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Und plötzlich ist die Apotheke weg

Strukturprobleme in Hannover Und plötzlich ist die Apotheke weg

In einer Großstadt wie Hannover gibt es alles um die Ecke. Am Heidering ist das nicht mehr der Fall: Dort hat eine Apotheke geschlossen. Klingt nicht dramatisch, ist es aber für die Rentner im Umkreis schon. Wie konnte es dazu kommen? Eine Spurensuche.

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Ein kleines Einkaufszentrum im Heideviertel, jetzt ohne Apotheke: Anwohnerin Gisela Stachowski muss jetzt etwa einen Kilometer weit zur nächsten gehen. Foto: von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Die drei Damen rauchen und trinken Kaffee, auf dem kleinen Plastiktischchen vor der Bäckerei am Nordrand des Heideviertels füllt sich Zug um Zug ein Aschenbecher. Der Tag ist lang und schön, und die Rentnerinnen, alle um die 70 Jahre alt, haben Zeit. Thema ist gerade die Roderbruch-Apotheke, ein paar Meter die Passage runter. Seit Kurzem ist sie geschlossen, alle Auslagen sind leer geräumt, ein Zettel am Schaufenster verkündet „leider“ die Geschäftsaufgabe. Jetzt hat das kleine Einkaufszentrum keine Apotheke mehr, die nächste ist mehr als einen Kilometer entfernt. „Guck mal“, sagt eine der Damen, sie zeigt auf den nahen Wohnblock gegenüber, sieben Stockwerke hoch, „das ist ein Altersheim. Was sollen die Leute ohne Apotheke machen? Und erst im Winter, die kommen mit ihren AOK-Shoppern gar nicht durch den Schnee.“

Die Schließung der Roderbruch-Apotheke hat Konsequenzen für die Anwohner: Sie müssen einen Kilometer bis zur nächsten laufen.

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Die Haltung bei Tisch ist: Die da oben machen, was sie wollen, wir sagen, wie es wirklich ist. Im Block leben zwar sehr viele alte Menschen, aber es ist kein Altersheim. Und wer AOK-Shopper sagt und Rollator meint, der meint, dass die Menschen hier im Quartier gewöhnlich nicht mit Chipkarten privater Krankenkassen unterwegs sind. Gisela Stachowski wohnt einen Steinwurf entfernt, sie ist gehbehindert und braucht wirklich einen Rollator. Sie redet längst nicht so burschikos wie ihre zwei Bekannten, doch dass die Apotheke verschwunden ist, macht auch ihr Sorgen. Wo soll sie nun ihre Medikamente holen? Der Bus zur nächsten Pharmazieadresse kostet fünf Euro hin- und zurück, für Rentner im Quartier sei das viel Geld, nicht jeder habe eine Monatskarte. „Kann denn der Apothekerverband nichts machen?“, fragt sie, ahnt aber schon, dass daraus wohl nichts werden wird. Frau Stachowski gibt Rezepte jetzt ihrer Tochter, die kümmert sich. In besonderen Fällen bringen Mitarbeiter der früheren Roderbruch-Apotheke Arzneien aus einer anderen Filiale ins Haus.

Das Verschwinden der Roderbruch-Apotheke von Inhaber Philip Winter ist kein spektakulärer Akt im hannoverschen Wirtschaftsleben. Der Unternehmer hat eine Filiale geschlossen, weil sie rentabel nicht mehr zu betreiben war und Risiken unkalkulierbar wären, hätte er neue Investitionen gewagt. Aber seine Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn sich in einem weniger gut betuchten Viertel ein paar Dinge ändern. Kleinigkeiten, aber in der Summe mit großen Auswirkungen, die am Ende dazu führen, dass eine gehbehinderte Rentnerin wie Gisela Stachowski sehen muss, wo sie bleibt mit ihren Nöten.

Mit dem Praxisumzug der Frauenärzte fing es an

Das kleine Geschäftsviertel am Heidering zwischen Kleefeld und Misburg ist das, was Planer gerne ein Nahversorgungszentrum nennen. Es gibt solide und überschaubare Angebote im Einkaufszentrum, die Läden sind so wenig spektakulär wie die graue Flachdacharchitektur der Sechziger- und Siebzigerjahre. Blumen Schulz, die Hopfenklause, Yildirims Schreib- und Spielwaren, Stichweh, ein Optiker und Rewe, davor Parkplätze.

Nicht mehr dazu gehört die Volksbank. Sie hat ihre Filiale im vergangenen Jahr geschlossen, bis heute stehen die Räume leer, und weil nun auch die Apotheke schließt, fürchten viele Anwohner, dass es immer weiter den Bach runter geht und eine Geschäftsaufgabe die andere nach sich zieht. Gerüchte machen die Runde. Was ist eigentlich mit Rewe? Und wenn Rewe schon Brot und Kuchen verkauft, wie lange hält sich die Bäckerei direkt gegenüber? Nimmt vielleicht noch ein Ladeninhaber seinen Hut, wenn Kunden immer älter werden und womöglich immer weniger? Was unternimmt eigentlich der Vermieter, die Wohnungsgenossenschaft Kleefeld-Buchholz?

Der Apotheker Philip Winter hat die Roderbruch-Apotheke 2012 übernommen. Doch allmählich änderten sich die Bedingungen im Viertel. Zwei Frauenärzte verlagerten ihre Praxis in ein entferntes Ärztehaus, damit fehlten schon einmal Kundinnen und Rezepte. Dann schloss die Volksbank neben der Hopfenklause. Laufkundschaft gab es ohnehin kaum, jetzt noch weniger. Der Umsatz, sagt Winter, stagnierte. Dafür stiegen Kosten, unter anderem durch höhere Löhne. Als dann der Mietvertrag mit der Wohnungsgenossenschaft auslief, stellte sich für ihn die Frage, ob er weitermacht an einem Standort mit ungewisser Perspektive. Das Angebot der Vermieter: Ein Zehn-Jahres-Vertrag und Unterstützung beim Umzug in die leeren Räume der Volksbank. Aber Winter und seine Hausbank vermissten ein langfristiges Konzept für den Standort, Zukunftspläne der Genossenschaft blieben ihm zu vage, es gab, sagte er, mehr Gerüchte als handfeste Zusagen. „Und das wäre ja eine Katastrophe für uns: Wenn ein Ankermieter wie Rewe geht und wir ständen da mit unserem Vertrag auf zehn Jahre.“

Sechsstellige Investitionen notwendig

An einem neuen Standort hätte Winter ordentlich investieren müssen. Der Umzug in die leeren Volksbank-Räume wäre nur um die Ecke gewesen, aber er hätte laut Apothekenrecht genügt, dass die Roderbruch-Apotheke ihren Bestandsschutz verliert. In der Folge wären zahlreiche Neuerungen notwendig geworden, um das Geschäft auf modernes Format zu hieven. Winter zählt auf: „Diskretionszonen, Labor, Platz für vertrauliche Beratung, elektronisch öffnende Türen für barrierefreien Zugang, da ist man bei einer sechsstelligen Summe.“ Und das für eine Bausubstanz, die sehr in die Jahre gekommen sei. Am Ende aller Überlegungen sah Winter kein Land in Sicht für die Apotheke im Einkaufszentrum.

In der Nachbarschaft ist man derweil sauer. Manche auf die Apotheke, von der sie sich im Stich gelassen fühlen, viele auf die vermietende Genossenschaft. „Eine Unverschämtheit, was die mit uns machen“, sagt eine Dame nach einem Schluck Kaffee, die ihren Namen aber vorsichtshalber nicht nennen will - man verstehe doch, sie sei hier Mieterin. Es gab mal eine Drogerie, ein Schuhgeschäft und einen Fernsehladen. Manche rühren Betriebe ins Untergangsszenario, die schon sehr, sehr lange nicht mehr existieren. In der Summe entsteht daraus ein Gefühl, als ginge es unaufhörlich bergab.

Viele fahren mit dem Auto nach Misburg

So vernehmlich rumorte es im Viertel, dass die Genossenschaft sich veranlasst sah, zu reagieren und Gerüchten entgegen zu treten. Auf digitalen schwarzen Brettern verbreitete der Vorstand in den Blocks auf Bildschirmen eine „wichtige Information.“ Rewe schließe nicht, habe einen langfristigen Vertrag, mit der Stadt sei man in konstruktiven Gesprächen, um das Einkaufszentrum Heidering zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

Nötig wäre es wohl. Viele Bewohner fahren eben doch die paar Kilometer ins Zentrum nach Misburg und kaufen dort ein, wo mehr los ist. Rezepte reichen sie bei Apotheken in direkter Nachbarschaft von Ärztehäusern ein, weil meist vorrätig ist, was verschrieben wird. Nahversorger bleiben da oft Notnagel für Einkäufe auf den letzten Drücker oder diejenigen Kunden, die schon lange im angestammten Laden unten in der Passage kaufen.

Bei der Stadt hieß es, man wisse nichts von Gesprächen mit der Genossenschaft.

88 Prozent können zu Fuß einkaufen

Ungefähr 63.000 Menschen in Hannover können ihren Einkaufsmarkt nicht in der üblichen Fußgängerentfernung von 500 Metern aufsuchen. Das sind 12 Prozent der Bevölkerung. Andersherum heißt das. Etwa 88 Prozent haben einen Nahversorger in Fußwegentfernung, in dem sie sich mit Waren des täglichen Bedarfs eindecken können – das wäre in vielen Städten in Ostdeutschland Spitzenwert, auch in Westdeutschland nehmen die Entfernungen immer weiter zu.

Die Daten beruhen auf dem Einzelhandelskonzept, das das Baudezernat der Stadt in monatelanger akribischer Arbeit 2015 fertiggestellt hat. Die Stadt will damit ein juristisch unanfechtbares Instrument in der Hand haben, um das wilde Wuchern von Handelsmärkten zu begrenzen. Denn dass die Wege immer weiter werden, hat vor allem damit zu tun, dass der Handel aus Konkurrenzgründen auf immer größere Standorte setzt. Um diese dann auszulasten, braucht er immer größere Einzugsgebiete.

Auch dafür gibt es Zahlen: In den 15 Jahren zwischen 1993 und 2007 hat die Verkaufsfläche in Hannover um 25 Prozent auf 843.000 Quadratmeter zugelegt. Die Zahl der Betriebe allerdings stieg nur um 14 Prozent auf 3668 Geschäfte – ein Indikator dafür, wie stark die Konzentration im Handel zugenommen hat. Die Geschäfte liegen immer öfter geballt nebeneinander, anstatt sich über die Stadtteile zu verteilen – so können Kunden von Geschäft zu Geschäft gehen, aber die Wege dorthin werden eben immer weiter.

Jedes Jahr lehnt die Stadt 30 bis 40 Anträge von Handelsketten ab, neue große Märkte in sogenannten nicht integrierten Lagen zu eröffnen, die dann den alteingesessenen Geschäften in den Stadtteilen Konkurrenz machen.

med

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