt sie in Anspielung auf den aktuellen Konflikt in Stuttgart: „Hier geht es um Hochwasserschutz.“ Ausgerechnet dieser Hinweis aber bestärkt die Baumschützer nur noch in ihrer Skepsis – offiziell geht es bei dem aktuellen Bauabschnitt schließlich gar nicht um Hochwasserschutz, sondern um Altlastensanierung. Weil beides zwar politisch zusammenhängt, genehmigungsrechtlich aber getrennt behandelt wird, wittern die Aktivisten Mauscheleien. „Die Altlastensanierung dient der Stadt doch nur als Vorwand, um mit dem Abholzen der Bäume zum Hochwasserschutz beginnen zu können, der noch gar nicht genehmigt ist“, schimpft Initiativensprecher Thomas Ganskow vom Baum herab. Der Beginn der Altlastensanierung schaffe „irreversible Tatsachen“ und sei gar nicht nötig: „Jeder in Linden weiß doch seit Jahrzehnten, dass das alte Gaswerk Giftstoffe im Untergrund hinterlassen hat – es gibt keinen Grund, hier jetzt zu sanieren.“

Später am Tage wird die Stadt ihrerseits noch einmal klarstellen, dass sie erst seit den jüngsten Bodenproben genau über die Schadstoffbelastung Bescheid weiß und sich verpflichtet fühlt, derartig verseuchte Böden zu sanieren. Es handele sich um eine „schwerwiegende Altlast“, die „eine hohe Gefährdung für Ihme und Grundwasser beinhaltet“, wird Oberbürgermeister Stephan Weil dann erklären, zugleich aber auch nicht verschweigen, dass die ganze Sache erst durch die Beschäftigung mit der Hochwasserproblematik ins Rollen kam. „Das Hochwasser von 2003 hat uns gezeigt, wie groß das Risiko von Überschwemmungen ist“, wird er sagen, und dass die gesamte Thematik seit 2006 intensiv öffentlich diskutiert wurde und alle Beschlüsse „in einem breiten demokratischen Konsens gefällt“ worden seien.

Doch noch ist es dunkel an der Glocksee, die Protestierer sitzen auf Bäumen, die Polizisten stehen unten. Beide Seiten geben sich sichtbar Mühe, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen. Stadtbaurat Uwe Bodemann, der mit mehreren Mitarbeitern seiner Bauverwaltung von Anbeginn dabei ist, fordert jeden einzelnen Baumbesetzer höflich auf, das Gelände zu verlassen. Als die Bemühungen nicht fruchten, bittet er die Polizei wie geplant und ganz offiziell um Amtshilfe.

Beamte einer Hundertschaft sowie eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) gehen daraufhin gegen die Besetzer vor. In einigen Fällen gelingt es den Einsatzkräften noch, die Aktivisten durch Gespräche zur Aufgabe zu bewegen, sodass sie freiwillig von den Bäumen klettern. Vier Mal aber müssen vermummte SEK-Beamte in die Baumkronen zu den Protestlern steigen, seilen diese an und lassen sie auf den Boden herunter. Anschließend führen die Polizisten alle Demonstranten vom Gelände und nehmen deren Personalien auf.

Auch Itchy und Musiker Stein-Schneider werden abgeführt. „Es ist schon beeindruckend, wie viel Adrenalin in einen Körper strömen kann, wenn man nicht auf die Bühne geht, dafür aber plötzlich zehn Polizisten in voller Montur vor einem stehen“, sagt der Rockmusiker später. Die Stadtverwaltung verzichtet darauf, gegen die Gegner der Abholzung Strafanträge zu stellen – wegen der friedlichen Art, in der die Aktivisten ihre Meinung zum Ausdruck gebracht hätten, wie Oberbürgermeister Weil unterstreicht

Sofort nach dem Ende des Polizeieinsatzes gegen 8 Uhr bringen Bagger die ersten Bäume im Glocksee-Park zu Fall. Mit schwerem Gerät werden die überwiegend jahrzehntealten, kräftigen Stämme zu Boden gebracht, den gesamten Tag über kreischen Kettensägen und rumpeln Spezialbagger über die Grünfläche. Schon gegen Mittag liegen alle 75 Bäume und 31 weiteren Großgehölze vollständig am Boden. Voraussichtlich bis zum heutigen Abend werden das Zerkleinern und der Abtransport dauern – dann beginnen auf der Grünfläche zu Füßen des Ihme-Zentrums die Arbeiten an der Bodensanierung.

Protest geht weiter: Die „Bürgerinitiative gegen das Calenberger Loch“ hat angekündigt, ihren Protest gegen das Projekt auch weiterhin öffentlich zum Ausdruck bringen zu wollen. Am Freitag dieser Woche gibt es ab 16.30 Uhr vor dem Gelände eine bereits vom Ordnungsamt genehmigte Mahnwache.

Tobias Morchner / Conrad von Meding

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