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Aus der Stadt "Es geht um Druck auf den Investor"
Hannover Aus der Stadt "Es geht um Druck auf den Investor"
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00:16 12.06.2016
Von Conrad von Meding
Bald von der Stadt verlassen? Der Auszug der Stadtverwaltung aus dem Ihme-Zentrum soll geprüft werden. Quelle: Kleinschmidt
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Hannover

So voll war der Hodlersaal des Rathauses schon lange nicht mehr. In den Zuschauerreihen, auf weiteren herangeschleppten Stühlen und sogar in den Rängen im Obergeschoss saßen Wohnungseigentümer aus dem Ihme-Zentrum. Zum Teil hatten sie Transparente dabei. "Stadt weg = Licht aus" stand darauf zum Beispiel zu lesen. Sie alle hatten die HAZ-Berichte gelesen, wonach die Stadt jetzt zwar den Auszug ihrer gut 800 Büromitarbeiter aus dem Ihme-Zentrum vorbereitet, zugleich aber nach Einschätzung der städtischen Experten der Auszug quasi automatisch zu Verfall und Abriss der Großimmobilie führt. Dieser schriftlichen Analyse steht jetzt das Wort von Oberbürgermeister Stefan Schostok entgegen: "Vom Abriss des Ihme-Zenrums kann in Hannover nicht die Rede sein", versprach er den Besuchern und Kommunalpolitikern.

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Über den Dächern Hannovers.

Verschiedene Experten erklärten wort- und bildreich im Ausschuss, wie es zu der vertrackten Situation im Ihme-Zentrum gekommen ist, die jetzt zu einem ruinenhaften Zustand ohne Aussicht auf Besserung geführt hat. Kurios: Auch am Ende der Vorträge nach etwa einer Stunde war nicht klar, was die Stadt mit dem Auszug aus dem Ihme-Zentrum nun eigentlich bezweckt. "Vielleicht sollte die Verwaltung mal sagen, was ihre Intention ist", drängte schließlich SPD-Ratsfraktionschefin Christine Kastning. Auch Jens-Michael Emmelmann (CDU) wunderte sich: Noch bis in den Mai habe die Stadt stets in Verlautbarungen erklärt, dass sie in konstruktiven Gesprächen mit dm Investor sei - nun auf einmal rücke sie öffentlich von ihm ab.

Es war schließlich der Leiter des OB-Büros im Rathaus, der Jurist Herbert, der auf diese Nachfragen hin klarstellte: "Das Ziel ist, den Investor unter Druck zu setzen." Und er sagte später auch diesen Satz: "Möglicherweise ist es dieser Investor, der das Ihme-Zentrum voranbringt, möglicherweise aber auch der nächste." OB Schostok ergänzte: "Wir wollen den Investor zum Handeln zwingen", damit er umsetze, was er zugesagt habe. Bei den Verhandlungen nach der Zwangsversteigerung im Februar 2015 seien von der Berliner Intown-Ggruppe Investitonen in dreistelliger Millionenhöhe zugesagt worden. "Ich brauche, wenn ich ein Versprechen gebe, nicht 1,5 Jahre, um es umzusetzen", sagte Schostok. Es geht bei den Summen um nöige Reparaturen, aber auch um Verbesserungen im Ihme-Zentrum, dessen Gewerbebereiche in Teilen einer Ruine gleichen.

Torsten Jaskulski allerdings, der Verwalter des Ihme-Zentrums, formulierte unter Applaus der Besucher einen starken Appell, der dem Ansinnen der Stadtspitze zuwiderläuft: "Wir bitten, dass die Stadt im Ihme-Zentrum bleibt, dass sie uns nicht den Rücken kehrt." Er äußerte deutliche Kitik daran, dass die Stadt ihre Abrissszenarien öffentlich gemacht habe. "Sie haben die Wohnungseigentümer mit diesem Bericht faktisch wirtschaftlich enteignet, denn er könnte dazu führen, dass Banken Kredite kündigen." Im Namen der Eigentümer bitte er um mehr Transparenz: "Wir wollen die Informationen nicht aus der Zeitung erfahren, sondern im direkten Gespräch." Verwaltungsbeiratschef Jürgen Ooppermann betonte, dass die Wohnungseigentümer einer Revitalisierung nie im Wege gestanden hätten, sondern diese begleiten wollten.

Der Ratsausschuss stimmte schließlich nach zweistündiger Sitzung dem Vorhaben der Stadtspitze zu, den Investor mit der Auszugsdrohung unter Druck zu setzen und trotzdem bis Jahresende weiter nach Lösungen zu suchen. Der Bezirksrat Linden-Limmer vertagte seine Entscheidung auf nächste Woche. Abgelehnt gegen das Votum von CDU und Linken wurde ein Antrag, mit Initiativen wie der neu gegründeten Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum gemeinsam Perspektiven zu entwickeln und möglicherweise eine Stadtteilsanierung im Ihme-Zentrum vorzubereiten. Freya Markowis (Grüne) und SPD-Frau Kastning sagten, man sei ohnehin in Gesprächen miteinander.

Der Großinvestor kauft weiter ein

Am Geld liegt es wohl nicht, dass es im Ihme-Zentrum nicht vorangeht. Nach HAZ-Informationen hat die Intown-Gruppe gerade ein deutschlandweites Wohnungspaket für 43 Millionen Euro erworben. Die Firma mit Sitz in Berlin und Geldgebern vor allem aus Israel gehört zu den finanziell potentesten Fondsgesellschaften Europas.

Für das Ihme-Zentrum allerdings ist ihre Tochtergesellschaft Steglitzer Kreisel zuständig, gegründet für die Übernahme eines Bürokomplexes in Berlin. Die Sorge der Bewohner: Das Unternehmen, das für die insolventen Teile des Ihme-Zentrums 16,5 Millionen Euro bezahlt hatte, könnte vor allem Interesse haben, die Miete von Mietern wie Stadtwerke und Stadt (jährlich 6 Mio Euro) abzugreifen.

Intwon bestreitet das. Man habe langfristige Ziele im Ihme-Zentrum, heißt es dort. Mit der Umbauplanung wurde das hannoversche Architekturbüro Schulze und Partner beauftragt.

med     

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