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„Schade, dass der traditionsreiche alte Klagesmarkt so verbaut wurde“

Stadtspaziergang mit Historiker Michael Pechel „Schade, dass der traditionsreiche alte Klagesmarkt so verbaut wurde“

Der 67-Jährige Michael Pechel gilt als Experte für Hannovers Arbeiterbewegung. Auf unserem Stadtspaziergang zeigt er uns die Stätten der Arbeiterbewegung in Hannover

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„Feudaler, neubarocker Bau“: SPD und Gewerkschaften kauften das Grundstück, auf dem heute der Tiedthof steht, über Strohmänner. 

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Er lässt seinen Blick über den Platz schweifen. Der Kinderspielplatz, die Neubauten. Als Historiker sieht er aber nicht nur, was ist, sondern auch, was war.

Vor seinem geistigen Auge erstehen die vielen Feiern zum 1. Mai, die hier einst über die Bühne gingen: „Schade, dass der traditionsreiche alte Klagesmarkt so verbaut wurde“, sagt Michael Pechel.

Stadtrundgang: Treffen mit Historiker Michael Pechel, er führt zu den Stätten der Arbeiterbewegung in Hannover.

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Der 67-Jährige ist Experte für Hannovers Arbeiterbewegung, deren Herz einst in diesem Teil der Stadt schlug. Noch am 19. Februar 1933, Wochen nach Hitlers Machtübernahme, versammelten sich am Klagesmarkt 45 000 Demonstranten der linken Eisernen Front, um beim Marsch durch die bürgerliche Südstadt unter dem Motto „Zeigt der Reaktion, dass Hannover rot bleibt“ den Nazis Paroli zu bieten.

Historischer Ort Klagesmarkt

Pechel steht vorm IG-Metall-Sitz, unterm Arm ein historischer Stadtplan, und deutet hinüber auf die andere Seite des Klagesmarktes: „Dort drüben war in den Zwanzigern die Zentrale der KPD“, sagt er. Einer ihrer Funktionäre, Berthold Karwahne, brachte 1926 das Kunststück fertig, wegen linksradikaler Umtriebe aus der Partei geworfen zu werden. Dafür machte er später in der NSDAP Karriere: „Er wurde der Vorzeigearbeiter der Nazis.“

Pechel kann viele solcher Geschichten erzählen. „Die NS-Zeit hat mich schon als Schüler beschäftigt“, sagt er. Als 16-Jähriger störte er in Hessen mit einem „Go-in“ eine NPD-Veranstaltung. Das war 1966. Immer wieder hat sich der freiberufliche Historiker seither mit diesem düsteren Kapitel unserer Vergangenheit beschäftigt; unter anderem hat er die Internetseite www.zukunft-heisst-erinnern.de mit einem Online-Stadtrundgang zu Orten der NS-Geschichte erarbeitet. Darin kommt auch das ehemalige Gewerkschaftshaus vor. Also, auf zum ehemaligen Gewerkschaftshaus.

Über Strohmänner mussten SPD und Gewerkschaften 1909 das Grundstück kaufen, auf dem dann der spätere Tiedthof an der Goseriede entstand: „Ein feudaler, neubarocker Bau, geschaffen von der Arbeiterbewegung“, sagt Pechel: „Das zeigt, wie mächtig diese war - und wie angepasst.“ Finanziert wurde der Bau unter anderem durch eine Zwangsabgabe, die Gewerkschaftsmitglieder entrichten mussten: „4 Mark für Männer, 2 Mark für Frauen.“

Ein ganzer Block wurde hier gebaut, in dem etliche Arbeiterorganisationen untergebracht waren, ebenso wie die Druckerei des SPD-Blattes „Volkswille“ und eine Herberge für durchreisende Arbeiter. „Die SPD bezog 1924 die Räume in der Odeonstraße, in denen sie noch heute sitzt“, sagt Pechel. Bei der Novemberrevolution 1918 formierte sich im Gewerkschaftshaus auch ein Arbeiter- und Soldatenrat: „Mit einer Revolution hatte das aber nicht viel zu tun - es ging eher um die Aufrechterhaltung der Ordnung“, sagt Pechel. „Hannover war immer eine Hochburg der rechten SPD.“

Berühmtes Kind der Südstadt

Der Weg führt nun hinüber zum 1953 errichteten DGB-Hochhaus an der früheren Josephstraße, die heute nach dem legendären IG-Metall-Vorsitzenden Otto Brenner benannt ist. „Ein berühmtes Kind der Südstadt“, wie Pechel sagt. „Brenner hat sich aus kleinsten Verhältnissen hochgearbeitet, war diszipliniert, arbeitsam - und als Abstinenzler war er gegen Alkohol und Zigaretten.“

Mit Respekt spricht Pechel über Brenner. Dieser habe vor 1933 versucht, eine Volksfront aller Arbeiterparteien gegen Hitler zu bilden - vergeblich. „Hitler hätte sich verhindern lassen, wenn die Arbeiter offensiver gewesen wären und wenn Kommunisten und Sozialdemokraten gegen die Nazis rechtzeitig gemeinsame Sache gemacht hätten“, sagt Pechel. Er blickt mit Sympathie auf den Kampf der Arbeiter um ihre Rechte. Aber unkritisch ist er dabei nicht - besonders, wenn es um ihre Rolle am Ende der Weimarer Republik geht: „An dieser Stelle“, sagt er nüchtern, „ist die Arbeiterbewegung gescheitert.“

Info: Am Klagesmarkt wird am morgigen Dienstag um 16 Uhr eine Informationstafel zur Arbeiterbewegung enthüllt. Anschließend beginnt dort ein Stadtrundgang mit Michael Pechel. Anmeldungen sind unter der Telefonnummer (05 11) 1 63 87 03 möglich.

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