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Aus der Stadt Straßenumbenennung: Eine Flucht aus der Geschichte?
Hannover Aus der Stadt Straßenumbenennung: Eine Flucht aus der Geschichte?
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21:09 07.05.2010
Von Simon Benne
„Aktive Mitwirkung in einem Unrechtsregime“? Nach der Kommunistin Clara Zetkin, dem Generalfeldmarschall Karl Bernhard Graf von Moltke, der 1870 gegen Frankreich Krieg führte, und
 König Georg III., der den amerikanischen Kolonien die Unabhängigkeit verwehren wollte, sind in Hannover Straßen benannt. Quelle: Uwe Dillenberg

Vor zehn Jahren ging in Afrika ein Stück deutsche Geschichte zu Ende: Mit etwa 105 Jahren starb Anfang 2000 Ibrahim Khalil, der letzte jener Askari-Krieger, die im Ersten Weltkrieg unter dem Kolonialoffizier Paul von Lettow-Vorbeck auf deutscher Seite gekämpft hatten und dafür von der Bundesrepublik einen kleinen „Ehrensold“ bezogen.

Bald nach dem Tod des früheren Gefreiten hoben überall in Deutschland Debatten über dessen Vorgesetzten an. Denn Historiker zeichnen heute fast durch die Bank ein düsteres Bild von Lettow-Vorbeck (1870–1964), der einst als Abenteurer und Haudegen gefeiert wurde. Sein Biograf Eckhard Michels beschrieb, dass dessen rücksichtslose Kriegführung für Afrikas Zivilbevölkerung eine Katastrophe darstellte. „Selbst das Leben der eigenen Soldaten zählte für ihn nicht“, befindet auch Uwe Schulte-Varendorff, der Lettow-Vorbeck in einer Biografie als rassistischen Militaristen beschreibt.

Kaum jemand hat in den vergangenen Jahren in so vielen Städten Diskussionen um Straßennamen ausgelöst wie Lettow-Vorbeck.

Mit Straßenschildern ist es wie mit Denkmalen oder Kruzifixen in Klassenzimmern: Man bemerkt sie oft erst, wenn es Streit um sie gibt. Paradoxerweise erinnern viele Straßennamen erst, wenn sie anstößig werden, tatsächlich an eine Person. Meist folgen die Debatten bestimmten Mustern. Wie in Hannover, wo die Umbenennung der Lettow-Vorbeck-Allee in Badenstedt inzwischen das Verwaltungsgericht beschäftigt.

Die Befürworter führen wohl begründete Zweifel an Lettow-Vorbecks moralischer Integrität und politischer Vorbildfunktion ins Feld. Die Gegner reden teils die unselige Kolonialzeit schön oder verweisen auf Kosten für neue Briefbögen der Anwohner. Doch letztendlich geht es bei der Debatte um einen Historikerstreit.

Wie soll eine Gesellschaft mit ihrem geschichtlichen Erbteil umgehen? Ist eine Umbenennung nicht auch ein schnelles Entsorgen der unliebsamen Vergangenheit? Wäre nicht gerade eine Lettow-Vorbeck-Allee besonders geeignet, um mit kommentierenden Hinweisschildern, Gedenktafeln oder einem Mahnmal an koloniale Untaten zu erinnern? Und hat das Radieren auf Stadtplänen und Landkarten nicht vor allem in totalitären Regimen Tradition, die aus Hannovers Bahnhofstraße eine Adolf-Hitler-Straße oder aus Chemnitz eine Karl-Marx-Stadt machen, weil sie neben ihrer schönen neuen Gegenwart keine Vergangenheit mehr gelten lassen, die nicht in ihrem Sinne deutbar ist?

Hannover hat jüngst die Grundsätze für Umbenennungen gelockert: Statt einer „schwerwiegenden persönlichen Schuld“ eines Namensgebers reicht jetzt schon dessen „aktive Mitwirkung an einem Unrechtssystem“ für eine Tilgung seines Namens aus. Damit ließe sich etwa die General-Wever-Straße in Bothfeld/Sahlkamp umbenennen, die an Hitlers 1936 verstorbenen Luftwaffenchef erinnert. Doch damit könnte bei enger Auslegung auch praktisch jeder als straßennamenunwürdig gelten, der in vordemokratischen Zeiten lebte und nicht zum Freiheitskämpfer geboren war. Sinnvolle Grenzen lassen sich kaum ziehen, wenn man nicht nach heutigen Maßstäben über gestrige Epochen zu Gericht sitzen will.

Der SPD-Ortsverein List-Süd unternahm bereits 1977 einen (vergeblichen) Vorstoß, die Walderseestraße umzutaufen. Diese verdankt ihren Namen einem preußischen Generalfeldmarschall, dem Kritiker anlasten, er habe die Armee gegen Sozialdemokraten einsetzen wollen. Konsequenterweise müsste dann jedoch auch der Straßennamenspatron Bismarck, als Urheber der Sozialistengesetze dringend einer „aktiven Mitwirkung in einem Unrechtsregime“ verdächtig, weichen. Ebenso wie Paul von Hindenburg, der Hitler 1933 zum Reichskanzler berief.

Moltke, Manteuffel, Podbielski – die Straßenschilder der List lesen sich wie ein einziges Who’s who des preußischen Kasernenhofs. Rudolf von Bennigsen war Chef der Nationalliberalen Partei, welche die Kolonialpolitik unterstützte. Und der Namensgeber des Robert-Koch-Platzes nutzte Deutsch-Ostafrika für Forschungsaufenthalte, ehe er 1905 den Medizinnobelpreis bekam. War das keine „aktive Mitwirkung in einem Unrechtsregime“?

Die Georgstraße erinnert an einen wahnsinnigen Monarchen, der den amerikanischen Kolonien die Unabhängigkeit verwehren wollte. Der Ernst-August-Platz ist (ebenso wie ein Brauhaus und eine Galerie) angelehnt an einen König, der 1837 die Verfassung brach und liberale Geister außer Landes trieb. Und der Hanebuthwinkel an der Eilenriede ehrt einen 1653 hingerichteten Serienmörder.

Möglicherweise ist es falsch, Straßennamen in jedem Fall als Ehrung zu begreifen. Eine Ehrung ist es wohl nur im Moment der Benennung. Mit Ablauf der Zeit wird der Straßenname zur historischen Quelle, die etwas über die Ideale jener Zeit aussagt, in der die Ehrung erfolgte. Natürlich kann eine Stadt sich dazu entschließen, ihre Topographie mit jeder Generation neu zu erfinden und im großen Stil Straßen umzutaufen. Doch wer dann von Lettow-Vorbeck spricht, darf von Clara Zetkin nicht schweigen.

Im vergangenen Jahr bat der hannoversche Historiker Manfred von Boetticher die Stadt, sie möge prüfen, ob Clara Zetkin weiterhin als Patronin für einen Weg am Leineufer infrage kommt. Auf einem Schildchen am Schild wird sie dort als „sozialistische Politikerin“ bezeichnet, die sich für Menschenrechte und die Frauenbewegung stark gemacht habe. Nun saß Zetkin von 1920 bis 1933 für die Kommunisten im Reichstag. „Am Ende der zwanziger Jahre trug sie maßgeblich zur ,Stalinisierung’ der Partei bei“, sagt von Boetticher. Die Berliner Clara-Zetkin-Straße heißt seit 1995 wieder Dorotheenallee.

Die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik, diese „Klassendiktatur der Bourgeoisie“, lehnte Zetkin rigoros ab. Als sie 1932 als Alterspräsidentin den Reichstag eröffnete, verlieh sie ihrer Hoffnung Ausdruck, dereinst auch noch „den ersten Rätekongress Sowjetdeutschlands“ eröffnen zu dürfen. Wäre es so gekommen, müsste man Zetkin heute wohl „aktive Mitwirkung in einem Unrechtssystem“ attestieren. Doch da ein Jahr darauf die Nazis die Macht übernahmen, blieb Zetkins Ruf in dieser Hinsicht unbefleckt, sieht man einmal davon ab, dass sie in der Sowjetunion Lobreden auf Lenin hielt, „den Unsterblichen“.

Mit dem 1999 beschlossenen Straßennamen, schrieb Stadtbaurat Uwe Bodemann dem besorgten Historiker von Boetticher zurück, soll nicht Zetkins Tätigkeit in der KPD gewürdigt werden, sondern ihre Rolle in der Frauenbewegung. Nach dieser Logik könnte man freilich in Lettow-Vorbeck den Reiseschriftsteller ehren, nicht aber den Kolonialoffizier. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen“, fürchtet Manfred von Boetticher.

Bei alledem kann Lettow-Vorbeck eine bleibende Ehrung verbuchen, die Zetkin nie zuteil wurde: Nach ihm wurde ein Saurier benannt, der Dysalotosaurus lettow-vorbecki. Gefunden wurden dessen Knochen vor einem Jahrhundert. Bei Ausgrabungen in Deutsch-Ostafrika.

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