Volltextsuche über das Angebot:

33 ° / 18 ° wolkig

Navigation:
„Stechuhren an Schulen bringen nichts“

Lehrer-Arbeitszeit „Stechuhren an Schulen bringen nichts“

Lässt sich Arbeitszeit von Lehrern messen? Ja, meint die GEW. Einer Studie zufolge kommen Lehrer auf eine 50-Stunden-Woche. Wer zu genau Buch führe, beraube sich seiner pädagogischen Freiheit, kontert das Land.

Voriger Artikel
Taxifahrer wollen den Verkehr lahm legen
Nächster Artikel
Das ist heute in Hannover wichtig

Kann man Lehrer-Arbeitszeit messen? Über diese Frage streiten Lehrergewerkschaft und Kultusministerium.

Quelle: Heiko Wolfraum

Hannover. Für viele Eltern in Hannover ist das Ergebnis der Arbeitszeitstudie an der Tellkampfschule keine Überraschung. „Ich halte es für sehr realistisch, dass die Lehrer auf eine 50-Stunden-Woche kommen - das wird an anderen Gymnasien in Hannover ähnlich sein“, sagt Inge Luz vom Schulelternrat der Tellkampfschule.

Das Kultusministerium zweifelt hingegen den Nutzen und die Aussagekraft der Pilotstudie an, die von der Lehrergewerkschaft GEW finanziert wurde. Ein Sprecher von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sagte der HAZ: „Wir halten grundsätzlich nichts von Buchführungspflichten für Lehrkräfte oder Stechuhren an Schulen.“ Die „weitreichende Freiheit in der Gestaltung der außerunterrichtlichen Arbeitszeit“ sei ein „wesentliches Element der Lehrerarbeitszeit. Würde dieser Arbeitszeitanteil abschließend konkret festgeschrieben, bliebe von der notwendigen pädagogischen Gestaltungsfreiheit in zeitlicher Hinsicht praktisch nichts mehr übrig.“

Mit Blockmodell Altersteilzeit schon ab 55 Jahren

Früher in den Ruhestand: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) schätzt, dass der Gesetzentwurf zur Altersteilzeit bei den Lehrern zu einer spürbaren Entlastung führe. Das Blockmodell ermögliche ab dem 55. Lebensjahr eine Freistellung von der Dienstleistungspflicht und senke damit die „Verpflichtung zur Unterrichtserteilung, die gerade im Alter mit besonderen Belastungen verbunden ist“, sagte die SPD-Politikerin am Donnerstag im Landtag. Bislang können Lehrer erst ab dem 60. Lebensjahr in Altersteilzeit gehen.

Doch der Plan hat nicht nur Befürworter. Bei dem neuen Blockmodell müssen Lehrer zunächst in einer ersten Arbeitsphase in Vorleistung gehen, um dann in der Freistellungsphase den Dienst komplett zu verlassen. Bislang ist dies nicht möglich – die Regelung sieht nur eine Reduzierung der Arbeitszeit bis zum regulären Pensionsbeginn vor. „Damit wird auch der hohen Zahl von Frühpensionierungen entgegengewirkt“, betonte Heiligenstadt. FDP und CDU kritisierten die Pläne als „Modell für Besserverdiener“, welches sich aber viele Lehrer finanziell wegen Einkommensverlusten von bis zu 30 Prozent nicht leisten könnten.

Aus diesem Grund sei die Neuregelung auch nicht als „Trostpflaster“ geeignet, mit dem etwa die Gymnasiallehrer für die bereits von SPD und Grünen beschlossene Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung beruhigt werden sollten, betonte FDP-Bildungspolitiker Björn Försterling. Demgegenüber begrüßte der Schulpolitiker der Grünen, Heiner Scholing, den Gesetzentwurf. Er erlaube den Lehrern ein hohes Maß an Flexibilität: „Sie können auch mit 58 in Altersteilzeit gehen.“ mbb

Auch Beate Günther, Direktorin an der Schillerschule und Sprecherin der hannoverschen Gymnasien, weiß den „Luxus einer teilweise freien Zeiteinteilung“ zu schätzen, sieht aber auch die Risiken: „Wenn man die Arbeit mit nach Hause nimmt, fällt es schwer, Grenzen zu ziehen.“ Wochenendarbeit sei für alle Lehrer üblich: „Aber ein freier Tag sollte schon sein.“ Die Belastung sei groß - egal, ob man zum Beispiel Klausuren am späten Nachmittag oder abends korrigiere. „Die Arbeit muss gemacht werden, sie bleibt da, selbst wenn man sie verschiebt.“ Eine 50-Stunden-Woche spiegelt auch für Günther ein realistisches Bild wider.

Wichtig sei es, deutlich zu machen, dass die Tätigkeit eines Lehrers viel mehr als Unterricht ausmache, fordert Elternvertreterin Luz: „In der Öffentlichkeit sieht man nur die Zahl von 23,5 oder 24,5 Stunden Unterricht in der Woche, aber nicht, was ein Lehrer sonst noch so tut.“

Und das ist eine ganze Menge, wie die Auswertung der Universität Göttingen ergab. Die Wissenschaftler kamen auf 21 unterschiedliche Tätigkeiten, die ein Lehrer in einer Schulwoche erledigt. Dazu gehören Korrekturen genauso wie Konferenzen, Aufsichten, Klassenfahrten, Ausflüge, Kommunikation mit Eltern, Abiturvorbereitung und Unterricht, der aber gerade nur ein Viertel der Arbeitszeit in Anspruch nimmt.

Elternvertreterin Margarete Daiber-Helmbold findet die Ergebnisse der Arbeitzeitstudie „erschreckend hoch“. Überraschend sei dies allerdings nicht: „Lehrer sind immer erreichbar, und jeder Pädagoge, egal an welcher Schulform, tut mehr als er muss.“

Mehrere Bildungsverbände und die FDP forderten gestern erneut eine unabhängige Arbeitszeiterfassungsstudie für Lehrer. Und der Landesschülerrat betonte, die Schulen sollten sich endlich vom Klassenfahrtenboybott verabschieden, denn dies bringe den Lehrern keine Entlastung und den Schülern nur Frust.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Mehrarbeit an Gymnasien
Foto: Seit Anfang des Schuljahres müssen Gymnasiallehrer in Niedersachsen 24,5 statt 23,5 Stunden in der Woche unterrichten.

Die Lehrergewerkschaft GEW will noch im Oktober gegen eine höhere Arbeitsbelastung von Lehrern klagen. „Das Arbeitszeitgesetz ist möglicherweise verletzt“, sagte GEW-Rechtsexpertin Heidemarie Schuldt in Hannover. 

mehr
Mehr Aus der Stadt

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

Anzeige
Internationale Studenten suchen Wohnungen

Mit der Aktion "Lasst uns nicht im Regen stehen" wollen internationale Studenten für mehr passenden Wohnraum werben.