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So hoch ist das Armutsrisiko in Hannover

Alleinerziehende, Senioren und Migranten So hoch ist das Armutsrisiko in Hannover

Es ist eine bedrohliche Spirale der Armut: In Hannover sind besonders viele von Armut bedroht. Ein Grund: Mehr Alleinerziehende, mehr Migranten, viele Studenten und die hohe Auszubildenenquote. Das zeigt der aktuelle Armutsbericht der Statistikämter. Ein Blick auf die Zahlen. 

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Quelle: dpa/Archiv (HAZ-Collage)

Hannover. Die Zahl der Menschen in Hannover, die von Armut bedroht sind, ist so hoch wie seit 2011 nicht. Laut am Donnerstag veröffentlichter Statistik der Statistikämter lag sie bei 20 Prozent. In einem Jahr ist der Anteil der Bevölkerung, der einem Armutsrisiko ausgesetzt ist, um 2,6 Prozentpunkte gestiegen. Erst 2013 hatte er mit 17,1 Prozent noch einen Tiefstand erreicht.

Die Reaktionen auf den starken Anstieg fielen in Hannover sehr unterschiedlich aus. Andreas Schubert , Geschäftsführer der hannoverschen Caritas, sprach von einer bedrohlichen „Spirale der Armut“, der dringend Einhalt geboten werden müsse. Andere Verbände wie der Paritätische oder die Arbeiterwohlfahrt forderten die Politik auf, endlich zu handeln, konstatierten aber auch: Dass immer mehr Menschen von Armut betroffen sind, sei schon länger bekannt.

Bei der Stadt hieß es am Donnerstag, die Armutsgefährdungsquote sei zwischen 2014 und 2015 in fast allen Großstädten gestiegen, besonders stark in Dortmund und Duisburg. Die veröffentlichte Statistik beziehe sich zudem nur auf das Einkommen der Bevölkerung – gerade auf die Einkommensverteilung habe die Stadt aber keinen unmittelbaren Einfluss. Mit einer aktiven Wohnungsbauförderung könne man aber mehr Wohnraum auch für Menschen mit geringen Einkommen schaffen. Die Stadt könne zudem steuern, wie stark arme Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Hier setze die Stadt mit Projekten zur Bildung, Betreuung, Teilnahme an Sport und Kultur an. Hannover orientiere sich bei seinen Armutsberichten überdies nicht am Einkommen, sondern daran, wie viele Menschen staatliche Unterstützung zum Lebensunterhalt beziehen: Diese Quote liege niedriger: mit Schwankungen zwischen 2007 und 2014 relativ stabil bei 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Was in der Bundesstatistik nun den konkreten Anstieg zwischen 2014 und 2015 verursacht habe, wollte man gestern nicht kommentieren. Das müsse eine genauere Analyse zeigen.

Dass vor allem Alleinerziehende einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt seien, merke er deutlich daran, dass däie Zahl derjenigen steige, die in Kitas und in Beratungen um Unterstützung bitte, sagt Caritas-Chef Andreas Schubert. Menschen mit Migrationshintergrund seien seiner Erfahrung nach zudem besonders häufig von Armut betroffen – und zwar nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Migranten, die ein Leben lang hier gearbeitet hätten und deren Renten jetzt nicht mehr ausreichten. Wenn man sich anschaue, wer in der Straßenambulanz, die eigentlich für Wohnungslose gedacht sei, immer häufiger auf der Wartebank sitze, stelle man fest, dass es überwiegend alte Migranten seien: „Man merkt, dass hier etwas brodelt“.

Die Stadt Hannover führte am Donnerstag weitere Gründe für die hohe Armutsquote Hannovers an:

Bildungszuzug: In Hannover studierten an der Leibniz-Uni und den Hochschulen fast 40.000 Studenten. Darüberhinaus habe Hannover eine der höchsten Auszubildendenquoten Deutschlands. Studenten und Auszubildende seien Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen, die lägen häufig unter der statistischen Armutsgrenze.

Alleinerziehende: Mehr als ein Viertel aller Familienhaushalte in Hannover seien alleinerziehend, im Bundesvergleich ein hoher Wert. Die meisten berufstätigen Alleinerziehenden seien teilzeitbeschäftigt. Gut die Hälfte der Einelternfamilien sei auf Transferleistungen angewiesen, ein Teil davon, weil das eigene Einkommen nicht ausreiche. Viele Alleinerziehende wirtschafteten deshalb an der Armutsgrenze.
Migranten: Ihr Anteil sei mit 29 Prozent vergleichsweise hoch. Weil sie oft über eine schlechtere Schulbildung verfügten, übten sie häufiger gering entlohnte Erwerbstätigkeiten aus.

Kontingentflüchtlinge: In Hannover gebe es eine große Gruppe jüdischer Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion Sie seien sind in der Regel im höheren Alter und hätten keine eigenen Rentenansprüche. Sie zählen zur Armutsrisikogruppe.     

Selbst wenn alle ziemlich reich wären, wären laut Statisik einige arm

Armut ist ein dehnbarer Begriff: Wenn in einer Wohlstandsgesellschaft wie Deutschland von Armut gesprochen wird, ist stets eine relative Armut gemeint – im Gegensatz zur absoluten Armut, bei der die Menschen ums Überleben kämpfen müssen. Von relativer Armut sprechen die Experten, wenn Menschen an materiellen wie immateriellen Gütern unterversorgt sind. Das wiederum ist in Deutschland klar definiert: Als relativ arm gilt hier derjenige, der weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Durch diese statistische Definition gibt immer Armut, selbst wenn alle eigentlich reich sind – das lässt die Angabe zur Armut für Kritiker fragwürdig erscheinen.
Als armutsgefährdet gelten Personen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 60 Prozent des regionalen Durchschnitts. 2015 lag die Schwelle in Niedersachsen bei einem Einpersonenhaushalt bei 930 Euro, für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1952 Euro. Das größte Armutsrisiko tragen in Niedersachsen nach Angaben des Statistischen Landesamtes die Alleinerziehenden und die Erwerbslosen.
Doch diese Definition wird schon seit Jahren diskutiert. Aufgrund des sich ändernden Durchschnittseinkommens kann sich auch die Schwelle zur Armut verändern: Es ist dabei also egal, ob die Grenze bei 1000 Euro oder bei 3000 Euro liegt – relativ gesehen sind alle Menschen arm, die unterhalb dieses Einkommens verdienen. Zudem sagt diese Definition nichts aus über die Gruppen, die wirklich zu wenig zum Leben haben. Für Kritiker ist die Statistik also weniger ein Maß für die Armut als für die Ungleichverteilung von Einkommen.
Trotz aller Kritik: Dass die Schere zwischen arm und reich auseinandergeht, ist unbestritten. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher, sagt es so: „Über die Sinnhaftigkeit der Armutsgefährdungsquote kann man durchaus streiten. Aber sie ist auf jeden Fall ein Signal.“ kad     

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