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„Stadtlexikon Hannover“: In aller Kürze alles
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„Stadtlexikon Hannover“: In aller Kürze alles
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20:42 29.09.2009
Von Simon Benne
„Ich habe viel gelernt“: Waldemar R. Röhrbein bei der Arbeit am Lexikon. Quelle: Tobias Kleinschmidt

An der Wand, neben den Familienfotos, hängt ein Bild vom „Arbeitszimmer Seiner Höchstseligen Majestät des Königs von Hannover“. Im Regal stehen Standardwerke zur Stadtgeschichte. Einige davon hat Waldemar R. Röhrbein selbst geschrieben; in Hannovers Historie ist er bewandert wie kaum jemand sonst. Der langjährige Direktor des Historischen Museums sitzt daheim hinter seinem Schreibtisch. Vor ihm türmen sich Papiere und Bücher. Stapel aus Ordnern und Zeitungsausschnitten sind akut vom Einsturz bedroht. Ein kleines Schlachtfeld des Geistes. Historiker kämpfen ihre Schlachten gegen das Vergessen, und Röhrbein hat mit seinen Kollegen gerade einen glorreichen Sieg davongetragen.

„Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich unendlich viel gelernt“, sagt er. „Zum Beispiel, dass der Kaffee-Hag-Gründer Ludwig Roselius in Hannover begraben ist, auf dem Engesohder Friedhof.“ Mit „diesem Buch“ meint Röhrbein das „Stadtlexikon Hannover – Von den Anfängen bis in die Gegenwart“ das er gemeinsam mit dem früheren Leiter des Stadtarchivs Klaus Mlynek herausgegeben hat. Als „Herkulesarbeit“ preist Bürgermeister Stephan Weil das gestern präsentierte Buch. Und tatsächlich ist der Band das, was Wissenschaftler ein opus magnum nennen: Genau 2458 Artikel fassen auf 704 Seiten rund 800 Jahre Stadtgeschichte zusammen. Es geht um Politik und Religion, Bauwerke und Sport, Persönlichkeiten, Vereine und Parteien. „An ein solches Buch hat sich bislang keiner herangewagt – und inzwischen weiß ich auch, warum“, sagt Mlynek. „Von allen stadtgeschichtlichen Projekten, an denen ich beteiligt war, ist dies das anspruchsvollste.“

Das Lexikon, illustriert mit Bildern aus dem reichen Fundus des Historischen Museums, ist mehr als nur ein Nachschlagewerk – wer sich einmal festgeschmökert hat, schlägt es so schnell nicht wieder zu. Hier lässt sich nachlesen, dass die „Wülfeler Brotfabrik Georg Fiedeler“, eingetragen ins Handelsregister 1897, einer der ersten Betriebe im Reich war, der das Brotbacken mechanisierte. Oder dass der Begriff „Lüttje Lage“ etwas mit dem althochdeutschen „lagella“ (Krug, Flasche) zu tun hat. Oder dass der Ballhof Ballhof heißt, weil Herzog Georg Wilhelm ihn 1649 für Federballspiele anlegen ließ.Röhrbein und Mlynek, die Anfang der neunziger Jahre schon die große „Hannover-Chronik“ gemeinsam herausgegeben hatten, konnten für das Mammutprojekt ein gutes Dutzend Autoren gewinnen. Eine illustre Riege der versiertesten Historiker arbeitete seit 2005 an Artikeln über den „Zoo Hannover“ (eröffnet am 4. Mai 1865), über „Löns, Hermann“ (der nicht nur beliebter Autor des „Hannoverschen Anzeigers“ war, sondern 1896 auch kurzzeitig dessen Chefredakteur) oder über „Brahms, Johannes“. Man erfährt, dass der große Komponist den Winter 1853/54 in Hannover verbrachte. Dass Brahms einen Freund gefragt haben soll, wie er es nur für längere Zeit in Hannover aushalten könne, verschweigt das Buch. Wer ein Lexikon macht, muss Wichtiges von Unwichtigem trennen können.

Das Buch schließt Wissenslücken, die der große Wissenslückenschließer namens Internet wohl noch eine ganze Zeit lang offen lassen wird. „Online-Enzyklopädien wie Wikipedia waren bei der Recherche keine große Hilfe“, sagt Röhrbein. „Zu lokalen Themen bieten sie wenig und sind oft unpräzise.“ Allein mit rund 80 Firmen setzte sich der 74-Jährige in Verbindung, um Hannovers Wirtschaftsgeschichte zu erhellen – von der Holländischen Kakaostube bis zu VW Nutzfahrzeuge. „Manches ließ sich nicht im Telegrammstil zusammenfassen“, sagt er. Texte zu einigen Einträgen – den „Lemmata“, wie der Bildungsbürger sagt –, etwa zu „Stadtverfassung“ oder „Linden“ fallen daher fast wie kleine Essays aus. Dafür fehlen einige wichtige Persönlichkeiten: „Voraussetzung für ihre Aufnahme war es, dass sie verstorben sind“, sagt Röhrbein. Herbert Schmalstieg kommt also nicht vor. Mike Gehrke schon.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob der Artikel „Reformhaus Schmelz“ etwa so lang sein muss wie „Reformation“. Manches ist zu knapp gehalten, anderes zu ausführlich, und teils weisen Pfeilchen im Text auf ausführlichere Beschreibungen bei anderen Stichwörtern hin, die es dann gar nicht gibt. Dafür sind die Informationen höchst verlässlich. Und bei aller Seriosität gibt es Passagen, bei denen Lokalpatrioten das Herz aufgehen kann. Zum Beispiel bei einem Exkurs zu hannoverschen Begriffen und Redensarten („da nich für“). Wer bislang nur eine ungefähre Ahnung davon hatte, was „verposematuckeln“ bedeutet, kann dort noch einmal ganz begriffsscharf nachlesen, dass dieses Wort „verschleiern“, aber auch „umständlich erklären“ bedeutet. Mit „Pinnökel“ ist ein „Pinn“ gemeint. „Prokeln“ bedeutet in etwa „pulen“ oder „polken“, und unter „pütjern“ versteht man in Hannover das, was man anderswo „rumpusseln“ nennt.

Da verposematuckelt das Lexikon rein gar nix.

Das Lexikon, erschienen bei der Schlüterschen Verlagsgesellschaft, kostet 39,90 Euro. Am 2. November, 19.30 Uhr, präsentieren es die Autoren im Historischen Museum.

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