„Jetzt recherchieren wir, für welche Familien ein weiterer Gedenkstein infrage kommt“, kündigte Karljosef Kreter, Leiter des Stadtarchivs, am Freitag im Kulturausschuss an.
Anlass für die Änderung ist ein wochenlanger Streit um einen Stolperstein für den jüdischen Arzt Walter Sochaczewski, der 1936 vor dem Naziregime floh und 1950 in Brasilien starb. Seine Tochter, die 88-jährige Barbara Dreyfuss, hatte die Stadt darum gebeten, auf das Schicksal ihres Vaters mit einem Gedenkstein aufmerksam zu machen. Das lehnte die Verwaltung bisher mit der Begründung ab, dass Walter Sochaczewski ja nicht getötet, sondern in der Emigration gestorben sei. Dreyfuss und auch Gunter Demnig, Erfinder der Stolperstein-Initiative, reagierten empört und wollten zuletzt den Messingwürfel auf privatem Grund verlegen. Grundsätzlich aber werden die faustgroßen Stolpersteine in den öffentlichen Gehsteig vor dem letzten Wohnort des Opfers eingesetzt.
„Wir werden Frau Dreyfuss informieren, im Oktober wird dann der Stein für ihren Vater verlegt“, sagte Kulturdezernentin Marlis Drevermann im Kulturausschuss. Auf die Archivare der Stadt wartet jetzt neue Forschungsarbeit. Bisher wurden in Hannover für 165 Opfer des Naziterrors Stolpersteine verlegt, bei rund zehn Prozent von ihnen müsse man im Kreis der Angehörigen noch einmal nach Überlebenden suchen, sagte Archivchef Kreter am Rande der Sitzung.
Die CDU sah die Veränderung kritisch. „Es bleibt unklar, wer alles zu den Opfern gehört“, meinte CDU-Kulturpolitiker Friedrich Busse. Letztlich ließe sich der Kreis derjenigen, die einen Stolperstein bekommen könnten, auch auf leidgeprüfte deutsche Soldaten ausdehnen. „Ein Vergleich zwischen Holocaust-Opfern und Soldaten verbietet sich“, erwiderte SPD-Ratsherr Michael Höntsch. Im Grunde, so meinte Drevermann, könne man den Abgrenzungen folgen, die die Nazis selbst aufgestellt haben – so zynisch es auch klingen mag.
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