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Stirbt der Kiosk aus?

"Typisch Hannover?!" Stirbt der Kiosk aus?

Im Rahmen der Sonderschau "Typisch Hannover?!" beschäftigte sich das Historische Museum mit der aktuellen Situation der Kioske in Hannover. Rund 230 Kioske gibt es in Hannover. Im Jahr 2015 waren 340. In einer Podiumsdiskussion hat sich das Museumsteam der Kioskkultur angenommen.

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„Wer bestehen will, muss sich spezialisieren“: Die Kioskbesitzer Marc Oliver Schrank (von links) und Sharon Atalan diskutieren mit
Moderator Jan Sedelis, Tobias Jungnickel vom Kioskforum Kioskguide.de und Anna Morawek im Historischen Museum.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Kioskbesitzer Sharon Atalan kennt keinen Urlaub. Sieben Tage die Woche steht der quirlige junge Mann von morgens bis abends in seinem Büdchen an der Seumestraße. „Für viele Migranten ist der Kiosk die einzige Chance, für einen hyperaktiven Kerl wie mich ist es der Traumjob“, erzählt er auf dem Podium im Historischen Museum. Weil es aber auch ein Vollzeitjob ist, musste Atalan erst ein Familienmitglied überreden, im Laden in der Oststadt auszuhelfen, damit er an diesem Abend Einblicke in ein Leben im Kiosk geben kann.

Unter dem Titel „Kioske im Wandel - Vom Zeitungslieferanten zum Stadtteilkümmerer“ diskutiert Atalan über die Szene - mit Kioskbetreiber-Kollege Marc Oliver Schrank aus der Nordstadt, Kioskforum-Betreiber Tobias Jungnickel und Studentin Anna Morawek, die sich in ihrer Bachelor-Arbeit mit Lindener Büdchen beschäftigt hat. „Die Bedeutung des Kiosks in Hannover können wir als Historisches Museum schlecht ausstellen, daher versuchen wir uns dem Thema auf eine andere Art zu nähern“, sagt Museumsleiter Thomas Schwark über die Runde zur Sonderschau „Typisch Hannover?!“, bei der stilecht Flaschenbier getrunken wurde.

Das Interview

Frau Hesse, warum gibt es in einigen Stadtteilen viele Kioske und in anderen Ecken eher weniger?
Kioske sind ein Phänomen der Industrialisierung. Damals haben die Arbeiter auf ihrem Weg zur Fabrik schnell noch Zigaretten und eine Zeitschrift gekauft. Deshalb gibt es auch heute zum Beispiel in Linden noch eine große Anzahl an Kiosken, mit 5,4 pro Quadratkilometer sogar die höchste Dichte im Stadtgebiet.

Wer geht heute in einen Kiosk?
In zentralen Stadtteilen nutzen vor allem junge Leute an den Wochenenden Kioske als Möglichkeit, ein Wegbier zu kaufen. Gerade an der Limmerstraße werden Kioske auch als Treffpunkt mit Freunden genutzt. Die Besitzer versuchen aber auch, mit neuen Strategien Kunden zu binden.

Was für Strategien sind das?
Rund 60 Prozent der Kioskbetreiber empfinden Supermärkte durch die langen Öffnungszeiten als starke Konkurrenz. Deshalb überlegen sie sich Alleinstellungsmerkmale: Bierausschank, Paketservice, Lotto-Annahmestelle oder ein besonders großes Sortiment an Weinen oder Bieren. Manche bieten auch eine Frischetheke an.

Hat die Konkurrenz durch Supermärkte Auswirkungen auf die Anzahl der Kioske in Hannover?
2013 haben wir knapp 340 gezählt, 2015 war es ein Viertel weniger. Die aktuelle Zahl liegt zwischen 240 und 280 Kiosken. Ein genauer Wert ist schwierig zu ermitteln, da es eine hohe Fluktuation gibt.

Gibt es bald keine Kioske mehr?
Ein Kiosksterben deutet sich zumindest an, das stimmt. Neugründungen sind selten. Es finden hauptsächlich Übernahmen statt. Viele Menschen betreiben aus der Not heraus einen Kiosk. Hier in Hannover gibt es aber auch eine Wertschätzung für diese „besonderen Läden“.

Das Interview führte Julia Polley

Rund 230 Kioske gibt es zurzeit in Hannover, schätzt Schwark. „Ihre Geschichte beginnt mit der Industrialisierung“, erklärt er. Vor allem Schichtarbeiter waren es, die in Hannover seit der Jahrhundertwende an den „Nebgen-Büdchen“ kleine Einkäufe tätigten, wenn andere Geschäfte schon oder noch geschlossen hatten. Mit der Ausweitung der Öffnungszeiten gehe das Alleinstellungsmerkmal der Buden aber zunehmend verloren, da sind sich die Experten einig. „Wer bestehen will, muss sich spezialisieren“, meint Schrank, Betreiber des Bier-Kiosks Onkel Olli’s nahe der Lutherkirche. Er führt zurzeit mehr als 200 Biersorten und 100 Brausen und organisiert jährlich ein kleines Stadtteilfest in der Nordstadt.

Ganz anders sieht das Konzept von Atalan aus. „Wir versuchen, das volle Sortiment anzubieten“, erklärt der türkischstämmige Kioskbetreiber. Er führe in der Oststadt auch Briefmarken und Doseneintopf.

Wie wichtig es zudem ist, ein offenes Ohr für die Kunden zu haben, zeigen weitere Buden: „Die Leute freuen sich darüber, dass sie hier Lotto-Scheine und Pakete abgeben können“, sagt etwa Naser Bagersadre, der den Vahrenwalder Kiosk an der Vahrenwalder Straße betreibt. Das Erfolgsrezept von Khalil Dashti in Herrenhausen lautet: „Wir kennen viele Leute im Stadtteil, die gern zu uns kommen.“

Demnächst will das Historische Museum den Wandel der Büdchen weiter begleiten. Eine Wanderausstellung sei für 2018 geplant, sagt Schwark - und zwar direkt in verschiedenen Kiosken.

Von Mario Moers

Der kleine Kiosk in unserer Straße

Die beiden haben schon eine besondere Beziehung – der Hannoveraner und sein Kiosk. Kaum ein Laden ist den Menschen so ans Herz gewachsen wie der Kiosk um die Ecke. Wieso? Er ist nah, er ist individuell, und er hilft aus der Patsche – auch zu Zeiten, zu denen die Supermärkte (noch) passen müssen. Der Mensch hinter der Kiosktheke ist bekannt wie wenige im Quartier – zu ihm kommen (fast) alle. „Ich höre täglich hundert Themen, ich helfe, tröste, und ich habe auch schon Wohnungen vermittelt“, sagt ein Betreiber. So gesehen ist ein Kioskmensch auch ein Stadtteilkümmerer. Und das fast rund um die Uhr.

In den vergangenen Jahren habe ein Viertel der hiesigen Kioske geschlossen, sagt eine Wissenschaftlerin. Bange ist ihr trotzdem nicht um die Kioskkultur. Muss es auch nicht. Zumal der Kiosk auch für ältere Leute in den Stadtteilen immer wichtiger wird in einer Zeit, in der es kaum noch kleine, nahe Supermärkte gibt.

Zukunftsfähig wird ein Kiosk, indem er sich an die Bedürfnisse seines Stadtteils anpasst – der eine verkauft hundert Biersorten, der andere schmiert Brötchen für die Schichtarbeiter. Individualität ist ein Zauberwort. Ein anderes ist bunte Tüte.

Ein Kommentar von Rüdiger Meise

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