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Stephan Weil lässt Hannovers Rathaus hinter sich
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Blick auf die Karriere Stephan Weil lässt Hannovers Rathaus hinter sich

Nach gut sechs Jahren räumt Stephan Weil sein Büro im Rathaus, um die nächstgrößere Bühne zu betreten. Blickt man auf seine Karriere, ist das ein logischer Schritt.

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Er kann einpacken: Stephan Weil lässt den, wie er immer fand, schönsten Arbeitsplatz Hannovers hinter sich.

Quelle: dpa

Hannover. Die Dame hatte zu tun. Ein Fließband schob Faltschachtel um Faltschachtel an ihren Platz, Faltschachteln ohne Ende. Stunde um Stunde, seit Jahren schon, der Rücken machte immer mehr Probleme. Plötzlich unterbrach ein Tross von Menschen die Routine in der Fabrik. „Guten Tag“, sagte ein Mann, gab ihr freundlich die Hand, sie wechselten ein paar Worte, während sie das Band nicht außer Acht ließ. Dann zog der Trupp weiter durch den Betrieb in einem hannoverschen Gewerbegebiet. Nur die Frau am Fließband stellte noch leise eine Frage. „Wer war denn das?“ Das war Stephan Weil, seit Jahren Oberbürgermeister und im Wahlkampf unterwegs, um Ministerpräsident zu werden.

Als die Roulettekugel Wochen später, am Abend der Landtagswahl, mit letzter Kraft doch noch in ein rotes Fach kullerte, stand fest: Der Sozialdemokrat wird Regierungschef und im Landtag von oben nach unten gucken. Umgekehrt hätten es sich manche Parteifreunde nur mit Mühe vorstellen können: Weil als Oppositionschef, als Mann der zweiten Reihe. Er hätte sich umstellen müssen. Er ist Erfolg gewohnt.

Am Donnerstag hat der Oberbürgermeister Weil seinen letzten Tag im Rathaus. Das Publikum in der Stadt wird in Zukunft einige Standards selbstironischer Bescheidenheit nicht mehr zu hören bekommen. „Ich bin nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“ zum Beispiel. Der Satz wird verschwinden im Rathaus, wie zuvor „Was fragen Sie mich, ich bin hier nur der Kämmerer?“ verschwand. Komplizierte Stoffe zu bearbeiten galt ihm als „nicht vergnügungssteuerpflichtig“. Ist Weil etwas sehr wichtig, war es stets „ausgesprochen“ wichtig.

Und dann fiel dieser Satz, ein frustrierter Weil sagte ihn am Ende eines kalten und enttäuschenden Januarabends in den Stunden nach der Landtagswahl 2008: „Ich habe nicht die Absicht, mich zu verändern, und bin sehr zufrieden im Rathaus.“ Alles super also im Rathaus. Das Stadtoberhaupt schien dem Rekord-OB Herbert Schmalstieg nacheifern zu wollen.

Weil hat das wohl wirklich so gemeint, aber klar war auch: Auf der Suche nach einem neuen Spitzenkandidaten für den nächsten Anlauf 2013 würde in der SPD sein Name fallen. Vor fünf Jahren lag die Partei in Niedersachsen am Boden, und niemand wusste so recht, wie man den gefallenen Patienten wieder aufpäppeln sollte. Stephan Weil hielt damals mit seiner Kritik an Spitzengenossen nicht hinterm Berg, und viele Sozialdemokraten dachten: Wer in herausgehobener Position so herummäkelt, muss sich nicht wundern, wenn er eines Tages selbst in die Pflicht genommen wird.

Seit diesem Januar 2008 glichen sich öffentliche Spekulationen und Bekenntnisse in ewig gleichen Textbausteinen: Immer wieder wurde Weil als Kandidat der SPD für das Ministerpräsidentenamt gehandelt, immer wieder betonte er seine ausgesprochene Zufriedenheit mit seinem Arbeitsplatz. Kommunalpolitik, nah bei den Menschen, könne es überhaupt einen großartigeren Beruf geben?

Ja, es kann. Mit der Niederlage der Sozialdemokraten begann sein Weg in die Staatskanzlei. Sein Wunsch, im Rathaus zu bleiben, wich irgendwann der Aussicht auf eine neue Chance, die sich vermischte mit dem Gefühl, seiner Partei helfen zu müssen. Er sei ja auch ehrgeizig, sagte er vor wenigen Wochen auf einer Wahlkampfreise. Sollte er sehr lange über eine Kandidatur gegrübelt haben, dann nicht deshalb, weil er an seinen Qualitäten zweifelte.

Stephan Weil ist seit Jahren daran gewöhnt, für größere Posten gehandelt zu werden als sein jeweils aktueller Broterwerb. Das liegt nicht nur an seinen Fähigkeiten, die selbst politische Gegner anerkennen. Es liegt auch daran, dass das Personaltableau der Sozialdemokratie nicht so voll von geeigneten Leuten ist, wie die Sozialdemokratie gerne behauptet. So liefen die Dinge wieder und wieder auf den heute 54-jährigen Juristen zu.

Er war Vorsitzender der hannoverschen SPD, ein Ehrenamt, als der Rat ihn zum Stadtkämmerer wählte - einen Mann ohne nennenswerte Erfahrung mit öffentlichen Finanzen. Weil hatte zuvor als Richter, Staatsanwalt und Ministerialrat im niedersächsischen Justizministerium gearbeitet. Und durchaus mit Kritikern unter Genossen zu rechnen, wie die entscheidende SPD-interne Abstimmung in der Ratsfraktion zeigte. Zehn von 26 Fraktionsmitgliedern unterstützten ihn damals nicht. Die Gründe waren unterschiedlich, eine Katastrophe war das Ergebnis dennoch. So viel Gegnerschaft gab es für Weil in Hannover seitdem nicht mehr.

Er war 1997 kaum in sein Büro mit Blick auf den Maschteich eingezogen, da hieß es: Wenn der Schmalstieg mal aufhört, dann läuft alles auf den Weil als Nachfolger hinaus. So kam es, weil es so vorgesehen war in der SPD und auch von Weil selbst, der zehn Jahre zuvor ausgesprochen gerne Finanzdezernent gewesen war. 2004, zwei Jahre vor der Wahl, gab er in einem Glasfassaden-Restaurant am Maschsee bekannt, was Parteispatzen längst über Hannovers Dächer pfiffen. Mit der ein wenig selbstbeschwörerisch klingenden Formel „Ich habe die Kragenweite“ erklärte Stephan Weil, 2006 Oberbürgermeister von Hannover werden zu wollen. Er hatte immer das Selbstbewusstsein, Dinge gut zu können - und besser als andere. Dennoch war dieser Satz für seine Verhältnisse ein mächtiger Schlag auf die Pauke, denn bei Kaffee und Cola sprach doch nur der Kämmerer.

Nachdem er 2006 zum Oberbürgermeister gewählt worden war, wurde den Menschen in Hannover deutlich: Weil ist kein kumpeliger Schulterklopfer, keiner, der große Versprechen macht und, bis heute, weit entfernt von Küsschen-Küsschen-Zirkeln. Einer, der am Ende des täglichen Regierens Dokumente über Energiepolitik liest. So führte er die Stadt solide und ohne Skandale. Nicht einmal über sein Gehalt beklagte er sich, obwohl doch in Hannover mehr verdient, wer den öffentlichen Personennahverkehr verantwortet.

Er wurde ein beliebter Oberbürgermeister, der im Laufe der Jahre seine anfängliche Zurückhaltung verlor und Menschen gegenüber deutlich aufgeschlossener wurde, ob in Kitas oder Unternehmen. „Brav und bieder“ nannten überregionale Medien diese unprätentiöse Art des Stadtoberhaupts, die vielleicht nicht zufällig dem Ruf der Stadt ähnelt. Unspektakulär - aber wenn man genau hinguckt für höhere Aufgaben geeignet. Weil ist in Hannover nichts richtig in die Hose gegangen. Glamourösere Städte haben an der Spitze Rampensäue, die flugunfähige Objekte planen.

Aber im Landtag sollten sie sich nicht täuschen: Stephan Weil kann ungemütlich kühl werden, wenn er glaubt, unfair behandelt worden zu sein. Da gibt es dann oft keine zwei Meinungen mehr. Das gilt auch für die Angelegenheiten, von denen er überzeugt ist. Ein enger Mitarbeiter beschrieb das einmal so: „Er hört sich alle Meinungen an und tut dann, was er sowieso vorhatte.“ Dann lachte dieser Mitarbeiter. Ein bisschen meinte er es im Scherz.

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