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Wo leben die Flüchtlinge wirklich?

Serie "Gut angekommen?" Wo leben die Flüchtlinge wirklich?

Turnhallen und Container statt Wohnungen: Der knappe Wohnraum für Flüchtlinge und die Langeweile im fremden Land werden zur Herausforderung für Betreuer.

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„Alle Deutschkurse sind ausgebucht“: Viele Flüchtlinge, hier Bewohner des Flüchtlingswohnheims an der Hildesheimer Straße, wollen als Erstes Deutsch lernen.

Quelle: Surrey

Hannover . Die ersten Tage nach der Ankunft in Hannover sind zäh. Etliche Behördengänge müssen die Flüchtlinge erledigen. Formulare ausfüllen, Ausweise vorlegen, Rede und Antwort stehen – so weit das ohne Deutschkenntnisse überhaupt möglich ist. „Wer das Pech hat und an einem Freitag ankommt, steht vor Problemen“, sagt eine erfahrene Sozialarbeiterin, die in einem hannoverschen Flüchtlingsheim arbeitet. Das Sozialamt schließe früh, sodass die oft mittellosen Neuankömmlinge ein Wochenende ohne Geld überstehen müssen. „Häufig springen Anwohner ein, spenden Geld, sodass sich die Menschen etwas zu essen kaufen können.“

2665 Flüchtlinge leben aktuell in städtischen Unterkünften. Die meisten in Wohnheimen (1032) und in Notunterkünften (1018). Nur für 447 Menschen hat die Stadt bisher Wohnungen anmieten können. Ein Missverhältnis angesichts der Standards für Flüchtlingsunterbringung, die der Rat vor ein paar Jahren formuliert hat. Eigentlich sollten Asylsuchende jeweils zu einem Drittel in Wohnungen, Gemeinschaftsunterkünften und Wohnprojekten (eine Art betreute Wohngemeinschaft) leben. Doch immer mehr Flüchtlinge suchen Schutz vor Krieg, Hunger und Armut. Zudem sind Wohnungen in Hannover knapp und teuer.

Gerade im Bereich der preisgünstigen kleinen und der großen, familientauglichen Wohnungen ist der Wohnungsmarkt also angespannt. Für die Stadt wird es immer schwieriger, Wohnungen für Flüchtlinge anzumieten. Daher bleiben Asylsuchende länger als geplant in Gemeinschaftswohnheimen, und auch hier verabschiedet sich die Stadt vom Standard. Eigentlich sollten sich Flüchtlinge nicht länger als ein Jahr in Wohnheimen aufhalten. „Dieser Wunsch hat mit der Realität nichts mehr zu tun“, sagt eine Sozialarbeiterin. Mehrere Jahre verbrächten manche in Wohnheimen.

Nachgefragt

Interview mit Stefan Schostock, Oberbürgermeister Hannover
Herr Schostok, erneut müssen Flüchtlinge in einer Turnhalle untergebracht werden. Bei den Sportvereinen regt sich Unmut. Wann können Sportler und Schüler in ihren Hallen wieder trainieren?
Leider stehen uns die beschlossenen, geplanten und zum Teil im Bau befindlichen Unterkünfte noch nicht zur Verfügung. Dass wir eine Schulsporthalle erneut für eine Notunterbringung während einer Übergangszeit verwenden müssen, verdeutlicht unsere Lage. Wir bemühen uns, so weit wie möglich Alternativangebote für Schulsport oder Vereinssport zu finden. Das ist für Schulen und Vereine nicht einfach. Wir hoffen sehr, dass sich die Situation entspannt, wenn ab Herbst die geplanten Modulbauten nach und nach zur Verfügung stehen. Auch zwei weitere von der GBH errichtete Gebäude werden ab Herbst zur Verfügung stehen.
Das Leben im Wohncontainer kann aber auch nur eine Übergangslösung sein. Letztlich ersetzt ein Provisorium das andere. Wie sieht eine nachhaltige Lösung aus?
Natürlich ist auch das Leben in solchen Wohneinheiten keine Dauerlösung. Immerhin bieten sie ein kleines Stück privaten Raum. Diejenigen, die anerkannt werden und hierbleiben, müssen dann mit unserer Hilfe Schritt für Schritt integriert werden. Das Ziel muss es sein, dass sie bald auf eigenen Füßen stehen, auch eine Wohnung finden. Wir hoffen da auch auf schnellere Verfahren bei der Bearbeitung der Asylanträge, damit Flüchtlinge schneller Klarheit haben, ob sie Asyl beanspruchen können oder nicht.
Um Flüchtlingen Wohnungen anbieten zu können, müssen auch genügend Wohnungen zur Verfügung stehen. Doch der Wohnungsmarkt ist angespannt. Wie will die Stadt Platz schaffen?
Wir haben kurzfristig einen Bedarf zu decken bei der Unterbringung von Flüchtlingen und Asylbewerbern. Das beschäftigt uns zurzeit intensiv. Parallel läuft aber auch unser Programm für den Wohnungsneubau mit einem Schwerpunkt, gerade auch preiswerten Wohnraum zu schaffen. Da geht es natürlich nicht nur um Flüchtlinge, genauso um Jüngere, Studierende, auch Familien und Ältere. Wir sind eine wachsende Stadt. Über 800 neue Wohnungen jährlich zu schaffen ist unser Ziel.
Interview: Andreas Schinkel

Das liegt auch daran, dass sich manche Asylverfahren lange hinziehen. Während geflüchtete Syrer meist nach wenigen Monaten einen genehmigten Asylantrag in den Händen halten, müssen Sudanesen manchmal mehrere Jahre auf eine Entscheidung warten. Hauptherkunftsland der Flüchtlinge in Hannover ist derzeit Ghana. Doch der bitterarme Staat gilt als „sicheres Herkunftsland“, sodass Ghanaer kaum Chancen auf Anerkennung ihres Asylgesuchs haben. Bundesweit hätten in diesem Jahr nur 2,1 Prozent der Flüchtlinge aus Ghana Asyl bekommen, teilt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf Nachfrage mit. Trotzdem brauchen die Menschen ein Dach über dem Kopf, solange ihr Verfahren läuft.
Weil Wohnheime voll und Wohnungen kaum zu vermitteln sind, behilft sich die Stadt mit Notquartieren. Dazu zählt die Massenunterkunft im ehemaligen Oststadtkrankenhaus, in dem jetzt 650 Menschen leben.

Oder das ehemalige Schulzentrum Ahlem mit seinen 300 Bewohnern. Zu den Notunterkünften zählen auch Sporthallen – vier davon sind derzeit mit Flüchtlingen belegt. Sozialarbeiter halten diese Form der Unterbringung für eine der schlechtesten Lösungen. „Es gibt keine Privatsphäre, keinen Rückzugsraum“, sagt eine Betreuerin. Dann sind da noch Wohncontainer, die ab September in großer Zahl aufgestellt werden sollen, um die Sporthallen zu entlasten. Die Unterkünfte im Schuhschachtel-Format sind gut ausgestattet und gelten bei Sozialarbeitern als brauchbares Quartier.

Die Phase der Notunterkünfte und Container indes soll nur eine des Übergangs sein, hofft man bei der Stadt. Im Rathaus geht man davon aus, dass die Zahl der Flüchtlinge bald wieder sinkt, wenn die Abschiebeverfahren für Asylbewerber aus sicheren Herkunftsländern beschleunigt sind. Dann, so das Ziel, soll es möglichst Wohnungen für alle Flüchtlinge geben.

Vereine weichen auf andere Hallen aus

Mehrere Sportvereine müssen jetzt auf die Turnhalle der Grundschule Kastanienhof verzichten, weil die Stadt dort rund 30 Flüchtlinge einquartiert hat. Zwar war der Unmut anfangs nicht gering, vor allem weil die Vereine wenige Tage vor der Belegung der ­Halle von den Plänen erfuhren. Doch jetzt scheinen sich die Wogen zu glätten. „Mir sind derzeit keine akuten Probleme aus unserem Verein bekannt“, sagt der erste Vorsitzende des TSV Limmer, Thomas Ritzka. In der Halle trainieren eigentlich die Volleyballer des Vereins, die Turner und eine Gymnastikgruppe. Für die Sportler gibt es jetzt Ersatztrainingszeiten in anderen Hallen. Ausfallen muss offenbar keine Übungsstunde.
Unmut gab es anfangs auch bei den christlichen Pfadfindern. Sie kümmern sich nachmittags auf dem Schulhof um Kinder, die am Ganztagsbetrieb teilnehmen. „Die Kinder hätten sich gern auf die neuen Nachbarn vorbereitet“, sagt Sebastian Dymala, bei den Pfadfindern zuständig für das Ganztagsangebot. Leider sei man spät über den Einzug der Flüchtlinge informiert worden. Die Pfadfinder kritisieren zudem den Bauzaun, der als Sichtschutz für die Flüchtlinge dient.

asl

Haben die Neuankömmlinge ein Dach über dem Kopf und den ersten Behörden-Marathon geschafft, beginnt die Langeweile. Mehr als der Hartz-IV-Satz von 399 Euro (für Alleinstehende) steht ihnen nicht zur Verfügung. Die meisten sprechen kein Deutsch, sodass Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kaum möglich ist. Mehr als 70 Prozent der Flüchtlinge in Hannover sind allein reisende junge Männer – die meisten von ihnen voller Tatendrang. „Langeweile ist ein Riesenproblem, gegen das wir täglich ankämpfen“, sagt eine Betreuerin. Kontakte zu Sportvereinen baue man auf, sodass die Männer beschäftigt werden.

Am wichtigsten aber sei es, den Neu-Hannoveranern so schnell wie möglich Deutsch beizubringen. „Das Interesse ist groß, manche wollen Sprachkurse von ihrem Hartz-IV-Satz bezahlen“, sagt die Sozialarbeiterin. Einen Anspruch auf staatlich subventionierte Kurse haben Flüchtlinge erst, wenn ihr Asylantrag anerkannt ist. Aber es gibt viele Initiativen aus der Einwohnerschaft. Ehemalige Lehrer erteilen Unterricht in Flüchtlingsheimen, die Stadt spendiert Kurse an der Volkshochschule. Dennoch übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem. „Alle angebotenen VHS-Deutschkurse sind in diesem Frühjahr und Sommer ausgebucht“, sagt Stadtsprecherin Anne Ruhrmann.

Immer seltener finden die Betreiber von Wohnheimen erfahrene Sozialarbeiter. Viele neue Mitarbeiter werden frisch von der Hochschule engagiert. „Das ist dann ein Realitätsschock für die Absolventen“, sagt eine langjährige Betreuerin. Schließlich habe man in den Heimen mit Menschen zu tun, die Krieg, Gewalt und bitterste Armut erlebt haben. „Niemand nimmt eine gefahrvolle Flucht auf sich, nur weil zu Hause der Haussegen schiefhängt“, sagt sie.

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Wohnheime, Wohnungen und Notunterkünfte belegt

Die steigenden Flüchtlingszahlen zwingen die Stadt Hannover dazu, weitere Sporthallen zu belegen. Ab Montag sollen in einer Halle in Hainholz 30 bis 40 Asylsuchende untergebracht werden. Die Kapazitäten in Wohnheimen, Wohnungen und Notunterkünften sind bereits erschöpft.

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