Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
„Der Frieden in der Nordstadt war unsere Verhandlungsmasse“

Stadtspaziergang „Der Frieden in der Nordstadt war unsere Verhandlungsmasse“

Autorin Ute Wieners hat vor 30 Jahren mit anderen Punks das Sprengelgelände in Hannover besetzt. Sie lebt noch immer auf dem Sprengelgelände und hat über ihre wilden Jahre jetzt ein Buch geschrieben.

Voriger Artikel
Die Partybilder vom Freitag auf dem Maschseefest
Nächster Artikel
Vahrenwalder Räuber bereut seine Taten unter Tränen

Sprengelgelände 2017: Ute Wieners, früher Punk und Hausbesetzerin, sucht jetzt eine normale Wohnung in der Nordstadt. Fotos: 

Quelle: Villegas

Hannover. Mit dem Blick von heute muss man sagen: Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich nicht genügend Leute gefunden hätten, um dieses kaputte Nordstädter Backsteinensemble im Handstreich einzukassieren und für besetzt zu erklären.

Quer durch Deutschland klappte das schließlich, auch in Hamburg, Hafenstraße. Praktisch nebenan.

Vor 30 Jahren hat Ute Wieners mit anderen Punks das Sprengelgelände besetzt und hat jetzt ein Buch über diese Zeit geschrieben. 

Zur Bildergalerie

Das Objekt in Hannover war die aufgegebene Schokoladenfabrik Sprengel. Halb abgewrackt, mit eingeworfenen Fensterscheiben, Schrott und Zäune lagen herum, zerfiel in Zeitlupe mitten im Stadtteil ein Industriekadaver. Pläne, nach einem Abriss Eigentumswohnungen zu bauen, scheiterten. Im Sommer 1987 gelang dann der Coup. Eine Gruppe junger Männer und Frauen besetzte die Restfabrik, richtete sich ein, bekam Zulauf und wollte nicht weichen. Bald prangte ein Transparent am Backstein. „Sprengel kommt, Hafen bleibt“, hieß es im apodiktischen Szenestil.

Hannover hatte eine Hausbesetzung. Die Stadt war in heller Aufregung, denn Hausbesetzungen, klar, waren eine illegale Sache.

„Meistens ziemlich wütend“

Ute Wieners war früh dabei. Eine Punkerin, Mitte 20, die aus Linden kam. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt sie mit stacheligen Haaren und einem Blick, der entschlossen wirken soll. Sie stammte aus einer armen Familie. Ihre Mutter arbeitete mitunter nachts im Zweitjob am Band, die Tochter lebte deshalb eine Zeit lang bei Pflegeeltern. Sie war niemand, der in Gesellschaft aufblühte, selten fühlte sie sich zugehörig. Ute Wieners beschreibt sich im Rückblick als chaotischen, schwer zugänglichen Menschen. „Ich war meistens ziemlich wütend und hatte viele Probleme mit mir selbst.“

30 Jahre nach diesem Sommer lebt sie immer noch auf dem Sprengelgelände. Ihre Einzimmerwohnung ist ein brauner Bauwagen, Toilette, Dusche und Küche liegen im Block gegenüber. Ute Wieners ist 55 Jahre alt, die blonden Haare sind lang und zu einem Zopf gebunden. Das Punkige ist lange gewichen, wenn sie von der Besetzung erzählt, ist nichts mehr zu spüren von dieser Wut, die sie in die Nordstadt zog. Wird es ihr heute zu laut auf dem Gelände, soll wieder irgendetwas unbedingt ausdiskutiert werden in großer Runde, dann flüchtet sie lieber in ihren Kleingarten. Dort findet sie Ruhe.

Bei einem Gang über das einst umkämpfte Grundstück erinnert sich Ute Wieners an die Anfänge. Weil sie im Buch über Sprengel geschrieben hat, kam ihr zuletzt vieles wieder in den Sinn. Zum Beispiel der Grund, die Fabrik zu besetzen: „Wir kämpften gegen die Sanierungspolitik und gegen Armut, und wir wollten dem Konkurrenz- und Entindividualisierungstrend entgegen leben.“ Das hört sich nach gesellschaftspolitischem Überbau an, war aber vielleicht auch dies: der Wunsch, Gemeinschaft zu finden.

Wo heute sanierter Altbau einen soliden Eindruck macht mit sauberen Klinkern, weißen Fensterrahmen, vorgeständerten Balkonen und kleinem Park, lernten Besetzer im Sommer 1987, wie man Fensterscheiben einsetzt, es war ja alles zertrümmert. Ute Wieners kam da eine Tischlerlehre zugute und dieses Praktische, die Arbeit am solidarischen Projekt, das lag ihr mehr als das Studium der Sozialwissenschaften, das sie früh abbrach. Hinter Wänden, die heute zugemauert und verputzt sind, traf frau sich im Frauen-Café. „Ich war lange nicht mehr hier“, sagt Ute Wieners, obwohl alles keine 50 Meter vom Bauwagen entfernt ist. Wo das Sprengelkino liegt und ein Weg nach dem damaligen Vermittler und Grünen-Ratsherr Klaus Müller-Kilian benannt ist, wirkt es heute weniger idyllisch. Ein wenig heruntergewohnt, mit kämpferischen Sprüchen an Hauswänden.

Zu Beginn der Aktion stritten die Besetzer mit der Stadt um jeden Block. Mitteltrakt, Kofferfabrik, Kesselhaus, Turnhalle, Bürgerschule. Die Lösungsvorschläge in Sachen Sprengel waren sehr unterschiedlich. Aus der CDU war zu hören, man müsste da „mal eine Hundertschaft reinschicken“. Die SPD schwankte, was zu tun ist, die Grünen waren tendenziell solidarisch. Oberstadtdirektor Hinrich Lehmann-Grube, SPD, wollte keine „rechtsfreien Räume“, und im Rathaus war zu hören, wie ungern der konservative Sozialdemokrat mit diesen frechen, lauten und fordernden Typen verhandeln mochte und es lange Zeit doch musste. Gesandte mit bunten Haaren saßen gescheitelten Männern mit Karrieren gegenüber, da prallten tatsächlich Welten aufeinander. Die Provokateure, das waren immer die anderen.

Auf der Sprengelseite dabei: Ute Wieners. Und durchaus mit Bereitschaft zur Gewalt, Wut und Gewalt, das passt zusammen. Als es sich eines Tages zuspitzte und in scheinbar letzter Runde darum ging, ob Wasserwerfer kommen oder Verträge unterschrieben würden, da half sie mit. Arbeitsgruppe Barrikadenplanung. Der Plan war: Widerstand. Besetzer füllten Molotowcocktails, schmiedeten Krähenfüße, Fenster wurden zugemauert, damit die, natürlich, „Bullen“ nicht aufs Gelände konnten. Ute Wieners sah die Sache sehr nüchtern, sehr strategisch in jener Zeit, sie hat es so in ihr Buch geschrieben: „Der Frieden in der Nordstadt war unsere Verhandlungsmasse.“

Wobei Frieden Definitionssache war. Kein Krieg hieß nicht: Frieden. Anwohner waren über Jahre schwer genervt vom Lärm, den Besetzer und Besucher brachten. Immer wieder brannte es, vorm Penny bettelten Punks, Nachbarn wurden angepöbelt. Sirenen heulten durchs Viertel. Unvergessen bleiben die Chaos-Tage.

Das Spektrum unter den Besetzern war vielfältig. Irgendwie links waren alle, aber das reichte den Orthodoxen nicht. Und wer sich allein auf dem rechten Weg sieht, neigt zu Intoleranz im Alltag und natürlich im Plenum, wo alles besprochen werden musste. Anti-Imperialisten mischten mit, Anarchisten, Spontis, Autonome, Stalinisten, Normalos, Feministinnen, Punks. Sprengel zog Menschen an, die sich nicht integrieren wollten, die behauptetes Linkssein nutzten, um ihren Narzissmus auszuleben. So sah dann manches Klo aus, wenn Putzen gerade wieder irgendwie nicht angesagt war. Ute Wieners erlebte Sexismus und Beziehungsstress und Hass untereinander. Und immer wieder musste diese eine Frage diskutiert werden: Wie weit reicht der Kampf? Genügt Hannover oder muss die ganze Welt befreit werden, und was davon gehört aufs Flugblatt?

„Männerdominierte Strukturen“

Zur Erinnerung gehören auch zwiespältige Erfahrungen an die Zeit der Besetzung. „Teils war das sehr solidarisch, teils einfach zu viel“, sagt sie vor ihrem Bauwagen. Zu viel waren die ewigen Diskussionen, verletzend oft, „alltägliche Kämpfe in männerdominierten Strukturen“, schreibt sie in ihrem Buch. Was brachte die Besetzung? Sie glaubt, dass die Nordstädter toleranter geworden sind nach drei Jahrzehnten mit Sprengel. Da müsste man noch mal die Nordstädter fragen. Hausbesetzungen findet sie weiterhin in Ordnung, nur von quälenden Diskussionsrunden rät sie ab, „das waren Zirkel des Psychoterrors“.

Ute Wieners will jetzt weg vom Sprengelgelände, sie sucht eine Wohnung in der Nordstadt. Nach Zeiten der Arbeitslosigkeit hat sie eine Teilzeitstelle als Hausmeisterin in einem Alternheim gefunden und stockt ihr Gehalt mit Hartz IV auf. Aber weg von Sprengel, geht das, nach all dem Kampf? Ist Sprengel nicht ihr Lebensthema? „Nee“, sagt sie leise und nach einem Moment des Nachdenkens, „ist es eigentlich nicht mehr.“

„Sprengel für alle“: Ute Wieners’ Buch ist im Verlag Arbeitskreis Regionalgeschichte erschienen. Am 19. August um 16.30 Uhr liest sie daraus im UJZ Kornstraße.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Anfang Juli heiratete Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva. Auf unserer Themenseite finden Sie Bilder, Videos und Berichte zur Promi-Hochzeit des Jahres in Hannover.

Easyjet-Flugzeug muss in Hannover notlanden

Auf dem Weg von Kopenhagen nach Genf musste eine Easyjet-Maschine in Hannover notlanden. Der Pilot hatte Rauch im Cockpit bemerkt.