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Muss eine Fehlgeburt im Leichenwagen zum Friedhof?

Streitfall um Transport Muss eine Fehlgeburt im Leichenwagen zum Friedhof?

Früher warfen Krankenhäuser Fehlgeburten einfach weg. Heute wollen immer mehr Eltern ihre toten Kinder individuell beisetzen – und stoßen dabei auf bürokratische Hürden: Muss ein wenige Zentimeter kleines Wesen wirklich mit dem Leichenwagen durch die Stadt gefahren werden? Ein Streitfall.

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Zeichen der Anteilnahme: Am Eingang des Nikolai-Friedhofs An der Strangriede stehen Blumengestecke. Auf der Anlage werden Fehlgeburten bestattet.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Als Melanie S. am Vormittag des 12. Mai auf den Eingang des St. Nikolai Friedhofs in der Nordstadt zugeht, ist sie auf Ärger nicht vorbereitet. Nicht auf böse Worte, nicht auf Streit, nicht auf Unverständnis. Gemeinsam mit ihrem Freund trägt sie ein Weidenkörbchen. Darin, unter einem Tuch, liegt ihr totes Kind. Der Junge, Julian, war knapp 20 Zentimeter groß geworden, knapp 200 Gramm schwer, dann war er im Bauch der Mutter gestorben. Melanie S. und ihr Freund sind hier, um ihn zu beerdigen. „Das“, sagt die 26-Jährige, „war sicher einer der schwierigsten Momente in meinem Leben.“

Was damals, nach der Ankunft beim Friedhof, genau geschah, ist umstritten. Melanie S. und ihre Eltern erinnern sich an eine Mitarbeiterin des Friedhofs, die auf das Auto zeigt, das sie vor dem Eingang abgestellt haben, und sagt: „Sie können dort nicht parken, das ist der Platz für die Leichenwagen.“ Als die Familie entgegnet, dass sie selbst ein Kind beisetzen wollten, heißt es, sie sollten halt weiter hinten parken. „Oder verträgt ihr Kind etwa keine Sonne?“

Es ist ein Satz, der Melanie S. noch heute wie ein Schlag in den Magen vorkommt. Der stellvertretende Geschäftsführer des St. Nikolai Friedhofs, Claus Conrad, bezweifelt, dass dieser Satz so gefallen ist. Es habe sich um eine „sehr erfahrende Kollegin“ gehandelt, die „etwas so Unsensibles“ sicher nicht gesagt habe. Auch Conrad räumt allerdings einen „unschönen Wortwechsel“ ein. Und sicher ist auch, dass es seitdem einen Streit unter Juristen gibt: Dürfen Krankenhäuser die Fehlgeborenen und Totgeborenen den Eltern geben? Müssen diese winzigen Leichname tatsächlich mit einem Leichenwagen durch die Stadt zum Friedhof gefahren werden? Das sind die konkreten Fragen. Darüber hinaus geht es jedoch um etwas sehr Grundsätzliches: Auf welche Hindernisse stoßen trauernde Eltern, wenn sie das tun, wozu sie Hebammen und Psychologen jederzeit ermutigen – ihr Kind individuell beizusetzen?

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Am Eingang des Nikolai-Friedhofs An der Strangriede stehen Blumengestecke. Auf der Anlage werden Fehlgeburten bestattet.

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Als die Studentin Melanie S. in der 19. Woche ihrer Schwangerschaft erfährt, dass das Herz des kleinen Wesens in ihrem Körper nicht mehr schlägt, ist das für sie ein Schock. „Es gab nichts, was darauf hindeutete“, sagt sie. Wahrscheinlich, rekonstruieren die Ärzte später, ist es an einem Herzfehler gestorben. Wenige Tage später, so eröffnen sie ihr, müssten sie die Geburt einleiten. Melanie S. muss ihr totes Kind zur Welt bringen. Die Geburt markiert normalerweise den Beginn eines Lebens. Bei Melanie S. steht sie zugleich für das Ende. Fünf Tage bleiben ihr, um sich darauf vorzubereiten. „Eine schwierige, fast unwirkliche Zeit“, sagt Melanie S. heute. Damals kommt sie sich mit diesem Schicksal allein vor. „Erst mit der Zeit begriff ich, wie vielen Frauen so etwas widerfährt.“

Es ist ein ähnlicher Prozess der Bewusstwerdung, wie ihn auch die Gesellschaft insgesamt durchlief. Noch vor wenigen Jahren wurden Sternenkinder wie Melanie S.s Sohn, Fehlgeborene mit einem Gewicht von unter 500 Gramm, im Krankenhausmüll entsorgt. Laut Bestattungsgesetz sind sie keine Leichen – und somit auch nicht bestattungspflichtig. Um für Eltern einen Trauerplatz zu schaffen, wurden vor gut zehn Jahren die ersten Gemeinschaftsgrabstätten eingerichtet – in Hannover die Kindergedenkstätte auf dem Stöckener Friedhof. Seit 2013 schließlich haben Eltern auch qua Gesetz das Recht, sogenannte Sternenkinder individuell beisetzen zu lassen. „Für mich“, sagt Melanie S., „stand sofort fest, dass das für mich der richtige Weg ist.“

Bis zu diesem Punkt ist Melanie S. ein Beispiel für die gestiegene Aufmerksamkeit und Rücksicht, die trauernde Eltern erfahren. In ihrer Geburtsklinik fühlt sie sich bestens beraten. In Kerstin Wockenfuß findet sie eine Bestatterin, der die Bedürfnisse der Eltern wichtiger sind als die klassischen Konventionen. „Ein so kleines Wesen mit einem riesigen Leichenwagen durch die Stadt fahren zu müssen wäre absurd“, sagt sie. Teuer wäre es obendrein. Melanie S. und ihr Freund entscheiden sich, ihr Kind auf dem St. Nikolai Friedhof beizusetzen, auf der Grabstätte seiner Familie. Auch die Anmeldung verläuft noch reibungslos, sie erhalten einen festen Termin. Am Tag des Begräbnisses jedoch beginnen die Probleme.

Dabei ist die Rechtslage eindeutig. Fehlgeborene unter 500 Gramm seien „keine Leichen im Sinne des Gesetzes“, erklärt der Jurist Thomas Horn, Kommentator des Niedersächsischen Bestattungsgesetzes. „Also gelten auch die Regelungen nicht, die für Leichen gelten.“ „Ein Transport im Leichenwagen ist nicht vorgeschrieben“, erklärt daher die Region auf Anfrage. Auch die Stadt kennt „keine Vorgaben, wie Sternenkinder zu bestatten sind“. Daher besteht die Stadt auch nicht darauf, dass ein Bestatter engagiert wird, wenn Sternenkinder auf städtischen Friedhöfen beigesetzt werden. „Wir sollten dafür sorgen, trauernden Eltern alle gesellschaftliche Unterstützung zu geben, die möglich ist“, sagt Heidi Blohmann, Hebamme und Gründerin des Vereins „Leere Wiege“. Das Gesetz lässt dafür anscheinend durchaus Raum.

Doch dem widerspricht auf der anderen Seite der Bundesverband Deutscher Bestatter. Wenn Eltern eine Bestattung wünschen, gälten für die gleichen Regeln wie bei jeder anderen Beisetzung, erklärt dessen Juristin. Also: Leichenwagen, keine Herausgabe an die Eltern. Die Pressestelle der Klinik, die das Kind an Melanie S. zur Beisetzung gegeben haben, distanziert sich offiziell von der eigenen Praxis: „Es wird keinem Elternpaar gestattet, ein verstorbenes Kind mitzunehmen, da dies das Bestattungsrecht nicht vorsieht.“ Der St. Nikolai Friedhof wiederum sieht sich zu Unrecht in der Kritik: „Wir fördern, dass diese Kinder beigesetzt werden“, erklärt Claus Conrad. So gebe es auf dem Friedhof auch ein Gemeinschaftsgrab, in dem ein Krankenhaus Fehlgeborene beisetzt. Conrad beruft sich selbst auf eine Mail der Region, die noch im Mai gegenüber dem Friedhof erklärt hatte, Eltern dürften Sternenkinder nicht selbst zum Friedhof bringen – eine Auskunft, die die Region allerdings inzwischen auf HAZ-Nachfrage selbst als Irrtum bezeichnet. Im Fall des kleinen Julian S., argumentiert der Friedhof weiter, sei für die Mitarbeiter trotz des Termins wegen des Privatwagens nicht erkennbar gewesen, dass es überhaupt um eine Beisetzung ging. „Und was wäre denn“, fügt Conrad hinzu, „wenn es unterwegs einen Unfall gibt? Oder wenn die Eltern das verstorbene Kind nicht direkt zum Friedhof bringen?“

Für Petra Hohn ist dies ein ungerechtfertigter Verdacht. „Die Lobby der Sternenkinder hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen“, sagt die Bundesgeschäftsführerin des Vereins „Verwaiste Eltern“. Bei manchen Friedhöfen oder Kliniken fehle es jedoch noch immer an Empathie. Melanie S. ist noch immer froh über die Entscheidung, ihren Sohn individuell bestattet zu haben. Beim Gedanken an die Beisetzung mischt sich jedoch noch zusätzliche Trauer in die Erinnerung. „Es scheint“, sagt sie, „als sei so ein Begräbnis für manche Stellen doch noch nicht so normal, wie ich es erhofft hatte.“

Gedenken in der Kreuzkirche

In Deutschland sterben Jahr für Jahr rund 85000 Kinder durch Früh-, Tot- oder Fehlgeburt. In Hannover wird am 9. Dezember um 15 Uhr bei einem Gottesdienst in der Kreuzkirche der toten Kinder gedacht. Einen Tag später, beim Weltgedenktag für die verstorbenen Kinder, sind alle Betroffenen aufgerufen, um 19 Uhr als Zeichen der Erinnerung brennende Kerzen in die Fenster zu stellen. Ein weiterer fester Anlass des Gedenkens ist in Hannover alljährlich im Mai die Veranstaltung an der Kindergedenkstätte auf dem Stöckener Friedhof. Bereits seit zwölf Jahren lädt der Verein Leere Wiege dort am Sonnabend nach Muttertag zu einer Gedenkfeier für alle, die um ein verstorbenes Kind trauern. Zum Programm gehören Musik vom Ensemble des Vereins und weiße Ballons, die zur Erinnerung an die Kinder in den Himmel aufsteigen (www.leere-wiege-hannover.de). Die Kindergedenkstätte gibt es in Stöcken seit 2005. Zu ihr gehören ein Gedenkfeld, ein Gemeinschaftsgrabfeld für fehlgeborene Kinder und ein Feld mit Reihengräbern.

Von Thorsten Fuchs

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